Wa(h)re Bildung – Vom Schulbuchverlag zum Bildungsdienstleister
Alle reden von Bildung und ´Lebenslangem Lernen´. Ein lukrativer Markt also für die Branche der Bildungsanbieter. Im Rahmen ihres Schwerpunkts "Zukunft Bildung" beleuchtet die Frankfurter Buchmesse außer der kulturpolitischen Dimension dieses brisanten Themas auch die Potenziale und Chancen für Anbieter von Bildungsmedien – etwa durch den aktuellen Boom des so genannten Nachmittagsmarkts. Lebenslanges Lernen ist *das* Thema 2007, und über 1.300 nationale und internationale Verlage vom Global Player bis zum innovativen Kleinverlag stellen auf der Frankfurter Buchmesse Produkte zum Thema Bildung und Weiterbildung aus.
01.10.2007 Pressemeldung Frankfurter Buchmesse"Das Thema Bildung greifen wir als Buchmesse bewusst auf, weil die wirtschaftliche Bedeutung für die Verlage wächst. Gleichzeitig nimmt die Frankfurter Buchmesse die Forderung für eine Chancengleichheit beim Bildungsangebot ernst und bietet der Bildungsdiskussion eine Plattform", sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurt Buchmesse.
Konzentration im internationalen Markt: Es geht um Millionen
Im Ranking der größten internationalen Verlage spielen Bildungsverlage in der ersten Liga und mehrstellige Millionendeals sind bei Übernahmen keine Seltenheit. Ein jüngstes Beispiel ist der spektakuläre Verkauf der Harcourt Gruppe von Reed Elsevier an den britischen Wettbewerber Pearson und an die Houghton Mifflin Company: Allein die Transaktion an Pearson belief sich auf 950 Millionen Dollar. Mit dem Zukauf von Harcourt wird Pearson, aktuell mit einem Gewinn von 7.301 Millionen US Dollar die Nummer zwei hinter Reed Elsevier, an die Spitze drängen. Houghton Mifflin Riverdeep ist schon jetzt einer der führenden US-Bildungsverlage mit einem Umsatz von 1.400 Millionen US Dollar im internationalen Verlagsgeschäft. Mit dem Kauf der Harcourt-Anteile für vier Milliarden Dollar wird der Verlag im US-Markt einer der größten Anbieter von Unterrichtsmaterialien.
Auch Wolters Kluwer und die Thomson Corp. haben ihre Bildungssparten abgestoßen. Dass in beiden Fällen Private Equity Firmen zugeschlagen haben, wird auf der Buchmesse für Gesprächsstoff sorgen. Bridgepoint Capital hat für rund eine Milliarde US-Dollar das Wolters Kluwer-Paket übernommen und Thomson Learning ging an Apax Partners, eine der größten US Private Equity Firmen, und den kanadischen Pensionsfond OMERS.
Kerngeschäft Bildung – vom Schulbuchverlag zum Bildungsdienstleister
Einen Ausschnitt des vielfältigen Angebots der internationalen Verlage bietet auf der Frankfurter Buchmesse zum Beispiel der neu eingerichtete Educational Publishing Pavilion (EPP) in Halle 4.2, Stand A 403. Er ist eine Kooperation mit der amerikanischen Association of Educational Publishers (AEP) und vereint internationale Anbieter von Lernhilfen. Schwerpunkt ist hier vor allem der Nachmittagsmarkt.
Im deutschen Markt gehören die Klett Gruppe, die Cornelsen Verlagsgruppe und die Westermann Verlagsgruppe zu den Topverdienern. Sie stehen auf der Liste der 100 größten deutschen Verlage ganz oben und haben zusammen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 993 Millionen Euro erwirtschaftet. Die großen Schulbuchverlage haben sich längst zu Vollanbietern im Bildungsbereich entwickelt und verstehen sich als Bildungsdienstleiter, die mit ihren Produkten das gesamte Spektrum des lebenslangen Lernens abdecken. Dies beginnt inzwischen mit dem Vorschulbereich und reicht bis zur berufsbegleitenden Weiterbildung. Daneben sind rund 80 weitere Verlage im Bildungsbereich mit unterschiedlicher Fokussierung aktiv.
Jährlich bringen deutsche Bildungsanbieter rund 3.000 bis 4.000 neue Titel auf den Markt. Die Gemeinschaftspräsentation Bildung auf der Frankfurter Buchmesse, Halle 3.1 L 110, zeigt das breite Spektrum deutscher Anbieter von Bildungsmedien sowie der Initiativen und Institutionen in diesem Bereich. Kinder- und Jugendbuchverlage wie Arena und Loewe, Fachverlage wie W. Bertelsmann oder die Vogel Industrie Medien GmbH nutzen den Ausstellungsbereich neben anderen Akteuren wie Schulen ans Netz e. V. oder das Deutsche Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF).
Keine Goldgräberstimmung, aber gezielte Expansion
Trotz PISA-Schock und ersten eingeleiteten Bildungsreformen, trotz demographischer Veränderungen und der ständigen Betonung der Bedeutsamkeit von "lebenslangem Lernen" in einer Wissensgesellschaft, ist die Markteinschätzung der Verlage zurückhaltend. Das zentrale Geschäftsfeld ist nach wie vor das Schulbuchgeschäft, doch dieser Markt stagniert.
Auf seiner Wirtschaftspressekonferenz in diesem Jahr zog der VdS Bildungsmedien e.V. für die Schulbuchverlage eine sehr kritische Bilanz. Der dringend notwendige Innovationsschub finde bei der Ausstattung der Schulen mit neuen Schulbüchern und Bildungssoftware nicht statt. Weder im Bereich der beruflichen und privaten Weiterbildung noch im Bereich des schulischen Lernens gebe es Wachstumsimpulse. Bei den computergestützten Medien fällt das Urteil des Verbandsvorsitzenden Wilmar Diepgrond noch drastischer aus: "Diese sind im Unterricht nicht angekommen. Deutschland hinkt auch hier der internationalen Entwicklung hinterher." Trotz umfassender Bildungsreformen haben Länder und Kommunen 2006 nur rund 20 Euro pro Schüler ausgegeben. Bei gestiegenen Schülerzahlen nach der Wiedervereinigung schrumpfte der Lernmitteletat im selben Zeitraum um fast die Hälfte von 400 auf 220 Millionen Euro. Eltern können nur begrenzt die durch die Kürzungen entstandenen Lücken füllen. Die deutlichen Worte des Verbandes machen eindringlich auf eine bildungspolitische Misere aufmerksam.
Neue Lernermärkte – vor und nach der Schule
Dem gebremsten Wachstum im Kerngeschäft begegnen Bildungsverlage mit dem systematischen und gezielten Ausbau ihrer Geschäftsfelder. Bedarf sehen Verlage in allen Gebieten des individuellen Lernens. Vor allem der Vorschulbereich und der Nachmittagsmarkt mit seinen Angeboten zum unterrichtsbegleitenden Selbstlernen sowie Zusatzmaterialien für die pädagogische Fortbildung in allen Lernphasen bieten neue Chancen. Mit der Einführung von Bildungsplänen in Kindertagesstätten wächst die Nachfrage nach didaktischen Materialien und Weiterbildungsangeboten für Erzieherinnen, Eltern oder Tagesmütter. Cornelsen hat Anfang 2007 das pädagogische Fachprogramm von Beltz übernommen und führt dieses als Cornelsen Scriptor mit Fachliteratur zu allen Themen der frühkindlichen Bildung weiter.
Daneben entdecken Verlage die neue Zielgruppe der Jüngsten. Fremdsprachen sollen so früh wie möglich gelernt werden. Das ist bundesweit in den Lehrplänen für die Grundschule ab der 3. Klasse, vereinzelt bereits ab der 1. Klasse verankert und beflügelt die Programmmacher. 2007 lernten bereits 60 Prozent und damit 1,7 Millionen Grundschüler Englisch. Vom Vorschulbereich bis zur beruflichen Weiterbildung wird Sprachen lernen immer wichtiger. Langenscheidt baut seine Programme gezielt für alle Altersgruppen aus: von Hörkassetten, Merchandisingprodukten, Bilderbüchern oder Comics für die Jüngsten, Kindersoftware, der fremdsprachigen Erstleselektüre, den schulbegleitenden Lernhilfen bis zu Nachschlagewerken und den Lernprogrammen für Erwachsene. Etwa ein Drittel des Verlagsumsatzes entfällt inzwischen auf den Bereich des "Selbstlernens".
Das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus AG ist mit der Mehrheitsbeteiligung am Paetec Schulbuchverlag und der Gründung des Duden Paetec Schulbuchverlags 2004 in den Schulbuchmarkt eingestiegen. Der Paetec Verlag, 1990 in Ostberlin gegründet, hat mit seinen Schwerpunkten in den mathematisch, technischen und naturwissenschaftliche Fächern in den Neuen Bundesländern gute Kontakte, anerkanntes Know-how und Marktanteile von bis zu 80 Prozent. Die Synergieeffekte für den Dudenverlag lagen auf der Hand: Breites Programmportfolio, Markenwert und eine bundesweite Vertriebsstruktur boten optimale Voraussetzungen für die Einführung der Duden Lernmarke im Schulbuchgeschäft. Beim Nachmittagsmarktprogramm, das von Pappbilderbüchern bis zu den Abiturbänden reicht, kann der Dudenverlag auf ca. 280 Titel zurückgreifen. In diesem Jahr kommen 75 Neuerscheinungen hinzu und der prozentuale Anteil von Schulbuch- und Lernhilfenumsatz am Gesamtumsatz der AG beträgt rund 18 bis 20 Prozent mit wachsender Tendenz.
Potenziale von Internationalisierung
Die großen Bildungsanbieter erweitern ihr Angebot entweder durch Zukäufe. So hat Cornelsen die Studienkreis-Gruppe übernommen und mit dem Nachhilfeanbieter sein Engagement im Nachmittagsmarkt ausgedehnt. Oder sie sind wie Ernst Klett Sprachen mit Kooperationspartnern, Tochtergesellschaften oder Joint Ventures in europäischen Märkten vertreten.
Der Bildungsverlag EINS, unter Wolters Kluwer aus unterschiedlichen Einzelverlagen zusammengeführt, ist einer der führenden Anbieter im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung mit Lehr- und Fachbücher für ca. 300 Ausbildungsberufe sowie alle beruflichen Vollzeitschulen. Mit dem Verkauf der Bildungssparte an die Private Equity Firma Bridgepoint, profitiert der Verlag heute von der Synergie mit den europäischen Schwesterverlagen, vor allem den Niederlanden oder Großbritannien, die in der Entwicklung neuer Lernkonzepte bereits weiter sind. Im Mittelpunkt stehen multimediale Lernangebote zum Buch, Lernumgebungen und Lernportale als Unterrichtsbegleitung oder zur Weiterbildung.
Bildung statt Spiele
Generell zeigt sich bei den Bildungsverlagen die Tendenz, sich bei neuen Produkten von staatlichen Ausgaben und Budgets unabhängiger zu machen, besonders bei computergestützten Medien. Sie galten vor Jahren als Grundlage für modernen Unterricht und individuell ausgerichtetes Lernen. Heute ist das Schulbuch Leitmedium. CD, DVD oder Onlineangebote liefern vertiefende Lerneinheiten und Zusatzinformationen. Die Kombipacks sind für den heimischen Arbeitsplatz gedacht und der digitale Träger ist im Buchpreis enthalten.
Die mangelnde Bereitschaft der öffentlichen Hand, für eine moderne Ausstattung der Schulen mit Lehrmitteln zu sorgen, beobachten die Verlage mit Sorge. Immer mehr müssen Eltern in die Bresche springen. Auf der Frankfurter Buchmesse wird es deshalb nicht nur um Neuerscheinungen gehen, sondern in zahlreichen Veranstaltungen im SPIEGEL-Bildungsforum und beim Bildungskongress am Messe-Samstag auch um die Frage, was Bildung wert ist. Neben den Appellen an die Politik macht der VdS Bildungsmedien deutlich, dass die Anschaffung moderner Lernmittel nicht am Geld allein scheitert. 637 Millionen Euro sind laut einer Untersuchung der Trend Tracking Kids 2006 für Spielesoftware ausgegeben worden. Der Branchenumsatz von Bildungsmedien für das schulische, berufsorientierte und Freizeitlernen lag derweil bei rund 500 Millionen Euro.
Im Text genannte Bildungsanbieter und –plattformen auf der Frankfurter Buchmesse:
Educational Publishing Pavilion (EPP), Halle 4.2 A 403
Association of Educational Publishers, Halle 4.2 A 403
Gemeinschaftspräsentation Bildung, Halle 3.1 L 110
SPIEGEL-Bildungsforum, Halle 3.1 L 105
Internationale Verlage
Pearson Education, Halle 8.0 H 940
Thomson Learning, Halle 8.0 G 966
Mc-Graw-Hill Education, Halle 8.0 M 934
Scholastic Corp., Halle 8.0 G 944
Houghton Mifflin, Halle 8.0 O 926/927
Harcourt International Education Group, Halle 8.0 E 904
Deutsche Verlage
Bildungsverlag EINS, Halle 8.0 M 948
Cornelsen Verlag, Halle 3.1 C 136
Duden Paetec Verlag/ Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Halle 3.0 C 167
Ernst Klett Verlag, Halle 3.1 C 181
Langenscheidt Verlag, Halle 3.0 E 171
Die Frankfurter Buchmesse ist mit mehr als 7.000 Ausstellern aus über 100 Ländern die größte Buchmesse der Welt. Sie organisiert darüber hinaus die Beteiligung deutscher Verlage an mehr als 25 internationalen Buchmessen und ist Mitbegründerin der Cape Town Book Fair in Südafrika. Mit www.buchmesse.de unterhält sie das weltweit meist genutzte Portal für die Verlagsbranche. Die Frankfurter Buchmesse ist ein Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
Ansprechpartner
Frankfurter BuchmesseReineckstr. 3
60313 Frankfurt am Main
Web: http://www.buchmesse.de
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