Warum hat die diesjährige didacta eine so große Anziehungskraft?
(bikl) In Schlagzeilen und politischen Statements hat Bildung einen Spitzenplatz - im Portemonnaie sieht's anders aus. Im vergangenen Jahr wurden von den Ländern und Kommunen lediglich 20 Euro pro Schüler für Schulbücher und Unterrichtssoftware ausgegeben. 1991 waren es noch umgerechnet 34,30 Euro. Und auch die Familien haben im letzten Jahr weniger als 2 Euro pro Monat für Schulbücher locker gemacht. Kein Grund zum Jubeln also für die Bildungswirtschaft. Dennoch gab es noch nie so viele Aussteller wie auf der diesjährigen didacta. bildungsklick.de wollte von ihnen wissen, warum Köln in diesem Jahr eine so große Anziehungskraft ausübt: Ist das bereits ein Zeichen für die Trendwende oder wird die didacta 2007 dazu erst noch ihren Beitrag leisten?
26.02.2007 Artikel W. Arndt Bertelsmann, Geschäftsführender Gesellschafter W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld
"Bei der aktuellen Diskussion über die Veränderung von Bildung und Bildungsprozessen stoßen Anschauungen aufeinander und zunehmend auf Fakten. Mit dem ersten Bildungsbericht für alle Bildungsbereiche, herausgegeben von der Bundesregierung und der KMK, der im wbv erschienen ist, gibt es ein umfassendes Grundlagenwerk für die weitere Gestaltung von Bildung. Parallel dazu bietet die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" einen Vergleich im internationalen Kontext, dem niemand ausweichen kann.
Konsens herrscht darüber, dass Bildung Grundlage und Schlüssel für die zukünftige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ist. Gesellschaftliche Teilhabe ist nur durch angemessene Bildung und Entwicklung von Kompetenzen zu erreichen. Daher werden Politik, Wirtschaft und auch einzelne Bürger Veränderungen bewirken und mehr in Bildung investieren. Die didacta ist ein hervorragendes Forum für konkretes Handeln und Gestalten. Wir werden mit Literatur und Vorträgen einen Beitrag zur Orientierung und Weiterentwicklung bieten und rechnen mit großer Aufmerksamkeit der Messebesucher."
Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer für den Bereich Marketing beim Cornelsen Verlag, Berlin
Tatsächlich nehmen auch wir einen Unterschied zwischen der fokussierten politischen Diskussion über das Thema Bildung und den real dafür eingesetzten Ressourcen wahr. Das Deutsche Bildungssystem bedarf dringend der Umsetzung der eingeleiteten Reformen, und das kostet Geld, jedenfalls mehr Geld, als man bedingt durch die demografische Entwicklung in den nächsten Jahren einsparen könnte bzw. zusätzlich zur Verfügung hätte. Deutschland hinkt weiter hinterher, bei der Finanzierung von Bildungsmedien wie bei der Ressourcenzuteilung für Bildungsinnovation generell, denken Sie nur an die Entwicklung der neuen Medien in Schule.
Die didacta zeigt, dass die Anbieterseite auf den Wandlungsprozess gut eingestellt ist, die Qualität und Quantität der Angebote lässt wohl kaum einen Wunsch übrig. Wir alle haben aber die Aufgabe, die Budgetzuteilung entsprechenden der notwendigen Priorität für das Thema Bildung von den Verantwortlichen in der Politik einzufordern.
Klaus Holoch, Sprecher des Bibliographischen Instituts in Mannheim
Die didacta ist für uns in diesem Jahr enorm wichtig, weil wir uns mit Duden immer noch in dem Spielfeld Schule etablieren wollen und zwar im Vormittagsmarkt und da ist Nordrhein-Westfalen von zentraler Bedeutung. Das ist sicherlich auch ein Grund, dass die Ausstellerzahlen insgesamt in diesem Jahr so hoch sind: Weil Nordrhein-Westfalen einfach der spannendste Bildungsmarkt ist. Dort entscheidet sich für Duden im Grundschulbereich, wie wir vorwärts kommen. Wir sind gut unterwegs - aber der nächste Meilenstein soll in NRW gesetzt werden. Deshalb treiben wir relativ Aufwand. Wir sind dort mit einem großen Dudenstand vertreten, wo wir die Berliner und die Mannheimer Unternehmensinteressen unter der Marke Duden gebündelt haben. In Marktuntersuchungen haben wir festgestellt, dass die Lehrer noch Aufklärung brauchen darüber, dass Duden tatsächlich auch am Vormittag präsent ist. Deshalb haben wir unter anderem das Projekt www.schulbuecher-sind-wichtig-weil.de erfunden, eine Videoaktion, die stark mit der Marke Duden verbunden ist, damit jedem Lehrer auf der Messe klar wird, dass Duden ihm jetzt auch Angebote für seinen Unterricht macht.
Peter Kniep, Geschäftsführer Vertrieb der Verlagsgruppe Westermann, Schroedel, Diesterweg, Schöningh und Winklers in Braunschweig
Die deutsche Bildungslandschaft befindet sich mitten im Umbruch. Die Notwendigkeit zu durchgreifenden Änderungen wurde erkannt und ist in Angriff genommen worden. Das ist erst einmal erfreulich. Aber 20 Jahre relative Stagnation sind nicht im Hauruckverfahren zu überwinden.
Ich möchte drei Aspekte ansprechen:
- Der Staat weist den Eltern mehr Verantwortung zu, auch finanzielle. Das ist tendenziell richtig (wenn die soziale Komponente berücksichtigt wird), sollte aber nicht dazu führen, dass der Staat in seinen Anstrengungen nachlässt. Geringere Kinderzahlen, die Verkürzung der Schulzeit, die Schließung von Schulstandorten sind wirksame Entlastungsfaktoren für den Staat. Das Gesamtbudget für den Bildungssektor in Deutschland ist und bleibt deutlich zu niedrig.
- Die inhaltlichen Änderungen der neuen Bildungspläne sind vielfach nicht zu Ende gedacht und werden an vielen Stellen in rascher Abfolge erneuert. Das ist dem Gesamtprozess nicht unbedingt zuträglich, auch wenn insgesamt eine dynamischere Entwicklung im Bildungssektor vonnöten ist.
- Neben der inhaltlichen Erneuerung bedarf es im Bildungssystem auch der finanziellen Flankierung. Nur wenn beide, Staat und Elternschaft die Verantwortung im Bildungsprozess übernehmen und beide auch materiell dafür einstehen, dass Bildung höchste Priorität genießt, werden wir mittelfristig wieder bessere Bildungschancen für die heranwachsende Generation schaffen.
Fazit: Eine Bildungsmesse kann dafür sensibilisieren, Wege zeigen, den Dialog fördern. Deshalb wird die didacta in Köln dazu einen Beitrag leisten.
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