bildung+ über zukunftsfähiges Pflegen

Norbert Blüm wird zu Recht als Vater der Pflegeversicherung bezeichnet. Im Interview mit bildung+leben [www.bildung-plus.de/](http://www.bildung-plus.de/index.cfm?F8FEAE31EA1D4C56A0946A7649CA9840) berichtet er über die Entwicklung der Pflegeversicherung, Chancen und Risiken für die Menschen und seinem Wunsch nach Professionalisierung der Pflege. So engagiert sich Norbert Blüm z. B. als Kurator bei der Stiftung Pflege und fordert: Wissenschaft und Praxis müssen Hand in Hand arbeiten.

12.07.2005 Pressemeldung bildung+

Die Einführung der Pflegeversicherung hat dazu beigetragen, dass Pflege öffentlich diskutiert und Lösungen aktiv angegangen werden. Dem kann Blüm nur zustimmen, wenn er sagt: "Die Pflegeversicherung als 5. Säule unserer Sozialversicherung hat dazu beigetragen, dass Pflege öffentlich diskutiert wurde. Dieser gesellschaftlichen Aufgabe wurde erstmalig ein Gesetz gewidmet, das sich mit dem Lebensrisiko Pflegebedürftigkeit umfänglich auseinandersetzt. Nicht nur alle Politiker mussten sich über Jahre ihrer Entwicklung mit diesem Thema auseinandersetzen, sondern Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, Kostenträger waren ebenso eingebunden wie die Bürger. Besonders alte Menschen in Pflege- und Altenheimen waren vor Erlass der Pflegeversicherung Sozialhilfeempfänger. Ihnen verblieb nur ein kleines Taschengeld, das zur Deckung kleiner persönlicher Bedürfnisse oftmals nicht ausreichte. 10 Jahre nach der Einführung der Pflegeversicherung können wir auf eine positive Bilanz blicken. Die Pflegeversicherung trägt dazu bei, dass wesentlich weniger Menschen auf Grund von Pflegebedürftigkeit sozialhilfeabhängig werden. Nicht nur die Betroffenen, sondern nun erfahren auch die pflegenden Angehörigen erstmalig eine Anerkennung ihrer Leistungen. Damit ist ein erster grundlegender richtiger Schritt gesetzt worden, der natürlich der Weiterentwicklung bedarf. Hierzu soll auch die ,Stiftung Pflege' einen Beitrag leisten."

Aus dem Interview:

bildung+: Der Zielsetzung der Stiftung Pflege ist zu entnehmen, dass sie sich auf die Akademisierung der beruflich Pflegenden ausrichtet. Geht das dann nicht an den von ihnen beschriebenen Problemen vorbei?

Blüm: Um die beschriebenen Probleme lösen zu können bedarf es systematisch gewonnener Erkenntnisse. Bisher beschäftigte sich in Deutschland damit kaum jemand. Pflegende, die von ihrem Beruf viel verstehen, konnten nur dort wirken, wo sie tätig waren. Es gab weder finanzielle Mittel, die der Ermittlung von pflegerelevanten Fragen in unserer Gesellschaft dienten, noch hatten wir Kenntnisse über die Effizienz oder die Effektivität pflegerischen Handelns. Zur Zeit arbeiten mehr als 1 Million Menschen beruflich in der Pflege, neben den fast 2 Millionen Menschen, die ihre eigenen Angehörigen pflegen. Der Wissensstand über das was sie tun, wie sie es tun und ob dieses Vorgehen erfolgreich ist, existiert so gut wie gar nicht. Zumeist werden Pflegende auf der Grundlage von vermutetem oder eines in der Praxis bewährten Verhaltens ausgebildet, ob dieses jedoch das ist, was die Menschen brauchen, ist nicht geklärt. Jeder große gesellschaftliche Bereich hat die Möglichkeit, seine eigenen Erkenntnisse wissenschaftlich zu erarbeiten und damit einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft zu leisten, ob dieses nun die Pädagogen, die Juristen, die Architekten oder die Mediziner sind. Nur in dem großen Bereich der Pflege, der ja nicht nur die Menschen betrifft, die zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen gepflegt werden - es kommen ja noch ca. 16 Mio. Bundesbürger pro Jahr dazu, die der pflegerischen Unterstützung in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken bedürfen - existiert diese wissenschaftliche Absicherung nicht. Auch die die Einrichtungen der Behindertenhilfe und die Hospize werden nicht berücksichtigt. Wir können es uns nicht leisten, weder aus der Perspektive der Betroffenen, noch der Kostenträger, dass eine Pflege gegeben wird, die primär aus Ritualen besteht, die auf ihre Wirkung hin nicht überprüft wurden.
Noch immer erleiden zu viele Menschen ein Druckgeschwür, welches, wenn mehr Wissen vorhanden wäre, hätte vermieden werden können. Menschen werden vor Operationen rasiert, obwohl inzwischen wissenschaftliche Erkenntnisse darüber vorliegen, dass die Gefahr einer Infektion der Operationswunde damit zunimmt, immer noch werden Menschen mit Demenz zu häufig mit Sedierungsmedikamenten behandelt, obwohl inzwischen Erkenntnisse über die Bedeutung gezielter personenorientierter Konzepte vorliegen. Wir benötigen daher dringend wissenschaftlich abgesicherter Erkenntnisse, damit z.B. Schmerzen frühzeitig erkannt werden und Bettlägerigkeit vermieden werden kann.

bildung+: Wenn ich das richtig verstehe sollen alle Pflegenden wissenschaftlich arbeiten und wer pflegt dann noch?

Blüm: Ebenso wie in anderen Berufen bedarf es eines Anteils von Berufsangehörigen, die sich um die Entwicklung neuer Erkenntnisse kümmern und anderer, die diese Erkenntnisse anwenden. So werden in der Pädagogik neben Hochschullehrern, Lehrer, Erzieherinnen, Heilerziehungspfleger und Eltern benötigt, die sich für die Erziehung unserer Kinder verantwortlich fühlen. Dieses muss auch auf die Pflege zutreffen. Wir benötigen Menschen, die sich verantwortlich fühlen neue Erkenntnisse in der Pflege zu entwickeln und diese dann den Anwendern zur Verfügung zu stellen. Wir in der Stiftung gehen davon aus, dass ca. 10 % der Berufsangehörigen in der Pflege eine akademische Ausbildung durchlaufen müssten, damit eine Wissensentwicklung entstehen und eine Kultur der Wissensvermittlung entwickelt werden kann. Hier haben wir im Vergleich zum europäischen Umfeld dringenden Nachholbedarf. Während andere Länder seit mehr als 100 Jahren Pflegenden den Zugang zur Forschung ermöglichen ist dies in Deutschland erst seit 1990 der Fall. Die jetzt vorhandenen Studienangebote führen dazu, dass wir erst in ca. 50 Jahren 10 % der Berufsangehörigen akademisch qualifiziert haben werden. Das heißt, hier besteht Bedarf an systematischer Unterstützung, den wir u. a. mit Hilfe der "Stiftung Pflege" auf den Weg bringen wollen.

Das vollständige Interview ist nachzulesen in bildung+leben 1/2005. Ansichtsexemplare der aktuellen Ausgaben erhalten Sie bei:
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Die Stiftung Pflege e.V. fördert die Pflegewissenschaft und -forschung an Hochschulen, unterstützt die akademische Ausbildung von Pflegeforscherinnen und -forschern, sorgt dafür, das die gewonnenen Erkenntnisse auch tatsächlich die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen erreichen, berät die Politik, wie die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse am besten in die Praxis umgesetzt werden können und informiert Pflegefachpersonen, Patienten und Angehörige in breiter Form über Qualitätsanforderungen und -möglichkeiten von Pflege. Zahlreiche Partner, darunter auch der Erhard Friedrich Verlag und die Barmer Ersatzkasse unterstützen die Stiftung Pflege bereits heute.
Kontakt: Stiftung Pflege e.V., Geisenbergstraße 39, 10777 Berlin, Tel. 030 / 21915720, www.stiftung-pflege.com.

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