Kultusminister sieht europäische Harmonisierungsbestrebungen im Bereich der beruflichen Bildung mit Skepsis - Rau: Keine Vergleichbarkeit um jeden Preis

Eine europaweite Vergleichbarkeit der beruflichen Ausbildung wird es "nicht um jeden Preis" geben. Das betonte Kultusminister Helmut Rau MdL anlässlich einer Fachtagung des Verbandes Druck und Medien am Freitag in Stuttgart. Die derzeitigen Harmonisierungsbestrebungen der Europäischen Union (EU) dürften nicht ein Berufsausbildungssystem zum Ergebnis haben, "das nur noch Teilqualifikationen vermittelt". Das Land werde an dem nach Berufen geordneten System der dualen Ausbildung festhalten.

20.01.2006 Baden-Württemberg Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Die EU arbeitet derzeit an einem "Europäischen Qualifikationsrahmen", mit dessen Hilfe die nationalen Systeme beruflicher Ausbildung vergleichbar und transparent gemacht werden sollen. Dies darf nach Ansicht Raus nicht zu Lasten der Ausbildungsqualität gehen. Damit seien Lösungen ausgeschlossen, die auf eine bloße Zertifizierung genau festgelegter Einzelfertigkeiten abzielten. Das Sammeln von Zertifikaten und Scheinen dürfe nicht an die Stelle einer soliden fachlichen Ausbildung treten, so der Kultusminister. Ein solches Ausbildungssystem sei ungeeignet, eine qualifizierte Facharbeiter- und Handwerkerschaft hervorzubringen.

Es sei deshalb notwendig, innerhalb Deutschlands mit allen Beteiligten einen Konsens darüber zu erzielen, dass das bewährte Aus- und Weiterbildungssystem in einem nationalen Qualifikationsrahmen angemessen widergespiegelt und mit dem "Europäischen Qualifikationsrahmen" verzahnt wird. Baden-Württemberg werde konsequent in diesen Abstimmungsprozess einbringen.

Neue Ausbildungsformen erproben und umsetzen

Vor dem Hintergrund des strukturellen und technologischen Wandels in der Wirtschaft sei es vielmehr notwendig, neue Ausbildungsformen in den Betrieben und der Berufsschule zu erproben und umzusetzen. Basis der schulischen Ausbildung müsse das Lernen an den betrieblichen Ablaufstrukturen sein. Praxisnähe und die Ganzheitlichkeit der Lernprozesse bildeten dabei zentrale Bausteine. Herkömmliche Unterrichts- und Ausbildungsformen wie Frontalunterricht oder Einzelausbildung am Arbeitsplatz müssten noch stärker durch Lernformen wie Projektarbeit, Gruppenlernen und selbst organisiertes Lernen ergänzt werden. Daneben gewinne auch die Nutzung neuer Medien in der dualen Berufsausbildung weiter an Bedeutung.

Betriebe sollen über Bedarf ausbilden

Kultusminister Rau appellierte an die Betriebe, zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden. Die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen in ausreichender Zahl seitens der Wirtschaft sei die Grundvoraussetzung für ein funktionierendes duales Ausbildungssystem. Die Entwicklung der Schülerzahlen im Teil- und Vollzeitbereich veranschauliche deutlich, wie sich der Rückgang der Zahl der Auszubildenden im dualen System auf die gesamte Bildung ausgewirkt habe. So sei ein Rückgang der Teilzeitschüler vom Schuljahr 1990/91 bis zum Schuljahr 2005/06 um 36.987 Schülerinnen und Schüler zu verzeichnen bei gleichzeitigem Anstieg der Vollzeitschüler um 47.950. Den beruflichen Schulen sei es nur unter erheblichen Anstrengungen gelungen, diese Schülerinnen und Schüler in vollzeitschulische Bildungsgänge aufzunehmen. Rau sprach sich dafür aus, den im Jahr 2004 verabschiedeten Ausbildungspakt zwischen Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften fortzuschreiben.


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