"Lernen für den Ganztag"

Für Bildungsministerin Edelgard Bulmahn liegt die Zukunft unseres Bildungssystems in der Ganztagsschule. In einem Interview, das die Ministerin bildung+ gegeben hat, berichtet sie über ihre Visionen für die Schule der Zukunft.

15.02.2005 Pressemeldung bildung+

Für Edelgard Bulmahn ermöglicht die Ganztagschule "eine neue Lehr- und Lernkultur, die in unserem Land dringend nötig ist." Außerdem hat PISA gezeigt: Die soziale Herkunft unserer Kinder entscheidet über deren spätere Bildungskarriere. "Die Ganztagsschule gewährleistet mehr Zeit für eine bessere individuelle Förderung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Auch die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche eine wesentlich längere Zeit des Tages gemeinsam lernen und gemeinsame Nachmittagsangebote gestalten, kann dazu beitragen, dass der dramatische Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg abgebaut wird. Für viele Kinder eröffnen sich mit ganztägigen schulischen Angeboten neue Chancen, die ihnen im familiären Umfeld vielfach nicht geboten werden können. Dabei müssen wir eine neue Kultur der individuellen Förderung entwickeln. Die durch die Begleitangebote ermöglichte Beratung, Fortbildung und Vernetzung der Schulen soll wesentlich dazu beitragen."

Aus dem Interview:

bildung+:

Das vielleicht bitterste Ergebnis von PISA bleibt jedoch: Die soziale Herkunft unserer Kinder entscheidet über ihre Bildungskarriere. Kann dort die Einführung von Ganztagsschulen wirklich etwas ändern?

Bulmahn:

Die Ganztagsschule gewährleistet mehr Zeit für eine bessere individuelle Förderung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Auch die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche eine wesentlich längere Zeit des Tages gemeinsam lernen und gemeinsame Nachmittagsangebote gestalten, kann dazu beitragen, dass der dramatische Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg abgebaut wird. Für viele Kinder eröffnen sich mit ganztägigen schulischen Angeboten neue Chancen, die ihnen im familiären Umfeld vielfach nicht geboten werden können. Dabei müssen wir eine neue Kultur der individuellen Förderung entwickeln. Die durch die Begleitangebote ermöglichte Beratung, Fortbildung und Vernetzung der Schulen soll wesentlich dazu beitragen.

bildung+:

In einigen Bundesländern - ich denke da im Besonderen an Bayern - haben zum Beispiel die Hauptschule und der "Quali", wie er von den dortigen Jugendlichen genannt wird, einen hohen Stellenwert. Ihnen Frau Bulmahn wird aber gerne unterstellt, die Hauptschule im Zuge der Einführung der Ganztagschule mit abschaffen zu wollen. Bedeutet die Einführung der Ganztagsschule also das Ende unseres dreigliedrigen Schulsystems?

Bulmahn:

Mir geht es darum, zu verhindern, dass weiter ein knappes Viertel unserer Jugendlichen am Ende der Schulzeit kaum Perspektiven für ihre persönliche und berufliche Zukunft haben. Eine Gesellschaft, die das hinnimmt, übersieht im Übrigen, welcher Sprengstoff darin für den sozialen Zusammenhalt und für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes liegt. Leider gibt es bei PISA 2003 keine signifikante Verbesserung im Bereich der Hauptschulen. Kurzfristig müssen wir daher alles daran setzen, gerade auch in den Hauptschulen die individuelle Förderung und die Qualität des Unterrichts wesentlich zu verbessern. Mittel- und langfristig werden wir jedoch an den Strukturreform nicht vorbeikommen, wenn wir es ernst meinen mit der Überwindung des dramatischen Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

bildung+:

Führen diese Debatte und die um die Einführung der Ganztagsschule nicht zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit den Kultusministerien der Länder, die sich nun in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sehen?

Bulmahn:

Insgesamt ist der bedarfsgerechte Ausbau der Ganztagsschulangebote ein Beispiel für eine vorbildliche Zusammenarbeit von Bund und Ländern.
Der Bund stellt vier Milliarden Euro zur Verfügung - für Investitionen zum Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen. Alle Entscheidungen über die Verwendung der Mittel und die inhaltliche Ausgestaltung obliegen jedoch den Ländern. Die Länder tragen auch die zusätzlichen Personal- und Sachkosten. Wir unterstützen die Länder bei der inhaltlichen Gestaltung der neuen Angebote durch ein inhaltliches Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztätig lernen" gemeinsam mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und durch eine länderübergreifende Begleitforschung.

Das vollständige Interview ist nachzulesen in bildung+medien 1/2005. Diese Ausgabe erscheint zur didacta 2005, der Bildungsmesse in Stuttgart.

Ansprechpartner

bildung+
Im Brande 17
30926 Seelze/Velber
Web: http://www.bildung-plus.de

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