Kita

„Der Mangel kam mit Ansage“

Die Personaldecke in vielen Kitas wird immer dünner, die Belastung steigt. Was sich ändern muss und warum die Betreuungszeiten gekürzt werden sollten, statt Abstriche bei der Qualität zu machen, erklärt Mario Gräff im Interview mit Vincent Hochhausen.

02.10.2024 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Wie macht sich der Fachkräftemangel in Ihren Einrichtungen bemerkbar?

Wir haben zum Glück keine flä- chendeckenden Betreuungslücken. Aber wie viele andere Träger auch haben wir Schwierigkeiten, mit Krankheiten und ungeplanten Ausfällen umzugehen, weil wir über die öffentliche Förderung eine dünne Personaldecke haben und diese keine personellen Spielräume zulässt. Deswegen sind Notfallpläne so wichtig, die mit den Eltern abgestimmt sind, damit diese zumindest wissen, was auf sie zukommen kann.

Sie finden also kein zusätzliches Personal?

Es ist schwieriger als früher, freie Stellen zu besetzen, aber das ist nicht das einzige Problem. Wir haben keine finanziellen Spielräume für Stellen, die über den gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel hinausgehen. Denn dafür reicht die Förderung durch die Kommunen und Länder einfach nicht aus, von der wir wie andere Träger auch unsere Ausgaben decken müssen.

Was muss sich ändern, um Kitas angemessen zu besetzen?

Vor allem muss viel mehr ausgebildet werden, denn sonst steuern wir in den nächsten Jahren auf eine immer größere Fachkräftelücke zu. Die Zahlen der Bertelsmann-Stiftung sind ja dramatisch. Der derzeitige Mangel kommt nicht überraschend, er kam mit Ansage. Dennoch wurden die Ausbildungskapazitäten nicht genügend ausgebaut. Das muss sich dringend ändern. Auch dass die Ausbildung kostenpflichtig ist, darf nicht so bleiben.

Mario Gräff ist Gesamtleiter Kita-Betrieb und Pädagogik beim freien Kita-Träger educcare, der deutschlandweit 50 Kitas betreibt. Zuvor arbeitete er als Erzieher, Kita-Leiter und Fachberater.

Muss auch der Erzieherberuf attraktiver werden, etwa durch mehr Gehalt?

Ich glaube, dass das Gehalt ein Faktor ist, aber nicht der wichtigste, denn da hat sich in den letzten Jahren schon viel getan. Der Beruf an sich ist alles andere als unattraktiv. Es gibt wenig Berufe, die sinnstiftender und erfüllender sind, zudem ist die Kita-Arbeit abwechslungsreich und zukunftssicher. Aber die hohe Arbeitsbelastung wegen einer unzureichenden Fachkraft-KindRelation führt zu Frustration und das muss sich ändern. Es darf auf keinen Fall passieren, dass der Personalmangel zu Lasten der Bildungs- und Betreuungsqualität geht.

Wie kann das funktionieren, wenn es zu wenig Kita-Fachkräfte für den Betreuungsbedarf gibt?

Im Zweifel müssen Träger die Betreuungszeiten einschränken. Entweder es ändern sich die Rahmenbedingungen oder wir werden zukünftig nicht mehr flächendeckend 45 Stunden Betreuungen anbieten können, unabhängig vom jeweiligen Träger. Da fehlt es meiner Meinung nach an Ehrlichkeit in der Politik: Niemand wagt, dies auszusprechen. Alle müssen unterstützen – auch die Arbeitgeber, indem sie etwa den Angestellten mit Kindern mehr Möglichkeiten für Homeoffice einräumen.

Was sollte passieren, damit der Mangel nicht zum Dauerzustand wird?

Ein Ansatz wäre es, den Fachkraft- in einen Personalschlüssel umzuwandeln und in Kitas sorgsam auch Personal mit anderen Hintergründen zuzulassen, etwa Künstler oder Musiker. Aber nur behutsam, denn die Bildungsqualität muss immer im Vordergrund stehen. Die Träger hätten dann die Verantwortung, multiprofessionelle, kompetente Teams zusammenzustellen und sie gut zu begleiten. Entsprechende Qualitätsstandards könnte die Politik gesetzlich verankern, evaluieren und kontrollieren.


Dieses Interview ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 3/2024, S. 40-41 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_3_2024/#0



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