Heiligsprechen und nicht voll quatschen
(bikl) Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat am Freitag die ersten von einer Expertengruppe vorgelegten Vorschläge für eine Korrektur der Rechtschreibreform präsentiert.
09.04.2005 Artikel
Befasst hatten sich die Experten mit den strittigsten Fragen der Getrennt- und Zusammenschreibung. Danach sollen künftig "krankschreiben", "kranklachen" oder "vollquatschen" nicht mehr getrennt geschrieben werden. Denn in solchen Fällen hätten die Wörter eine "idiomatisierte Gesamtbedeutung", das heißt, sie bildeten vom Sinn her eine Einheit.
"Es ist mühsam"
Generell wird von der Arbeitsgruppe vorgeschlagen, die Schreibweise von Wortkombinationen stärker als in der Reform vorgesehen dem Sinn folgen zu lassen. Er gehe davon aus, dass die jetzigen Vorschläge der Arbeitsgruppe bei dem Plenartreffen des Rates für deutsche Rechtschreibung am 3. Juni die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit finden, erklärte der Vorsitzende des Rats, Hans Zehetmair (CSU). Die Kultusministerkonferenz (KMK) habe signalisiert, dass sie sich dem Votum des Rates nicht verschließen werde. "Ich rat's auch nicht", so Zehetmair. Endgültige Beschlüsse will der Rat aber erst im Juni fassen. "Wir kommen voran, aber es ist mühsam", so Zehetmair.
"Pädagogische Sensibilität"
Zehetmair machte deutlich, dass die Vorschläge bis zum Beginn des nächsten Schuljahres wahrscheinlich nicht mehr in alle Schulbücher und Lexika eingearbeitet werden könnten. "Ich halte es nicht für möglich, dass man das gedruckte Wort noch einmal umstellt bis dahin", räumte er ein. Von den Lehrern werde dann eben eine "gewisse pädagogische Sensibilität" erwartet, solche Wörter nicht als Fehler anzustreichen. Als nächstes will sich der Rat die Trennung am Zeilenende und die Zeichensetzung vornehmen. "Wir werden dazu raten, wieder mehr Kommas zu setzen", sagte Zehetmair.
KMK: Verbände anhören
Die Kultusminister teilten mit, sie werden über die Vorschläge des Rates erst entscheiden, wenn auch Verbände dazu angehört worden seien. Dazu gehörten zunächst die Vertreter der Schulen, insbesondere der Lehrer- und Eltern, sowie der Behörden. Außerdem sollten Vertreter solcher Einrichtungen angehört werden, die aufgrund ihres Umgangs mit Sprache und Rechtschreibung deren Fortentwicklung beurteilen können oder voraussichtlich an der Umsetzung der Beschlüsse des Rates beteiligt sein werden.
Reformgegner zufrieden
Friedrich Denk, einer der schärfsten Gegner der Reform, zeigte sich zufrieden mit den Korrekturen. Von der großen Rechtschreibreform werde nur noch das Doppel-s übrig bleiben, prognostizierte er. Christian Wulff, ein Hauptkritiker der Rechtschreibreform erklärte, wenn künftig wieder "zusammengeschrieben wird, was zusammengehört, trägt das zur Befriedung im Rechtschreibstreit bei". Es sei dem Rat zu wünschen, "dass er noch etwas weiter auf die guten Argumente der Reformgegner eingehen wird, um damit für eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung zu sorgen".
"Schule hat andere Sorgen"
In einem Kommentar des Berliner Tagesspiegel am 8. April 2005 heißt es unter dem Titel "Zurück in den Elfenbeinturm": "...die Kritiker, unter ihnen so mancher Fanatiker, sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass die nachwachsende Generation die alten Schreibungen nicht vermisst. Sie hat sie nie kennen gelernt. Die Lehrer sind zufrieden mit den Erleichterungen, die die Reform gebracht hat. Der Kampf der Reformgegner ist deshalb absurd. Sie sollten sich in ihre Elfenbeintürme zurückziehen. Denn die Schule hat weiß Gott andere Sorgen."
Weitere Informationen
Bildungs-Special Rechtschreibreform
Zurück in den Elfenbeinturm (Tagesspiegel 08.04.05)
Keine Kommentare vorhanden