Jugendliche mit Medien stärken

(bikl) "Die Funktion und Bedeutung des Lehrers als Pädagoge ist historisch zu Ende." Professor Dr. Franz Josef Röll von der Fachhochschule Darmstadt entwarf auf der Fachtagung "Selbst steuern. Selbst gestalten - Bildung mit digitalen Medien" im bayrischen Josefstal ein neues Lehrerbild.

20.05.2005 Artikel

Die Tagung bildete gleichzeitig den Abschluss des zweijährigen Weiterbildungsprogramms Computermedienpädagogik des Studienzentrums Josefstal. Dort präsentierten die vierzehn Kursteilnehmer Ende vergangener Woche ihre Bildungsprojekte.

AUFrichten statt UNTERrichten

Egal ob es dabei um Naturwissenschaften im Kindergarten, um ein Internetportal von Behinderten, um die Arbeit mit jungen Migranten oder um die Auseinadersetzung mit Computerspielen ging: Entscheidend war für die Pädagogen, dass die Jugendlichen und Kinder die Medien zur Verstärkung ihrer eigenen Fähigkeiten nutzen konnten. Dabei gehe es nicht mehr um das UNTERrichten, gefragt sei das AUFrichten, erklärte Röll. Denn, so der Medienpädagoge, "die Kinder und Jugendlichen empfinden sich in einer Defizitsituation - obwohl sie gar keine Belege dafür haben. Deswegen bedarf es einer neuen Rolle des Lehrers als Mentor."

Faktenwissen auf der Festplatte

Faktenwissen brauche man nicht mehr zu vermitteln, das könne man auf den Festplatten der Computer viel besser nachschlagen. "Dafür muss man das Gehirn nicht strapazieren." Was Pädagogen den Kindern und Jugendlichen allerdings unbedingt beibringen müssten, sei Quellenkompetenz - eine ganz entscheidende Fähigkeit, um die aktuellen Medien effektiv nutzen zu können. "Wir müssen Jugendliche qualifizieren, im Netz zu recherchieren und die vielfältigen Ergebnisse auch beurteilen zu können", betonte der Professor. Schließlich sei nicht jede Information im Netz auch qualifiziert.

Chancen der Medien nutzen

Seit 1984 werden im Studienzentrum Josefstal Kurse in Computermedienpädagogik angeboten. Damit, so der Leiter des Weiterbildungsprogramms, Wolfgang Schindler, sollen Erzieher und Sozialarbeiter aus der Jugendarbeit, aber auch Lehrer, befähigt werden, die spezifischen Chancen von digitalen Medien in ihrer pädagogischen Arbeit zu nutzen.

Dialog mit der eigenen Identität

Schindler nannte das Beispiel Jugendarbeit: "Jugendliche in der Pubertät sind schwer damit beschäftigt, herauszufinden, wer sie sind - ihre eigene Identität zu bestimmen. Dabei kann ihnen der Computer helfen, wenn sie nämlich lernen, mit einem PC nicht nur zu spielen - was durchaus auch gut und in Ordnung ist - sondern ihn auch als Produktionsmittel und Präsentationsmittel zu verwenden. Wenn Jugendliche zum Beispiel mit einem Grafikprogramm ihre eigenen digitalen Porträts bearbeiten, verfremden und korrigieren, dann treten sie ständig im Dialog mit der eigenen Identität. Wenn sie das lernen, haben sie ihren eigenen Handlungsspielraum erweitert."

Weiterbildung fördert Spaß an der Arbeit

Mit gewisser Sorge betrachtet man allerdings auch in Josefstal die wachsende Zurückhaltung potentieller Weiterbildungsteilnehmer. Die Sparbeschlüsse der letzten Jahre spüre man schon. Ausschlaggebend sei aber die Tatsache, dass frei gewordene Stellen nicht neu besetzt würden und die Leute gar nicht mehr auf die Idee kämen, eine Fortbildung zu besuchen. Schließlich, so Schindler, müssten sie das, was an Lücken in den Arbeitsplätzen entstanden ist, auffüllen.

"Insofern", so sein Resümee, "ist die Bereitschaft in die eigene Arbeitskraft und die eigene Qualifizierung zu investieren, spürbar gesunken. Das wird sich ändern müssen. Es kann nicht im Interesse der Arbeitgeber sein, dass die Mitarbeiter auf Dauer nicht am Ball bleiben. Gerade in dem Feld Jugendarbeit ist Spaß an der Arbeit ein Produktivfaktor. Wer mühsam und gequält seine Arbeit macht, kann vielleicht Unterricht machen, weil ihm die Zielgruppe ins Haus geliefert wird. Jugendarbeit kann man nur machen, wenn man Spaß vermitteln kann und wenn man den selber spürt, sonst ist man nicht glaubwürdig."

Neues Angebot

Der nächste Kurs Computermedienpädagogik in Josefstal beginnt im September 2005. Er endet zwei Jahre später nach insgesamt fünf einwöchigen Kursen vor Ort und einem E-Learning-Seminar. Dabei ist das eigene Praxisprojekt ein wesentlicher Bestandteil des Kurses.

Weitere Informationen:

Weiterbildung Computermedienpädagogik 2005-2007
Praxisprojekte des abgeschlossenen Kurses


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden