Kinder lernen das "ABC des Spielens"
(bikl.de/idw) Allgemein gilt: Kinder sitzen zu viel und bewegen sich zu wenig. Wenn sie sich aber sportlich betätigen, dann werden sie meist in einer bestimmten Sportart früh spezialisiert. Das hält Prof. Dr. Rainer Wollny von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) für einen Fehler. Er setzt nun in Halle ein bewährtes wissenschaftliches Konzept um und will dazu ein Kindersportprojekt etablieren: das "Zentrum Halle" der "Heidelberger Ballschule".
11.09.2007 Sachsen-Anhalt ArtikelDer Anfang ist gemacht: In zwei Kindertagesstätten lernen die jungen Sportler das "ABC des Spielens". Aus den Ballschülern sollen in einigen Jahren Ballkünstler werden.
"Brasilianische Kinder und Jugendliche spielen immer und überall"
"Tempo, Spielwitz, Dribblings - einen wie Ribéry haben wir in der Bundesliga lange nicht mehr gesehen", schrieb die "Bild"-Zeitung über Franck Ribéry, den neuen Spielmacher von Bayern München. Prof. Dr. Rainer Wollny kann da nur zustimmen - und einen Grund benennen: "Deutschen Fußballspielern fehlt oft die Kreativität und Originalität, weil sie sich im Kindesalter nicht entsprechend entwickeln konnten. Denn mit Kindern wird in Deutschland im Prinzip ein verkleinertes Erwachsenen-Training gemacht, und zwar nicht nur im Fußball. Die Kinder werden vornehmlich trainiert, bevor sie selbst spielen können. Verloren gegangen ist die Straßenspielkultur, die natürliche Ballschule". Der Sportwissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg plädiert daher für ein sportspielübergreifendes, spielerisches Lernen. "Wir sagen auch gern implizites Lernen dazu. Und wir meinen damit etwas, das Brasilianer und Nigerianer meist automatisch machen: möglichst viele verschiedene Spielsituationen durchlaufen und im eigenen Erfahrungsschatz abspeichern. Brasilianische Kinder und Jugendliche spielen immer und überall."
Ausbildung zum "vielseitigen Ballkünstler"
In Deutschland findet die sportliche Betätigung der Kinder - wenn überhaupt - vor allem in Kindergärten, Schulen und Vereinen statt. An diese Institutionen richtet sich nun ein Angebot von Professor Wollny und seinen Kollegen. "Wir wollen das wissenschaftlich anerkannte Konzept der 'Ballschule Heidelberg' auch in Halle etablieren." Bis vor einem Jahr war Wollny an der Universität Heidelberg tätig, arbeitete dort mit dem Sportprofessor Klaus Roth zusammen, dem Initiator der Ballschule. Deren Konzept: Ab dem Alter von vier Jahren erlernen Kinder das "ABC des Spielens". In der Ballschule werden sie nicht frühzeitig in einem Sportspiel spezialisiert, sondern in ihrer geistigen, emotionalen und motorischen Entwicklung ganzheitlich zum vielseitigen Ballkünstler ausgebildet. Das Angebot wird dabei stets dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst.
Entscheidung für spezielle Ballsportart erst in der 4. Klasse
"Konkret bedeutet das: Es wird gespielt, gespielt und gespielt. Unterschiedliche Spielformen mit unterschiedlichen Bällen, in allen möglichen Größen und Formen", führt Rainer Wollny aus. Gespielt wird mit Hand, Fuß und Schläger, auch ganz neue Sportarten kommen ins Spiel, beispielsweise Schuhhockey. "Die Kinder sollen vor allem Teilfunktionen lernen, so der Fachausdruck. Dazu zählen zum Beispiel das richtige Laufen zum Ball, das Abschätzen von Laufwegen, das Erkennen von Lücken." Es gehe darum, allgemein Spielwitz und Spielintelligenz zu fördern. "Kinder sind von Natur aus keine Spezialisten, sondern Allrounder. Gefragt ist zunächst einmal das Multitalent." Entsprechend des "ABC für Spielanfänger" werden auf der untersten sportspielübergreifenden Ausbildungsstufe das situationsorientierte Spielen, die koordinativen Ballfähigkeiten und die Ballfertigkeiten vermittelt. In einer zweiten sportspielgerichteten Stufe werden dann entsprechend dem speziellen Talent in einem Sportartenbereich - Rückschlag-, Torschuss- oder Wurfspiele - weitere Erfahrungen gesammelt. Erst in der dritten Stufe (4. Schulklasse) entscheiden sich die Kinder nach ihren Fähigkeiten und Vorlieben für eine spezielle Ballsportart.
Die "Heidelberger Ballschule" hat bereits Schule gemacht und ist auch mit Zentren in Berlin, München und den Regionen Rhein-Neckar sowie Rhein-Ruhr präsent. Rund 7000 Kinder werden derzeit bundesweit nach dem 1998 in Heidelberg entwickelten und evaluierten Konzept des "ABC des Spielenlernens" unterrichtet. Darüber hinaus wurde die Ballschule nach Brasilien, Chile, Japan, Nigeria, Spanien, Ungarn und Österreich exportiert.
Zusätzliches Angebot
Um die "Heidelberger Ballschule" in Halle zu etablieren, will der Fachbereich Sportwissenschaft der Martin-Luther-Universität Kindertagesstätten, Schulen und Vereine als Mitstreiter gewinnen. Sie alle können sich bei Professor Wollny melden. Der Stadtsportbund Halle und das Landesverwaltungsamt Halle unterstützen das Vorhaben bereits. "Natürlich gibt es in Kindereinrichtungen und Grundschulen Sportangebote, aber häufig wird der Unterricht fachfremd erteilt und auch die Sportstätten sind nicht immer für Ballspiele geeignet", weiß Rainer Wollny. "Unser Angebot ist ein zusätzliches, außerhalb der Unterrichtsstunden."
Angehende Sportlehrer werden an der MLU zu Übungsleitern für die Ballschule ausgebildet und können dann in den Partnereinrichtungen zum Einsatz kommen. Pro Woche sind eine bis zwei Übungseinheiten Ballschule vorgesehen. Die Kosten für die Ballschule als Arbeitsgemeinschaft in der Grundschule trägt das Land Sachsen-Anhalt. In den Kindertagesstätten müssen die Eltern 1,50 Euro pro Kind und Übungseinheit bezahlen. "In Gebieten, in denen vor allem sozial benachteiligte Familien leben, wird der Beitrag niedriger liegen", kündigt Wollny an. Das Konzept der Ballschule wird laufend wissenschaftlich evaluiert und weiterentwickelt.
Weiterführende Links
- Ballschule
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