Lesen wird zum Erfolgserlebnis

(Sabine Melchior) Das Vorurteil, dass stundenlanges "Herumhängen" vor dem Computer Jugendliche von vernünftigen Beschäftigungen und damit natürlich auch vom Lesen abhält, ist weit verbreitet. Dabei belegen einige Studien - und dies korrespondiert mit den Erfahrungen der LizzyNet-Schreibmit-Aktion - , dass das Internet ein geradezu optimales Medium ist, um Lesen und Schreiben unmittelbar zu fördern.

27.05.2004 Artikel

Es bietet die Möglichkeit zur Interaktion und einen Ort zum Austausch (bei LizzyNet sind die Orte u. a. das Forum und der Club "Lesen und Schreiben"). Jugendliche können hier unbefangen über Bücher reden und Meinungen ohne Angst vor Wertung äußern. Jenseits aller Marketingstrategien oder Verwertungsabsichten können Mädchen sich hier gegenseitig zum Lesen ermuntern und zeigen, dass Lesewelten mit ganz individuellen Inhalten gefüllt werden können. Die Schreib-mit-Aktion auf www.lizzynet.de

Ein breites Angebot, das den unterschiedlichsten Interessen Rechnung trägt, ist eine Voraussetzung für den Erfolg der Schreib-mit-Aktion, die auf LizzyNet einen sehr großen Anklang findet. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 88 Bücher vergeben, dieses Jahr - das ist schon abzusehen - werden es wesentlich mehr werden, denn das Interesse ist sowohl bei den jungen Leserinnen als auch bei den Verlagen gestiegen; letztere haben die authentische und erfrischende Antwort der Zielgruppe auf ihre Buch-Veröffentlichungen zu schätzen gelernt und stellen daher gerne Rezensionsexemplare zur Verfügung. Buchbesprechungen auf www.lizzynet.de; Club Lesen (Login erforderlich).

Redaktionell ausgewählte Neuerscheinungen aus den aktuellen Programmen der Verlage werden den Mitgliedern zur Besprechung angeboten und per Post verschickt. Das Spektrum reicht dabei von leichter Lektüre, eher klassischen Mädchenbüchern, die sich vor allem mit Freundschaft und Liebe beschäftigen, Krimis, fremdsprachigen Büchern, historischen Romanen, etwa über KZ- und Holocaustliteratur, Bücher über Minderheiten, Gewalt, Politik, ferne Länder bis hin zu Ratgebern, Lexika und Fachliteratur wie etwa zum Beispiel "Programmieren mit Ruby". LizzyForum Lesen (Login erforderlich)

Wer sich als erste meldet, "gewinnt" das Buch seiner Wahl, verpflichtet sich allerdings, darüber eine Besprechung zu schreiben. Die Autorin hat dabei den verbindlichen Auftrag, das Buch für andere Leserinnen zu bewerten, ganz gleich, ob ihr das Buch gefällt oder nicht. Die "Belohnung" ist das Buch, das behalten werden darf.

Der Text wird in der Online-Mitmach-Zeitung LizzyPress veröffentlicht und ist auf der ganzen Welt lesbar. Die junge Autorin kann sich als ""Literaturkritikerin" fühlen, wobei ihre ganz persönliche und subjektiv vorgetragene Meinung im Vordergrund steht, nicht elaborierte und formal reglementierte Interpretationen.

Offenbar ist das "Darüber schreiben" in dieser freien Form ein besonderer Anreiz, Bücher zu lesen, für die man sich sonst vielleicht nicht interessieren würde, da auch der Verriss eines Buches erlaubt und gewünscht ist. "Langweilig", "sterbensöde", "grottenschlecht" sind Vokabeln, die in Interpretationen üblicherweise nichts zu suchen haben und daher in der Schule selten Anwendung finden. Hier aber kann gelästert und geschwärmt werden, hier sind Bücher weder heilig noch tabu. So kann es auch passieren, dass im Forum Lesen und Schreiben auf LizzyNet Shakespeares "King Lear" und "Der Schimmelreiter" ungestraft zu den "schlechtesten Büchern, die ich je gelesen habe" deklariert werden. Der Beitrag, der unter AkademikerInnen einen Aufschrei der Empörung hervorrufen würde, erntet im Forum Beifall, weil er sich von tradierten Einschätzungen über die Qualität von Literatur abgrenzt und einen ganz eigenen, selbstbewussten Umgang mit dem Medium Buch postuliert. Die jungen Leserinnen setzen gegen die "Pflichtlektüre" Bücher aus eigener Leseerfahrung, deren Sprache und Erfahrungswelten ihnen nun mal für den Moment näher sind.

Die Mädchen erhalten bei ihrer Schreibarbeit stets Rückmeldung und Hilfestellung durch die Redaktion. Texte mit Mängeln werden in Zusammenarbeit mit den Autorinnen "gebügelt" und internettauglich gemacht, auffallend gute Texte werden auf der Startseite www.lizzynet.de besonders herausgestellt und an exponierter Stelle platziert.

Es ist erst die Kombination aus dem Leseerlebnis, dem Versuch, selbiges in Worte zu fassen und dem Stolz, dass der eigene Text veröffentlicht und die persönliche Meinung gewürdigt und für wichtig befunden wird, die Lesen zu einem Erfolgserlebnis macht - auch wenn das Buch "sterbensöde" war.


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