Rechtschreibung in den Mühlen der PR
(bikl) Es muss gelegentlich in Erinnerung gerufen werden: Im Sommer 2004 hatten die Kultusminister aller 16 Bundesländer einstimmig die verbindliche Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung zum 1. August dieses Jahres an allen Schulen und Behörden beschlossen. Ein nahezu 10 Jahre andauerndes Verfahren hatte in Abstimmung mit Wissenschaftlern, Verbänden und Politikern zu einem einvernehmlichen Regelwerk und einem kostenverträglichen Verfahren zur Umsetzung in der Praxis geführt.
12.04.2005 ArtikelSchulen hatten nach einer angemessen Übergangsfrist von sieben Jahren wieder verlässliche Regeln zur Hand und Schüler wie Lehrer konnten sich auf den vereinbarten Umstellungstermin einstellen.
Ursprüngliche Widerstände gegen punktuelle oder grundsätzliche Reformen der Rechtschreibung hatten den Rückzug in die Redaktionsstuben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und einzelne germanistische Institutsräume angetreten. Schulen, eh durch öffentliche Diskussionen über Gewalt und Medien und schließlich auch in bis dahin nicht gekannter Manier durch vielfältige Studien mehr als gebeutelt, konnten sich wenigsten wieder auf eindeutige Richtlinien zum fehlerfreien Schreiben berufen.
Damit war allen, die in folgenschwerer Weise mit richtigem oder falschem Schreiben umgehen, und die für jeden Fehler in der Rechtschreibung Sanktionen zu erwarten haben, nämlich den Schülern an unseren Schulen, klar vermittelt, dass Diskussionen um richtiges Schreiben spätestens am 1. August dieses Jahres ein Ende haben würden. Und mehr noch: Ganze Grundschuljahrgänge haben inzwischen nicht anders zu schreiben gelernt als in der neuen Rechtschreibung.
Das war die Gelegenheit für den karrierewilligen Ministerpräsidenten Wulff aus Niedersachsen auf das Abstimmungsverhalten seines Kultusministers in der KMK zu pfeifen und mit Hilfe der Chefredaktionen des Spiegel und der Bildzeitung einen Stein ins Wasser zu werfen unter dem Motto: Die neue Rechtschreibung wird von der Bevölkerung nicht angenommen. In der Tat, hätte der Ministerpräsident die alltäglichen Presseerzeugnisse in deutschen Landen auf Fehler in der Rechtschreibung untersuchen lassen, er wäre zu erschütternden Ergebnissen gekommen. Kann man doch kaum einen Artikel im Blätterwald ausfindig machen, der nicht auf Kriegsfuß mit der deutschen Rechtschreibung steht. Diesen medialen Missstand einer vorbildlichen Erziehung der Deutschen zu korrektem Umgang mit ihrer Sprache geißelte Wulff allerdings nicht. Ihm war es bei einem Rechtschreib-Quiz des Bildungskanals RTL wie Schuppen von den Augen gefallen, dass auch mit neuen Schreibregeln der Weg zur Fehlerfreiheit ein steiniger sein kann: War er doch höchst persönlich vor einem Millionenpublikum gleich mehrfach den Tücken der Standards zum Opfer gefallen. Sein Fazit aus öffentlich widerfahrener Schmach: Was dem regierenden Ministerpräsidenten nicht recht sein kann, das darf auch dem Volk nicht billig sein.
Tausende von Unterrichtsstunden zum Erlernen der neuen Regeln, Millionen komplett umgestellter Lehr- und Lernwerke wie Schulbücher oder Software - wen kümmert's, wenn es hier doch um ein viel höheres Ziel geht? Welches eigentlich, das nicht in die jahrelangen Diskussionen hätte eingebracht werden können und das nicht nach Publicity schmeckt?
Die KMK, Schulen und Öffentlichkeit in den deutschsprachigen Ländern oder Regionen außerhalb Deutschlands reagierten geschockt und verständigten sich zügig auf die Installation des Rates für deutsche Rechtschreibung. Zweifellos mit dem vernünftigen Ziel, Handlungssicherheit für Schulen und alle, die wirtschaftlich an den Umstellungsverfahren partizipieren, zu bewahren. Das hätte beispielsweise bedeutet, der einstimmig vereinbarte Zeitrahmen wird eingehalten und weitere, der natürlichen Entwicklung von Sprache immanente Prozesse werden zukünftig vom Rat in ein verbindliches Regelwerk gegossen. Ein solches Verfahren ließe sich z.B. der gängigen Lebenszeit von Schulbüchern in ökonomisch sinnvoller Weise anpassen.
Aber so pragmatisch sind Politiker nicht gestrickt, sie finden zwar keine wirksamen Lösungen gegen grassierende wirtschaftliche Einfallslosigkeit, gegen unkontrollierte Ausgaben der öffentlichen Hand oder zunehmende Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen, aber die Verwirrung um die richtige Rechtschreibung können sie in Bewegung halten. Die aktuell diskutierte Variante: Die neuen Regeln sollen erst einmal nur teilweise gelten. Da wird dem Duden demnächst also ein breiter Filzstift beigelegt: Welche Schreibregel zurzeit ganz, in Teilen oder gar nicht gilt, das können Lehrer und Schüler dann morgens der Bildzeitung entnehmen und im Wörterbuch markieren. Aber wozu eigentlich noch Lehrer? Wen eh nur Arbeitslosigkeit erwartet, für den reichen die Bilder in der Bildzeitung allemal - frei von allen denkbaren Schreibfehlern.
Weitere Informationen:
Dokumentation der Diskussion um die neue Rechtschreibung im Bildungs-Special Rechtschreibreform.
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