US-Autor: Fernseher und PC machen schlau

(bikl) Computerspiele und Internet fügten der jungen Generation irreparable Schäden zu, weil sich ihr Gehirn von Anfang an abnormal entwickele, so der Neurobiologe Manfred Spitzer in seinem viel beachteten aktuellen Buch "Vorsicht Bildschirm!" ([bildungsklick.de berichtete darüber.](http://bildungsklick.de/serviceText.html?serviceTextId=12755)) Das glatte Gegenteil behauptet jetzt der amerikanische Journalist Steven Johnson. In seinem neuesten Buch [Everything Bad is Good for You, How Today's Pop Culture Is Actually Making Us Smarter] bricht der Autor eine Lanze für TV und PC, weil diese Medien ganz neue Anforderungen an das Gehirn stellten.

07.06.2005 Artikel

Anspruchsvolle Serien

So würden die nur scheinbar billigen Fernsehserien immer anspruchsvoller. Bei "24", "Emergency Room" oder "Desperate Housewives" - Serien, die auch in Deutschland laufen - seien Aufmerksamkeit und Kombinationsgabe der Zuschauer gefragt, um den Beziehungen der Figuren folgen zu können. Die Filme bestünden aus mehreren Handlungssträngen und vielschichtigen Netzwerken von Personen und Beziehungen. Wer sich nicht konzentriere, verliere den Faden.

Analyse und Strategie

Auch den Computerspielen stellt Johnson, der unter anderem für Wired, Slate und The New York Times Magazine arbeitet, ein anderes Zeugnis aus, als das viele Kritiker bislang tun. Bestseller wie "Die Sims" oder "Age of Empires" seien alles andere als "simpel". Spieler müssten Situationen analysieren, Strategien entwickeln und Entscheidungen fällen.

Und das Internet, gern dafür gescholten, dass es Menschen vereinsamen lässt, sei heute das Kommunikationsmedium schlechthin und zudem eine der wichtigsten Informationsquellen.

Bücher lediglich eine starre Abfolge von Wörtern?

All das bietet schon reichlich Zündstoff, so etwas wie einen Aha-Effekt erlebt der Leser aber bei einem Gedankenexperiment des Autors: Was würde passieren, wenn es Videospiele schon seit Jahrhunderten gäbe und plötzlich das Buch erfunden würde? Welche Befürchtungen und Ängste würden formuliert? Wahrscheinlich, so vermutet Johnson, würden besorgte Lehrer und Eltern "Unterstimulierung der Sinne" beim Lesen befürchten, und davor warnen, dass Bücher Jugendliche von ihren Altersgenossen isoliere. Als entsetzlich würde der Anblick "dieser neuen ,Bibliotheken'" beschrieben, in denen "Dutzende junger Kinder, die sonst so lebhaft sind, allein in ihren Arbeitskabinen sitzen". "Anders als die altbewährte Tradition der Videospiele - die das Kind in eine lebhafte, dreidimensionale Welt versetzen, angereichert mit bewegten Figuren und Musik und gesteuert durch eigene Entscheidungen und Fingerspitzengefühl - sind Bücher nichts als eine starre Abfolge von Wörtern auf einer Seite."

Die Resonanz auf das Buch reicht in den USA von begeisterter Zustimmung bis zum Totalverriss und der Autor gehört bereits zur Riege der begehrten Talkshowgäste. Noch ist eine deutsche Übersetzung nicht angekündigt, sie würde aber die Diskussion hierzulande gewiss bereichern und dem dafür verantwortlichen Verlag (finanziell) nicht schaden.

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