Wenn der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien zur Rechtschreibung tagt:
(bikl) Die reine Vernunft schien den politischen Erben Preußens schon beim Gezanke um Kruzifixe und Kopftücher abhanden gekommen zu sein. Doch damit nicht genug: Gestern beschäftigte sich der Bundestagsausschuss Kultur und Medien mit dem, was zukünftig hierzulande als fehlerfrei geschrieben gelten soll.
17.12.2004 ArtikelDazu lagen zwei Anträge aus den Reihen der Opposition vor, um die "rasche Beseitigung der zunehmenden Unsicherheit bei der Bevölkerung einzuleiten." Sicherheit, - eigentlich das klassische Thema des Innenausschusses, wundert sich der Leser. Und auch bei den Antragstellern selbst konnte echte Zufriedenheit mit dem eigenen Tun nicht so recht aufkommen: "Im Grunde geht die Rechtschreibung die Politik nichts an", stellten sie schulterzuckend gleich zu Beginn der Sitzung fest, was im Klartext etwa bedeutete: "Sehr verehrte Abgeordnete, die heutige Karnevalssitzung ist eröffnet!"
Allein der Gedanke an solch klerikal verwurzeltes Treiben ging dem liberalen Partner entschieden zu weit. Denn ein Thema, das so durch und durch wirksam das publizistische Sommerloch gefüllt hatte, das müsste auch hinreichend Substanz für einen seriösen politischen Event bieten: die FDP, die ansonsten ungern eine Gelegenheit auslässt, den schlanken Staat einzufordern, erkannte in der Schwere des hier zur Debatte stehenden Problems institutionellen Handlungsbedarf. Sie forderte eine öffentliche Anhörung zur Rechtschreibreform, mit dem Argument, man müsse diesem Thema mindestens die gleiche Aufmerksamkeit widmen wie der Musikquote, über die ja schließlich auch in einem öffentlichen Hearing beraten worden sei. Was aber die Liberalen veranlasste, 35 Prozent deutschsprachiger Anteile im Musikprogramm zu vergleichen mit 35 Fehlern im Deutschaufsatz, darüber schwiegen sie lieber.
Das sei alles von der Opposition nicht zu Ende gedacht, mäkelten die Koalitionsparteien, die sich ansonsten mit der Opposition über den unbefriedigenden Ist-Zustand in Sachen Rechtschreibung einig waren.
Da lässt sich natürlich trefflich streiten unter den Politprofis, über deren Arbeitseffizienz die Öffentlichkeit gelegentlich besorgt rätselt, wenn zu Beginn der Sitzung das Thema mit: "Es geht uns nichts an" abgetan wird und nach anschließendem entsprechend sinnlosem Gerangel einmütig festgestellt wird: "Wir können auch nichts tun." Gut zu wissen, dass sich in diesem Ausschuss des Deutschen Bundestages nur klare Denker in Sachen Rechtschreibung treffen, die ihre kostbare Zeit nutzen, um in harten Erkenntnisprozessen zu einmütigen Einsichten finden, die wir uns von allen unseren Politikern so sehr wünschen.
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