Berufsorientierung Studienberechtigter – zunehmende Unsicherheiten?
Die zunehmende Optionsvielfalt bei Studiengängen und Ausbildungsberufen stellt für die Befragten eine große Hürde dar. Eine wachsende Gruppe kann ein halbes Jahr vor Schulabschluss noch keinen konkreten Studiengang benennen. Von David Ohlendorf, Daniel Hein, Heike Spangenberg & Barbara Franke
17.04.2025 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und WissenschaftsforschungEine zentrale Aufgabe der Schule besteht darin, Schüler:innen zu einer selbstständigen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu befähigen (vgl. KMK, 2017, S. 2). Da Teilhabechancen in modernen, marktwirtschaftlichen Gesellschaften maßgeblich von einer gelungenen Integration in die Arbeitswelt abhängen, kommt der Unterstützung von Schüler:innen bei ihrer beruflichen Orientierung eine wesentliche Bedeutung zu. Diese besondere Bedeutung beruflicher Orientierung als Teil des Bildungs- und Entwicklungsprozesses wird in den Empfehlungen zur beruflichen Orientierung an Schulen, die von der Kultusministerkonferenz zuletzt 2017 herausgegeben wurden, betont (KMK, 2017) und spiegelt sich in zahlreichen pädagogischen Maßnahmen in den Curricula der einzelnen Bundesländer wider.1
Zuletzt wurden jedoch Zweifel daran geäußert, ob dieser bildungspolitische Anspruch noch hinreichend erfüllt wird. So kommen die Autor:innen des aktuellen Bildungsberichts zu dem Schluss, „dass die Schüler:innen gegen Ende ihrer Schulzeit immer noch erhebliche Unsicherheiten bezüglich der Berufs- und Studienwahl aufweisen.“ (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024, S. 285). Neuere Befragungen unter Jugendlichen berichten zudem von einer deutlichen Verunsicherung bei der beruflichen Orientierung angesichts der Vielfalt wählbarer Optionen und sehen Defizite beim Informationsstand (Barlovic et al., 2022; Schleer & Calmbach, 2022).
Das Thema „Berufliche Orientierung“ ist dabei längst auch für die Bildungswege relevant, die zum Erwerb einer Hochschulreife führen (vgl. Kracke et al., 2020, S. 225). So berichten Woisch et al. (2019), dass sich nur 41 % der Studienberechtigten des Abschlussjahrgangs 2018 umfassend über die verschiedenen Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten informiert fühlen. Ebenfalls mit Daten des DZHW-Studienberechtigtenpanels zeigen Schneider et al. (2017, S. 149), dass die Unschlüssigkeit über den weiteren Werdegang im Zeitvergleich häufiger von den Befragten als ein Grund dafür angeführt wird, ein halbes Jahr nach Erwerb der Hochschulreife noch keine berufliche Qualifizierung begonnen zu haben (von 18 % im Jahr 2006 auf 38 % im Jahr 2015). Andere Studien weisen darauf hin, dass es vor allem Schüler:innen an Gymnasien sind, die sich mehr Unterstützung bei der Berufswahl wünschen (Bächtiger et al., 2023, S. 94). Schüler:innen, die eine Hochschulreife anstreben, berichten überdurchschnittlich häufig von Orientierungslosigkeit aufgrund der Optionsvielfalt oder der beruflichen Passung ihrer Fähigkeiten (Schleer & Calmbach, 2022, S. 35).
Aufgrund fehlender Daten im Zeitverlauf bleibt unklar, ob es sich bei den beschriebenen Unsicherheiten um ein neues Phänomen handelt. Einige gesellschaftliche und bildungspolitische Entwicklungen stehen dabei im Verdacht, bestehende Schwierigkeiten bei der Berufs- und Studienwahl zu vergrößern. Eine deutlich gestiegene Anzahl an Studienangeboten (HRK, 2023, S. 6) sowie die Verschiebung des Ausbildungsmarktes von einem „Arbeitgeber- zu einem Bewerbermarkt“ (Fitzenberger et al., 2024) erweitern den Optionsspielraum für junge Menschen. Außerdem befindet sich die Arbeitswelt durch Prozesse der Dekarbonisierung und Digitalisierung, insbesondere der wachsenden Bedeutung von künstlicher Intelligenz, im Wandel (Zenk, 2024). All dies macht es schwer absehbar, welche Berufsbilder und Kompetenzen in Zukunft von Bedeutung sein werden.
Im Folgenden soll es daher nicht nur darum gehen, den aktuellen Status quo der beruflichen Orientierung von Schüler:innen, die den Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung anstreben, darzustellen, sondern auch zu analysieren, ob und wie sich die bestehenden Schwierigkeiten und Unsicherheiten in den zehn Jahren zwischen 2012 und 2022 verändert haben. Hierzu betrachten wir zunächst den Stand der beruflichen Orientierung ein halbes Jahr vor Schulabschluss anhand von drei Teilaspekten (der Wahl zwischen Studium und Berufsausbildung, der Studienfach- bzw. Ausbildungsberufswahl und dem Vorhandensein einer realistischen Berufsaspiration). Im Anschluss daran analysieren wir den Informationsstand sowie die subjektive Einschätzung der Schwierigkeiten und Probleme bei der Wahl des nachschulischen Werdegangs im Zeitverlauf.
Berufliche Orientierung
Berufliche Orientierung ist ein lebenslanger Prozess der Abstimmung zwischen individuellen Interessen, Fähigkeiten und Wünschen auf der einen Seite und den Erfordernissen der Arbeitswelt auf der anderen Seite (Butz, 2008). Die Begriffe „Berufliche Orientierung“ oder „Berufsorientierung“ werden in der Forschung teils synonym verwendet und beschreiben je nach fachlicher Perspektive oder Forschungsinteresse unterschiedliche Aspekte dieses Prozesses, wie zum Beispiel die Entstehung eines Berufsbilds, die Entwicklung von Ausbildungsreife oder Berufswahlkompetenz oder auch die Ausbildungs- und Studienfachwahl (vgl. hierzu Ohlemann, 2021, S. 13). Wir folgen hier dem Vorschlag der KMK, den Begriff „berufliche Orientierung“ als einheitlichen Begriff zu verwenden, unter dem alle Synonyme der Berufs- und Studienorientierung erfasst werden. Die Studienorientierung ist demzufolge eine „spezielle Ausprägung der beruflichen Orientierung“ (KMK, 2017, S. 2)
Stand der beruflichen Orientierung ein halbes Jahr vor Schulabschluss
Berufliche Orientierung ist ein lebenslanger Prozess (siehe Infobox 1). Bei der Einordnung der Befunde zum Stand der beruflichen Orientierung kann der Maßstab folglich nicht in der Annahme bestehen, dass dieser Prozess am Ende der Schulzeit bereits abgeschlossen sein sollte. Dies gilt umso mehr für die Schüler:innen, die ein Studium aufnehmen wollen, da viele Studienfächer nicht zwangsläufig auf ein bestimmtes Berufsbild hinauslaufen. Die Konkretisierung des Berufswunsches stellt in diesen Fällen eine Entwicklungsaufgabe der Studienzeit dar (Kracke et al., 2020, S. 225). Nichtsdestotrotz bleibt der Übergang in Studium oder Berufsausbildung ein Schlüsselmoment, an dem weichenstellende Entscheidungen getroffen werden müssen, die ein bestimmtes Maß an Informiertheit über die bestehenden Handlungsoptionen und eine ausreichende Sicherheit über die eigenen Fähigkeiten, Interessen und Wünsche erfordern. Laut Empfehlungen der KMK sollte das Ziel der beruflichen Orientierung an Schulen daher darin bestehen, dass „Jugendliche zum Ende ihrer Vollzeitschulpflicht eine begründete Entscheidung über ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg getroffen haben“ (KMK, 2017, S. 3).
Für die Schüler:innen, die eine Hochschulzugangsberechtigung anstreben, lässt sich die Entscheidung über den weiteren Bildungsund Berufsweg in verschiedene Teilentscheidungen aufgliedern: die Wahl zwischen einem Studium und einer Berufsausbildung, die Auswahl eines bestimmten Studienganges bzw. eines konkreten Ausbildungsberufs, die Wahl einer Hochschule bzw. eines Ausbildungsbetriebs, die Wahl eines Studien- bzw. Ausbildungsortes sowie die Entscheidung für einen bestimmten Beruf. Diese Teilentscheidungen sind nicht solitär zu betrachten, sondern bedingen sich gegenseitig und können je nach individuellem Hintergrund in unterschiedlicher Reihenfolge stattfinden. Wie Daten einer der vorangegangenen Studienberechtigtenbefragungen verdeutlichen, besteht diesbezüglich eine enorme Vielfalt. Mit Abstand am häufigsten wählten die Studienberechtigten des Jahrgangs 2015 zunächst grundsätzlich zwischen Studium und Berufsausbildung (65 %). Weitere 15 % haben sich im ersten Schritt hingegen für einen konkreten Beruf entschieden, 9 % für ein Studienfach bzw. einen Ausbildungsberuf, 6 % für einen Studien- oder Ausbildungsort und 4 % für eine konkrete Hochschule bzw. einen Ausbildungsbetrieb. Nicht selten wird aber auch über mehrere Teilaspekte gleichzeitig entschieden (27 %), wie z. B. über den Hochschul- bzw. Ausbildungsort und die konkrete Hochschule bzw. den Ausbildungsbetrieb. Alle fünf Teilentscheidungen hatten ein halbes Jahr nach dem Schulabschluss 42 % der Studienberechtigten des Jahrgangs 2015 getroffen, 6 % hatten hingegen noch nichts entschieden. Die Besonderheit im beruflichen Orientierungsprozess von angehenden Studienberechtigten liegt in der zusätzlichen Option, die ihnen zur Verfügung stehende Studienberechtigung umzusetzen – oder aber eine berufliche Ausbildung aufzunehmen. Für den Jahrgang 2022 zeigt sich, dass der überwiegende Teil der Schüler:innen diese Wahl ein halbes Jahr vor Schulabschluss bereits getroffen hat: Insgesamt geben 42 % der Befragten auf einer fünfstufigen Skala von 1 „ja, auf jeden Fall“ bis 5 „nein, auf keinen Fall“ an, auf jeden Fall und somit „sicher“ eine Ausbildung oder/und ein Studium aufnehmen zu wollen. 41 % streben diese Qualifizierungsoptionen „wahrscheinlich“ an. 2 % ziehen ein halbes Jahr vor Hochschulabschluss keine (weitere) Qualifikation in Betracht. Dem stehen 16 % gegen- über, die weder eine Ausbildungs- noch eine Studienintention nennen, sich also noch nicht für eine weitere Bildungsoption entschieden haben (siehe Abbildung 1).
Datengrundlage
Die vorgestellten Ergebnisse beruhen auf einer bundesweiten Befragung von Schulabsolvent:innen, die im Schuljahr 2022 an einer allgemein- oder berufsbildenden Schule die Hochschulreife erlangt haben. Die Befragung ist Teil des Student Life Cycle Panels (SLC) und basiert auf einer disproportionalen, geschichteten, zufällig gezogenen Klumpenstichprobe. Die erste Welle dieser Längsschnittbefragung wurde mittels schriftlicher Fragebogen im letzten Schuljahr der Befragten (Dezember 2021) durchgeführt (43 % Rücklaufquote mit 21.306 auswertbaren Fragebogen). Die Disproportionalität der Stichprobe wurde mittels eines länderspezifischen Design- und Kalibrierungsgewichts hinsichtlich der Merkmale Geschlecht, Schulart und Art der Hochschulreife bei ihrem Erwerb an die Grundgesamtheit angepasst.
Dieser Anteil der Unentschlossenen hat sich in den letzten zehn Jahren erhöht: von 13 % der Absolvent:innen des Abschlussjahrgangs 2012 auf 17 % im Jahr 2018 bzw. 16 % im Jahr 2022. Mit Blick auf die Studienberechtigten, die bereits eine Studienabsicht äußern, lässt sich ebenfalls eine leicht gestiegene Unsicherheit erkennen: Der insgesamt moderate Anstieg der Studienabsichten zwischen 2012 und 2022 ist vornehmlich auf den starken Zuwachs der Teilgruppe zurückzuführen, die ein Studium „wahrscheinlich“ in Betracht zieht (von 25 % auf 33 %). Der Anteil derer, die ein Studium „sicher“ planen, ist in diesem Zeitraum hingegen sogar gesunken (von 36 % auf 30 %).
Es ließe sich einwenden, dass die insgesamt geringe Unsicherheit bei der Wahl zwischen Studium und Berufsausbildung ein halbes Jahr vor Schulabschluss auch damit zu erklären ist, dass dieser Prozess aufgrund vorgelagerter Bildungsentscheidungen für viele Schüler:innen zum Zeitpunkt der Befragung bereits abgeschlossen ist. Hierfür sprechen auch die oben berichteten Befunde zur Reihenfolge der Teilentscheidungen, wonach die Wahl zwischen Berufsausbildung oder Studium für die Mehrheit der Schüler:innen am Anfang ihres Entscheidungsprozesses steht. Ein besser geeigneter Indikator zur Bestimmung von Unsicherheiten ist daher die Auswahl eines konkreten Ausbildungsberufes oder eines bestimmten Studienganges, bei der sich die angehenden Absolvent:innen mit einer ungleich höheren Zahl an Handlungsoptionen konfrontiert sehen.
Etwa die Hälfte der angehenden Schulabsolvent:innen des Jahrgangs 2022, die ein Studium in Betracht ziehen, konnte auf die Frage nach dem geplanten Studiengang eine konkrete Aussage treffen (51 %). Weitere 32 % äußerten sich diesbezüglich unsicher und gaben lediglich eine Tendenz an. Die übrigen 18 % äußerten keine Vorstellung über ihren Studiengang. Wird eine Berufsausbildung angestrebt, nannten 67 % der angehenden Schulabsolvent:innen einen konkreten Ausbildungsberuf. Die übrigen 33 % machten hierzu keine Aussage (siehe Abbildung 2).2
Vor allem aufgrund der deutlich gestiegenen Zahl an wählbaren Studiengängen wurde eingangs vermutet, dass sich die Unsicherheiten bei der Wahl des Studienfachs im Laufe der Zeit vergrößert haben könnten. Tatsächlich ist für diesen Zeitraum ein fallender Trend zu erkennen, der ausschließlich auf den Anteil der sicheren Studienfachabsichten zurückgeführt werden kann. Während vom Studienberechtigtenjahrgang 2012 55 % der Befragten mit Studienintention ein konkretes Studienfach genannt haben, lag der Anteil 2018 nur noch bei 44 %.3 Eine vergleichbare Entwicklung zeigt sich auch im Hinblick auf die Vorstellungen über den geplanten Ausbildungsberuf. Hier ist ein Rückgang von 77 % in der Abschlusskohorte 2015 auf 67 % im aktuellen Jahrgang 2022 zu verzeichnen.
Ein weiterer gängiger Indikator zur Einschätzung des Stands der beruflichen Orientierung ist die Entwicklung realistischer beruflicher Aspirationen (exemplarisch: Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024, S. 281). Basierend auf den entwicklungstheoretischen Modellen von Gottfredson (1981, 2002) wird angenommen, dass es im fortgeschrittenen Berufswahlprozess zu einer Kompromissbildung zwischen den idealistischen Berufsaspirationen und den real gegebenen Opportunitätsstrukturen kommt. Die realistischen Aspirationen bilden diesen Kompromiss zwischen gewünschten und den als erreichbar eingeschätzten beruflichen Optionen ab und werden als ein zentrales Entwicklungsziel beruflicher Orientierung betrachtet (KMK, 2017, S. 2).
Die Abschlusskohorte 2022 wurde ein halbes Jahr vor Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung nach ihrer realistischen Berufsaspiration gefragt. Insgesamt benennen 50 % der Schüler:innen des Jahrgangs 2022 einen Beruf, den sie später tatsächlich ausüben werden. Erwartungsgemäß besteht ein Zusammenhang zwischen der Sicherheit der Studien- und Ausbildungsintention auf der einen Seite und dem Vorhandensein einer realistischen Berufsaspiration auf der anderen Seite (siehe Abbildung 3).
So haben 63 % der Studienberechtigten, die sich sicher für ein Studium entschieden haben, bereits eine konkrete Berufsvorstellung. Bei denjenigen, die sicher eine Berufsausbildung aufnehmen wollen, liegt dieser Anteil sogar bei 72 %. Dieser Unterschied deutet darauf hin, dass die Entwicklung einer realistischen Berufsaspiration für Studienberechtigte, die sich für ein Studium entscheiden, häufig erst während der Studienphase erfolgt.4
Informiertheit
Inwieweit Schulabsolvent:innen eine Entscheidung über ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg treffen können, hängt maßgeblich davon ab, wie gut oder schlecht sie sich über die verschiedenen Optionen informiert fühlen. In entwicklungspsychologischen Stufenmodellen stellt die selbstständige und proaktive Auseinandersetzung mit bestehenden Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten oder Berufsbildern einen wesentlichen Schritt in der Explorationsphase des Berufsorientierungsprozesses dar (Driesel-Lange et al., 2020). Ein guter Informationsstand ermöglicht es Schulabsolvent:innen, diffuse berufliche Interessen in reale Handlungsoptionen zu überführen, die am ehesten ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Der Informationsstand kann dabei einerseits selbst als Indikator für den Fortschritt und die Sicherheit der beruflichen Orientierung betrachtet werden und kann andererseits die Sicherheit der nachschulischen Bildungsentscheidungen beeinflussen: Wer sich besser informiert fühlt, fühlt sich sicherer in seinen Entscheidungen über den weiteren nachschulischen Werdegang (Woisch et al., 2019, S. 6).
Im Vergleich zu den Jahrgängen 2012 bis 2018 berichten die Studienberechtigten des Jahrgangs 2022 eine geringere Informiertheit. Lediglich 34 % der Schüler:innen der Abschlusskohorte 2022 fühlen sich ein halbes Jahr vor Erlangung der Hochschulzugangsberechtigung (eher) umfassend über Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten informiert (siehe Abbildung 4). Ein etwa vergleichbar großer Anteil (35 %) berichtet, dass er sich unzureichend informiert fühlt. Berücksichtigt man, dass zwischen 2012 und 2022 in vielen Bundesländern die Maßnahmen zur Berufsorientierung und zur Verbesserung des Informationsstandes ausgebaut wurden (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024, Tab. H2-2web), ist es überraschend, dass die Studienberechtigten dieser Jahrgänge sich nach wie vor eher unzureichend informiert fühlen.
Schwierigkeiten und Probleme bei der beruflichen Orientierung
Ein weiterer Ausdruck von Unsicherheiten in der beruflichen Orientierung zeigt sich in den Herausforderungen und Problemen, die die befragten Studienberechtigten bei der Wahl ihres Bildungs- und Berufswegs nach der Schule wahrnehmen. Die drei von den Befragten des Abschlussjahrgangs 2022 am häufigsten genannten Probleme sind „die nur schwer überschaubare Zahl der Möglichkeiten“ (43 %), „die Unklarheit über meine Interessen“ (43 %) sowie „die Unklarheit über meine Eignung/meine Fähigkeiten“ (41 %). Diese Ergebnisse sind dabei in einer Linie mit Befunden anderer aktueller Befragungen, die von einer Überforderung oder „Informationsparalyse“ der Schüler:innen angesichts der Vielzahl an Wahlmöglichkeiten berichten (Barlovic et al., 2022; Schleer & Calmbach, 2022).
Aufschlussreich ist darüber hinaus die Veränderung der genannten Schwierigkeiten und Probleme über die verschiedenen Abschlussjahrgänge hinweg (siehe Abbildung 5). Zwischen 2012 und 2022 haben vor allem die persönlichen Unsicherheiten über die eigenen Fähigkeiten und Interessen zugenommen. So stieg die Anzahl der Befragten, für die „die Unklarheit über meine Interessen“ ein Problem darstellt, von 33 % im Jahr 2012 auf 43 % im Jahr 2022 an. Die „Unklarheit über meine Eignung/meine Fähigkeiten“ wurde im Jahr 2012 nur von 32 % als Problem benannt, wohingegen 41 % des Abschlussjahrgangs 2022 dies für ein Problem halten. Und auch die Informationsbeschaffung stellt die Befragten zunehmend vor größere Probleme: Sahen hierin lediglich 16 % der Absolvent:innen des Jahrgangs 2012 ein Problem, stieg deren Anteil bis 2022 auf 26 %. Zudem empfinden viele Studienberechtigte die Zulassungsbeschränkungen (z. B. NC oder Aufnahmebeschränkungen) in dem von ihnen angestrebten Studienfach als Schwierigkeit bei der Wahl des nachschulischen Werdegangs. Während diese mit 42 % (2012 und 2015) bzw. 43 % (2018) in den letzten Befragungen jeweils die zweithäufigste Nennung unter den Problemen und Schwierigkeiten ausmachten, liegt der Anteil der Nennungen im Jahrgang 2022 aber nur noch bei 37 %. Allerdings ist zu erwähnen, dass die Bedeutung von Zugangsbeschränkungen je nach angestrebtem Studienfach stark schwankt (Schneider et al., 2017, S. 30). Besonders auffällig hingegen ist der deutliche Rückgang des Anteils der Befragten, die die Arbeitsmarktentwicklungen als schwer absehbar betrachten. Lag dieser noch bei 37 % im Jahr 2012, sinkt er auf 21 % im Jahr 2022 und ist somit das Schlusslicht unter allen Nennungen.
Fazit
Zeigen sich tatsächlich zunehmende Unsicherheiten bei der beruflichen Orientierung von studienberechtigten Schulabgänger:innen, wie eingangs vermutet wurde? Auf Basis der von den Befragten ein halbes Jahr vor Schulabschluss geäußerten nachschulischen Bildungsintentionen ist keine deutlich gestiegene Unsicherheit zu erkennen. Der überwiegende Teil gibt an, sich „sicher“ oder „wahrscheinlich“ für ein Studium bzw. eine Berufsausbildung entschieden zu haben, und kann auch bereits ein konkretes Studienfach bzw. einen konkreten Ausbildungsberuf nennen.
Dass die Hälfte der Studienberechtigten kurz vor Ende der Schulzeit noch keine realistische Bildungsaspiration nennen kann, muss vor dem Hintergrund ihrer weiteren Bildungspläne betrachtet werden. Rund zwei Drittel der Befragten beabsichtigen „sicher“ oder „wahrscheinlich“ ein Studium aufzunehmen. Da viele Studiengänge nicht zwangsläufig auf einen bestimmten Beruf hinführen, kann die Berufswahl erst während der Studienzeit weiter konkretisiert werden.
Allerdings zeigt der Zeitvergleich, dass an einigen Stellen der beruflichen Orientierung durchaus von einer Zunahme der Unsicherheiten gesprochen werden muss. Die zunehmende Optionsvielfalt bei Studiengängen und Ausbildungsberufen stellt für die Befragten eine große Hürde dar, und eine wachsende Gruppe kann ein halbes Jahr vor Schulabschluss noch keinen konkreten Studiengang benennen. Vor allem aus der Perspektive der Schulen, denen laut KMK im Prozess der beruflichen Orientierung die Aufgabe zufällt, die Schüler:innen beim Erkunden ihrer Interessen, Entdecken ihrer Fähigkeiten und Einholen der Informationen zu unterstützen, muss es zudem ein Warnsignal sein, dass die Verunsicherung über die eigenen Kompetenzen und Interessen unter den Schüler:innen deutlich zugenommen hat und auch die empfundene Informiertheit über die infrage kommenden Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten gesunken ist. Die grundsätzliche Entscheidung für ein Studium oder eine Berufsausbildung ist im Zeitvergleich ebenfalls mit mehr Unsicherheiten behaftet. Ein halbes Jahr vor Schulabschluss ist der Anteil der angehenden Studienberechtigten mit einer sicheren Studien- oder Ausbildungsintention zugunsten einer etwas vageren wahrscheinlichen Intention gesunken.
Offen bleibt zudem, ob und wie sich diese Unsicherheiten auf den weiteren beruflichen Orientierungsprozess der Studienberechtigten des Abschlussjahrgangs 2022 auswirken und sich etwa in verlängerten Übergangszeiten, höheren Abbruch- oder Wechselquoten oder längeren Studienzeiten niederschlagen. Diese Fragen lassen sich erst unter Hinzunahme der Daten zukünftiger Befragungswellen der Abschlusskohorte 2022 beantworten. Erklärungsbedürftig bleiben zudem die Ursachen für den Anstieg der persönlichen Unsicherheiten bezüglich der eigenen Fähigkeiten und Interessen am Ende der Schulzeit. So lässt sich an dieser Stelle nur vermuten, dass neben den einleitend bereits genannten Faktoren auf der Makroebene, wie insbesondere den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, auch veränderte Berufs- und Lebensziele oder eine gewandelte Erwartungshaltung an den späteren Beruf eine Rolle bei der Erklärung dieser Unsicherheiten spielen. Jugendstudien weisen darauf hin, dass neben Einkommen und Sicherheit eine gute Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf sowie die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit für Jugendliche heute eine wachsende Rolle bei der Berufswahl spielen (Leven et al., 2019). Wer sich heute für ein bestimmtes Studium oder eine bestimmte Ausbildung entscheidet, muss dies möglicherweise vor dem Hintergrund anderer und vor allem vielfältiger Bewertungsmaßstäbe tun. Diese Zusammenhänge weiter zu beleuchten, wird die Aufgabe weiterer Studien sein.
Von David Ohlendorf, Daniel Hein, Heike Spangenberg & Barbara Franke
Erstveröffentlichung: DZHW-Brief 01 2025 (hier finden sich zugehörige Quellen und Abbildungen).
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1 Vgl. hierzu: Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2024, S. 282). Ausgestaltung und Grad der Verpflichtung der beruflichen Orientierung schwanken über die Bundesländer hinweg zum Teil erheblich.
2 Die Frage zum geplanten Ausbildungsberuf ermöglichte keine Tendenzaussage.
3 Um zeitliche Veränderungen der von den Studienberechtigten geäußerten Studienfachintentionen zu bewerten, können lediglich die Kohorten 2012 bis 2018 miteinander verglichen werden, da das Studienfach für die Studienberechtigten 2022 erstmals über eine offene Angabe erfasst wurde und nicht wie in den vorherigen Kohorten eine Fächerliste zur Auswahl beigefügt wurde.
4 Ein Vergleich mit früheren Studienberechtigtenkohorten ist an dieser Stelle nicht möglich, da die früheren Jahrgänge erst zum zweiten Befragungszeitpunkt zu ihren realistischen Berufsaspirationen befragt wurden.
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