Chancengleichheit

Falsche Richtung

Das Kaskadenmodell, gerade in Mecklenburg-Vorpommern eingeführt, soll Chancengleichheit fördern. Doch streng genommen ist es eine Benachteiligung für Frauen, meinen unsere Gastautoren. Von Dr. Martin Mann und Prof. Dr. Jule Specht

25.02.2020 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
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„Die Universität strebt eine Erhöhung des Anteils von Frauen in Forschung und Lehre an. Sie fordert daher Wissenschaftlerinnen nachdrücklich zur Bewerbung auf.“ – Diese und ähnliche Formulierungen in Ausschreibungen von Professuren weisen darauf hin, dass es Hochschulen ein Anliegen ist, den Anteil von Professorinnen in ihren jeweiligen Fachgebieten zu erhöhen. Doch wann ist „erhöht“ auch erhöht genug? Oder: Wie werden die Zielzahlen guter Gleichstellungspolitik festgelegt?

Ausgangspunkt ist die sogenannte „Leaky Pipeline“, also der Umstand, dass der Frauenanteil in der Wissenschaft umso stärker sinkt, je höher Qualifikation und Hierarchie sind. Ein Beispiel: In der Fächergruppe Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften lag, so der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, der Anteil der Absolventinnen im Jahr 2014 bei 63 Prozent. Von den im selben Jahr Promovierten waren immerhin 60 Prozent weiblich. Jedoch besetzten Frauen nur 35 Prozent der Juniorprofessuren. Noch schlechter sah es mit 29 Prozent Neuberufungen bei W2-Professuren aus. Und lediglich 15 Prozent aller Rufe auf W3-Positionen gingen an Frauen. Ähnliche Muster finden sich in nahezu allen Fächergruppen.

An deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen hat sich das Kaskadenmodell als ein Steuerungsinstrument durchgesetzt, um diesem Phänomen entgegenzuwirken. Es definiert, dass der Zielwert für den Frauenanteil in einer Karrierestufe mindestens dem Ist-Wert der Stufe darunter entspricht – anders ausgedrückt: Der reale Frauenanteil einer Ebene bestimmt den Zielwert für den Frauenanteil auf der nächsthöheren Ebene. Das Kaskadenmodell beruht also auf der Annahme, dass die Grundgesamtheit einer Qualifikationsebene den Pool möglicher Kandidatinnen und Kandidaten für die Ebene darüber bildet. Dieser Ansatz mag zunächst plausibel erscheinen. Er weist jedoch wesentliche problematische Aspekte auf.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe von „DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft“.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe von „DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft“.

1. Das Kaskadenmodell ist ungerecht

Streng genommen ist das Kaskadenmodell eine weitere Form der Benachteiligung von Frauen. Denn wenn man davon ausgeht, dass die Eignung in der Gesamtpopulation bei Männern und Frauen gleich verteilt ist und immer die geeignetsten Angehörigen einer Karrierestufe zur nächsten gelangen, dann müsste sich das unterrepräsentierte Geschlecht umso stärker von einer Karrierestufe zur nächsten durchsetzen, eben weil dort bereits schon auf früheren Karrierestufen überproportional selektiert wurde. Das heißt: In den meisten Disziplinen haben jene Frauen, die sich in gehobenen Karrierestufen befinden, bereits eine stärkere Selektion durchlaufen und sind damit besser als ihre männlichen Mitbewerber geeignet, Spitzenfunktionen zu übernehmen. Sie in dieser Situation genauso zu behandeln wie Männer – und das schlägt das Kaskadenmodell vor –, ist nicht gerecht.

2. Es ist zu langsam

Würde das Kaskadenmodell in seiner Reinform realisiert, dauerte seine Umsetzung eine Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Tatsächlich ist der Fortschritt aber viel behäbiger: Laut dem im Oktober 2018 veröffentlichten Bericht „Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung“ der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) stieg der Frauenanteil unter den W3-Professorinnen und -Professoren von 5,5 Prozent im Jahr 1997 auf 19,4 Prozent im Jahr 2016.

Bliebe es bei einem Anstieg von lediglich 14 Prozentpunkten innerhalb von zwei Jahrzehnten, würde es bis zur erreichten Gleichstellung noch etwa 40 Jahre dauern. Das Kaskadenmodell leistet dieser behäbigen Entwicklung Vorschub, da seine Grundannahme eine konservative ist: Tiefgreifende Veränderungen an der Spitze der Pyramide sind nicht zu erwarten, solange sich die Basis nicht verändert. Und es könnte sogar den Fehlanreiz setzen, auf niedriger Ebene wenige Frauen zu beschäftigen, um so künstlich den Soll-Wert für gehobene Positionen gering zu halten.

3. Der Spillover-Effekt wird ignoriert

In der Wirtschaft ist bereits klar: Werden Frauen in Top-Funktionen berufen, steigert dies die Wahrscheinlichkeit, dass auf allen Ebenen darunter ebenfalls mehr weibliche Beschäftigte eingestellt werden. Weibliche Führungskräfte erhöhen die Aufstiegschancen anderer Frauen sowohl durch aktive Beförderungsentscheidungen als auch durch ihre Vorbild- und Mentorinnenfunktion. Zu diesem Spillover-Effekt genannten Phänomen gibt es bereits robuste Daten für den privaten Sektor. Warum sollte das nicht auch in der Wissenschaft funktionieren? Statt sich diese Frage zu stellen, verlagert das  Kaskadenmodell die Verantwortung für die Erhöhung des Frauenanteils immer eine Ebene nach unten: Die Berufungskommissionen können sich auf die geringe Anzahl von habilitierten Frauen oder Juniorprofessorinnen berufen; für die verhältnismäßig niedrige Anzahl von Doktorinnen wird auf die Zahl der Absolventinnen verwiesen und so fort. Schließlich wird Verantwortung so weit nach unten delegiert, dass der frühkindlichen Bildung die Unterrepräsentanz von Frauen in MINT-Disziplinen angelastet wird.

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