"Generation Praktikum" – erfolgt der Berufseinstieg als Praktikant?

Eine Umfrage der HIS Hochschulinformations-System GmbH bei mehr als 10.000 Hochschulabsolventinnen und -absolventen des Jahrgangs 2005 aus allen Fachrichtungen und Abschlussarten liefert erstmals bundesweit repräsentative Daten über Praktika nach dem Studium. Die wesentliche Erkenntnis dieser Studie: Auch wenn Praktika nach dem Studium in der Vergangenheit zugenommen haben mögen, handelt es sich gegenwärtig nicht um ein Massenphänomen.

12.04.2007 Pressemeldung HIS Hochschul-Informations-System GmbH

Der Begriff "Generation Praktikum" ist mit Blick auf den beruflichen Verbleib von Hochschulabsolventinnen und -absolventen nicht gerechtfertigt. Allerdings verteilen sich die Praktika sehr unterschiedlich auf die absolvierten Studiengänge und die verschiedenen Wirtschaftszweige. Die Bewertung von Praktika nach dem Studium fällt überwiegend positiv aus; relativ selten wurden sie von Absolventinnen und Absolventen als Ausbeutung empfunden. Gleichwohl finden sich mitunter auch Praktikumsverhältnisse, die zu erheblicher Unzufriedenheit führen und offenbar primär dazu dienen, Praktikantinnen und Praktikanten als günstige Hilfskräfte einzusetzen.

Etwa jede(r) achte Absolvent(in) eines Fachhochschulstudienganges und etwa jede(r) siebte Absolvent(in) mit einem universitären Abschluss war nach dem Studium Praktikant(in). In manchen Fachrichtungen, z. B. in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern ist ein Praktikum nach dem Studium die Ausnahme. Zu den Fachrichtungen, in denen die Absolventinnen und Absolventen vergleichsweise häufig ein Praktikum aufnehmen, zählen die Biologie und die Wirtschaftswissenschaften. Immerhin rund jede(r) vierte Sprach- und Kulturwissenschaftler(in) und auch jede(r) fünfte Absolvent(in) der Psychologie absolviert nach dem Studium noch ein oder mehrere Praktika. Am häufigsten sind Absolventinnen und Absolventen der Magisterstudiengänge als Praktikanten tätig (34%).

Die Verbreitung von Kettenpraktika oder Praktikumskarrieren ist gering: Nur etwa jede(r) zehnte Fachhochschulabsolvent(in), der/die nach dem Studium ein Praktikum absolviert hat, und etwa jede(r) fünfte Universitätsabsolvent(in) mit Praktikumserfahrungen nach dem Studium hat zwei oder mehr Praktika durchlaufen. Die durchschnittliche Zahl absolvierter Praktika liegt – bezogen auf die Teilgruppe derjenigen mit Praktikumserfahrungen – bei 1,1 (FH) bzw. 1,2 (Uni); berücksichtigt man alle Absolventinnen und Absolventen, sinken die Werte auf 0,14 (FH) bzw. 0,19 (Uni). Die Dauer der Praktika ist meist überschaubar: Rund die Hälfte aller Praktikantinnen und Praktikanten hat ein Praktikum bzw. Praktika von maximal drei Monaten absolviert. Bei einem weiteren Drittel liegt die Gesamtdauer der Praktika zwischen vier und sechs Monaten, und nur sehr wenige haben Praktikumserfahrungen von einem oder mehr als einem Jahr.

Die Mehrheit ist mit dem Praktikum zufrieden – insbesondere das Niveau der Arbeitsaufgaben und den Lerngehalt des Praktikums betreffend. Das Niveau bewerten rund zwei Drittel sehr gut oder gut (Uni 65 %, FH 67 %), beim Lerngehalt liegen die Werte etwas darüber (Uni 70 %, FH 69 %). Bei der Praktikumsvergütung hingegen fallen die Zufriedenheitswerte deutlich ab. Zwar liegen keine Daten zur absoluten Höhe des Praktikumsentgelts vor, allerdings lässt die sehr unterschiedliche Bewertung dieses Merkmals vermuten, dass es spürbare Unterschiede in der Bezahlung der Praktika gibt: 34 Prozent der Universitäts- und 17 Prozent der Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen haben gar keine Vergütung für ihr Praktikum erhalten; ein weiteres Drittel der Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen bezeichnet die Vergütung als (sehr) schlecht – bei den Universitätsabsolventinnen und -absolventen liegt dieser Wert bei 29 Prozent –, und noch weniger sehen diese als (sehr) gut an (Uni 22 %, FH 28 %). Die verbleibenden 15 (Uni) bzw. 23 Prozent geben der Höhe der Vergütung eine mittlere Note.

Einige Branchen erweisen sich als besonders "praktikumsintensiv", wenn man die Verteilung der Praktikantinnen und Praktikanten und der erwerbstätigen Absolventinnen und Absolventen auf die Wirtschaftsbereiche vergleicht. Demnach zählen neben der Sammelgruppe der "sonstigen Dienstleistungsbetriebe" vor allem Presse, Rundfunk und Fernsehen sowie Kunst und Kultur zu den intensiveren Nutzern von Praktikanten. In den Letzteren sind vergleichsweise viele Universitätsabsolventinnen und -absolventen als Praktikanten tätig. Gleiches gilt bei Universitätsabsolventinnen und -absolventen ebenso für das Verlagswesen und bei Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen für das Baugewerbe. Relativ selten sind Absolventinnen und Absolventen dagegen in den Bereichen Gesundheitswesen, Schulen und Hochschulen als Praktikanten beschäftigt.

Fazit: Der berufliche Einstieg über Praktika ist mitnichten der Regelfall. Probleme beim Berufseinstieg dürften sich stattdessen in anderer Hinsicht äußern, z. B. in Form von befristeten Beschäftigungsverhältnissen, unterwertiger Beschäftigung und/oder schlechter Bezahlung. Diesen Fragen ist HIS bereits in der Vergangenheit nachgegangen; sie werden auch für den aktuell befragten Jahrgang untersucht.

Download der HIS-Studie (.pdf)

Nähere Auskünfte
Kolja Briedis:
Karl-Heinz Minks:


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