Studie

Soziale und akademische Integration von Geflüchteten im Hochschulstudium

Zehn Jahre nach Angela Merkels „Wir schaffen das“ machten die Münchner Soziolog:innen Irmhild Saake und Armin Nassehi darauf aufmerksam, wie die aktuelle Migrationsdebatte errungene Integrationsleistungen und Erfolge überlagert (Nassehi & Saake, 2025).

02.07.2026 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
  • Gruppe Studierender arbeitet an einem Projekt. © Adobe Stock Geflüchtete Studierende befinden sich häufig in einer prekären sozialen Lage und ihr Studienerfolg wird damit zu einer Frage sozial ungleicher Bildungschancen.

Zehn Jahre nach Angela Merkels „Wir schaffen das“ machten die Münchner Soziolog:innen Irmhild Saake und Armin Nassehi darauf aufmerksam, wie die aktuelle Migrationsdebatte die seither durch das gemeinsame Engagement von Mehrheitsgesellschaft und Neuzugewanderten errungenen Integrationsleistungen und Erfolge überlagert (Nassehi & Saake, 2025). Zu den Erfolgen kann neben der Arbeitsmarktintegration (Brücker et al., 2025) auch der Zugang von Geflüchteten ins Hochschulstudium zählen (Berg et al., 2021; Grüttner et al., 2020). Bundes- und Landesregierungen investierten nach 2015 in Infrastrukturen, die Sprachkompetenzen auf Hochschulniveau oder eine nachträgliche Aufwertung nicht anerkannter ausländischer Hochschulzugangsberechtigungen fördern und Hürden bei Studienbewerbungen abbauen sollten (DAAD/DZHW, 2020; BMBFSFJ, 2016). Die Integrationswirkung des Hochschulsektors sollte gestärkt werden und zum Schließen der Fachkräftelücke beitragen. Der vorliegende DZHW Brief basiert auf einer aktuellen Studie, die erstmals belastbare statistische Ergebnisse zur Situation von Geflüchteten im Studium an deutschen Hochschulen präsentiert (Grüttner & Koopmann, 2025). Betrachtet werden die soziale und akademische Integration von Geflüchteten auf Basis einzigartiger repräsentativer Daten. Um aber die Ausgangslage für deren Integration besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Entwicklung der Anzahl von geflüchteten Studierenden. 

Wie hat sich die Zahl der Studierenden aus Syrien entwickelt? 

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der überdurchschnittlichen Neigung zu MINT-Fächern unter Geflüchteten (Grüttner & Schröder, 2022) kann die starke Förderung von studienvorbereitenden Maßnahmen nach 2015 durch Bund und Länder als folgerichtig angesehen werden. Wer sich für die Entwicklung der Anzahl von Studierenden mit Fluchtgeschichte in Deutschland interessiert, findet jedoch keine verlässlichen statistischen Daten.  Die Hochschulen in Deutschland erfassen in der Regel lediglich die Staatsangehörigkeit ihrer Studierenden sowie das Land des Erwerbs der Hochschulzugangsberechtigung (HZB). Um einen Eindruck von der Entwicklung der letzten zehn Jahre zu erhalten, eignet sich daher ein Blick auf syrische Studierende (Abb. 1). Auf Basis der Daten der Studierendenbefragung des DZHW kamen im Sommersemester 2021 rund 70 % der geflüchteten Studierenden mit ausländischer HZB und rund 40 % derjenigen mit inländischer HZB aus Syrien. Abb. 1 zeigt die Entwicklung der Studierendenzahl mit syrischer Staatsangehörigkeit. Während im Wintersemester (WS) 2013/14 ca. 2.300 syrische Studierende mit ausländischer HZB und ca. 250 mit deutscher HZB in Deutschland studierten, waren es 2021/22 bereits über 16.000 mit ausländischer HZB und immerhin über 2.000 mit deutscher HZB. Seither nimmt die Zahl syrischer Studierender mit ausländischer HZB wieder leicht ab (ca. 13.300 im WS 2023/24), während nun diejenigen mit deutscher HZB kontinuierlich zunehmen (ca. 7.300 im WS 2023/24). 

Wie gelingt die soziale und akademische Integration ins Studium? 

Zu Fragen der Studienvorbereitung und des Studieneinstiegs von Geflüchteten in Deutschland liegt mittlerweile ein überschaubarer Forschungsstand vor (z. B. Berg et al., 2021; Grüttner et al., 2020; Grüttner & Schröder, 2023). Als relevante Faktoren für den Studienzugang konnten unter anderem die Überwindung von Sprachbarrieren, die bildungsbiografischen Brüche aufgrund der Flucht, die Informiertheit sowie Unsicherheiten bezüglich der Bleibeperspektive herausgearbeitet werden. Zur Situation von Geflüchteten im Studium fehlen bisher belastbare quantitative Erkenntnisse. Mit den Daten der Studierendenbefragung 2021 können aufgrund der enormen Größe der Stichprobe hierzu Erkenntnisse gewonnen werden (Infobox 2). Wichtige Anhaltspunkte für die Einschätzung der Studiensituation liefert das Studierendenintegrationsmodell nach Tinto (1975). Es schreibt der akademischen und der sozialen Integration an der Hochschule eine zentrale Bedeutung für den Studienerfolg zu. Als Indikatoren für die soziale Integration werden hier Angaben zur Häufigkeit von Kontakten zu anderen Mitstudierenden außerhalb der Lehrveranstaltungen herangezogen. Die akademische Integration wird über den Indikator der selbst eingeschätzten Studienleistung im Vergleich zu den Mitstudierenden gemessen. 

Dabei wird zwischen geflüchteten Studierenden mit deutscher und mit ausländischer HZB unterschieden, und ihre Angaben werden mit denjenigen von in Deutschland geborenen Studierenden verglichen, sowie anderen im Ausland geborenen Studierenden mit deutscher bzw. ausländischer HZB (Infobox 3). 

Mit Blick auf die soziale Integration zeigt sich (Abb. 2), dass in Deutschland geborene Studierende in Bezug auf die Häufigkeit des Kontakts mit Mitstudierenden auf einer Skala von 1 (nie) bis 5 (sehr häufig) im Mittel einen Wert von 2,9 angeben. Über die Hälfte der einheimischen Studierenden nennt Werte zwischen 3 und 5. Alle anderen hier betrachteten Studierendengruppen berichten signifikant geringere Werte. Zugewanderte Studierende mit deutscher HZB und zugewanderte Studierende mit ausländischer HZB zeigen Werte von jeweils rund 2,7 bei der sozialen Integration. Geflüchtete geben unabhängig davon, ob sie eine inländische oder eine ausländische HZB besitzen, demgegenüber noch einmal signifikant niedrigere Werte an (jeweils rund 2,4). Nur etwas weniger als 40 % von ihnen nennen Werte zwischen 3 und 5. Die Art der HZB geht weder für geflüchtete noch für andere zugewanderte Studierende mit einem signifikanten Unterschied beim Kontakt mit den Mitstudierenden einher.  Unabhängig davon, ob sie bereits in Deutschland zur Schule gegangen sind oder im Ausland ihren Schulabschluss erworben haben: Geflüchtete Studierende finden schwerer Kontakt zu ihren Mitstudierenden. 

Für die akademische Integration (Abb. 3) zeigt sich, dass in Deutschland geborene Studierende auf einer Skala von 1 (unterdurchschnittlich) bis 5 (überdurchschnittlich) im Mittel einen Wert von 3,2 für ihre selbst eingeschätzte Studienleistung berichten. Das heißt, im Mittel schätzen sie ihre Leistungen eher durchschnittlich ein. Rund 35 % schätzen ihre Studienleistung dagegen (eher) überdurchschnittlich hoch ein (Kategorien 4 und 5). Auch hier berichten alle anderen Studierendengruppen signifikant niedrigere Werte. Zugewanderte Studierende mit inländischer HZB berichten im Mittel einen Wert von 3,0, zugewanderte Studierende mit ausländischer HZB im Mittel einen Wert von 3,1. Geflüchtete mit ausländischer HZB geben demgegenüber noch einmal einen signifikant niedrigeren Wert von 2,9 an. Von ihnen schätzen nur rund 21 % ihre Leistungen als (eher) überdurchschnittlich ein. Geflüchtete mit inländischer HZB berichten im Mittel einen Wert von 2,9, der sich signifikant von dem Wert der anderen zugewanderten Studierenden mit inländischer HZB unterscheidet. Geflüchtete Studierende schätzen ihre Studienleistung demnach im Mittel leicht unterdurchschnittlich ein und nur rund 16 % der Geflüchteten mit inländischer HZB bewerten ihre Leistungen als (eher) überdurchschnittlich. Das Land der HZB und die damit verbundene Vorbildung ist für diese Ungleichheit weitgehend unbedeutend. Daher wird für die weiteren Analysen teilweise auf diese Unterscheidung verzichtet.

Spielt das Studienfach eine Rolle? 

Geflüchtete Studierende in Deutschland zeigen gegenüber in Deutschland geborenen Studierenden eine erhöhte Neigung, ein MINT-Fach (Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik) zu studieren (Grüttner & Koopmann, 2025; Grüttner & Schröder, 2022). Berechnungen auf Basis der Studierendenbefragung 2021 zeigen, dass 46 % der Geflüchteten in grundständigen Studiengängen ein MINT-Fach studieren im Vergleich zu 31 % der in Deutschland geborenen Studierenden.  Wie gut sich Geflüchtete im Studium zurechtfinden, hängt möglicherweise auch vom gewählten Studienfach ab. Ein Blick in die Daten der Studierendenbefragung 2021 legt nahe, dass es hier tatsächlich Unterschiede gibt (siehe Abb. 4). Zur Vereinfachung betrachten wir hier nur den Unterschied zwischen Studierenden, die in Deutschland geboren sind, sowie Studierenden mit Fluchthintergrund unabhängig von der Art der Hochschulzugangsberechtigung. Der Abstand des mittleren Niveaus der sozialen und akademischen Integration liegt jeweils am höchsten zwischen geflüchteten Studierenden und einheimischen Studierenden in den MINT-Fächern. Für die akademische Integration (zur Erinnerung: die akademische Integration wird hier durch die Selbsteinschätzung der eigenen Leistung im Vergleich zu der Leistung der Mitstudierenden dargestellt) ist dieser Unterschied gegenüber den Sozial- und Geisteswissenschaften hochgradig signifikant. Innerhalb dieser Fächergruppen lässt sich hingegen kein substanzieller Abstand beobachten.  Die akademische Integration der beiden Studierendengruppen liegt hier bei ca. 3,3 bzw. 3,2 auf nahezu gleichem Niveau. Mit rund 2,8 bei geflüchteten Studierenden und rund 3,2 bei in Deutschland geborenen Studierenden ist der Gruppenunterschied bei der akademischen Integration unter MINT-Studierenden deutlich ausgeprägter. Der Unterschied zwischen Geflüchteten in den Geistes- und Sozialwissenschaften und in MINT-Fächern ist statistisch signifikant.

Welche Rolle spielen sprachliche Fähigkeiten und die Finanz- und Wohnsituation? 

Qualitative Forschungsergebnisse aus dem internationalen Forschungsstand legen nahe, dass strukturelle Rahmenbedingungen, wie die finanzielle Lage oder die Wohnsituation, neben sprachlichen Fähigkeiten von herausragender Bedeutung für die Integration ins Studium sind (Kalocsányiová et al., 2024). Mithilfe der Daten der Studierendenbefragung 2021 lässt sich auch quantitativ zeigen, dass geflüchtete Studierende sich in deutlich ungünstigeren Wohn- und Finanzierungsbedingungen befinden als in Deutschland geborene Studierende (Tab. 2). Bei den selbst eingeschätzten sprachlichen Fähigkeiten (Lesen, Schreiben und Sprechen) weisen allerdings nur Geflüchtete mit ausländischer HZB signifikant geringere Werte auf. Geflüchtete mit deutscher HZB schneiden hier ähnlich gut ab wie ihre in Deutschland geborenen Mitstudierenden. 

Besonders ausgeprägt sind für geflüchtete Studierende die Unterschiede in der Wohn- und Finanzierungsituation, unabhängig vom Land der HZB. Geflüchtete Studierende befinden sich häufig in einer prekären sozialen Lage und ihr Studienerfolg wird damit zu einer Frage sozial ungleicher Bildungschancen. Daher stellt sich die Frage, inwiefern diese strukturelle Benachteiligung auch für die geringere soziale und akademische Integration verantwortlich sein könnte. Um das zu beantworten, wurden Regressionsmodelle berechnet, die die Zusammenhänge zwischen sozialer und akademischer Integration mit der Wohn- und Finanzierungssituation berücksichtigen und um diese Einflüsse bereinigte Effekte berechnen. Entscheidend für die Einschätzung ist, ob sich der negative Effekt des Fluchthintergrundes auf die soziale und akademische Integration signifikant verringert, wenn in einem multiplen Regressionsmodell zusätzlich die Finanzierungs- und Wohnsituation als Einflussgröße berücksichtigt wird. Statistisch signifikante Ergebnisse lassen sich hierbei nur für die akademische Integration finden (Abb. 5). Tatsächlich reduziert sich der Effekt des Fluchthintergrundes von -0,34 Skalenpunkten (Skala von 1 bis 5) auf -0,04 Skalenpunkte.  Für die akademische Integration lässt sich also zeigen, dass die Nachteile geflüchteter Studierender mit deren prekärer Wohn- und Finanzierungssituation einhergehen. 

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Geflüchtete Studierende konnten in den Jahren seit 2015 vermehrt erfolgreich ein Studium in Deutschland aufnehmen, wie sich an der Zahl syrischer Studierender ablesen lässt. Im Studium zeigen sich allerdings Benachteiligungen hinsichtlich sozialer (Kontakt zu Mitstudierenden) und akademischer (Selbsteinschätzung der Studienleistung) Integration. Geflüchtete Studierende haben seltener Kontakt zu ihren Mitstudierenden und schätzen ihre Studienleistungen im Vergleich zu ihren Mitstudierenden niedriger ein. Diese Indikatoren können als Warnsignale für gefährdeten Studienerfolg und erhöhte Studienabbruchrisiken gesehen werden. Da für diese Ungleichheit weitgehend unbedeutend ist, ob die HZB und die damit verbundene Vorbildung in Deutschland oder im Ausland erworben wurde, ist es für Entwicklung von gezielten Maßnahmen ratsam, beide Gruppen von Geflüchteten in den Blick zu nehmen sowie die strukturellen Bedingungen, die mit dem Fluchthintergrund einhergehen. Geflüchtete Studierende befinden sich oft in einer besonders prekären sozialen Lage und viele kämpfen neben aufenthaltsrechtlichen Unsicherheiten mit Problemen im Bereich Wohnen und Finanzierung des Lebensunterhalts. 

Hochschulen und Hochschulpolitik sollten daher die Ressourcen und Herausforderungen geflüchteter Studierender auch nach dem Studieneinstieg weiter in den Fokus nehmen. Auf Ebene der Studiengänge können Gelegenheiten des Austauschs und ein Klima des Respekts gezielt gefördert werden. Hierfür können auch Erfahrungen aus dem Welcome-Programm des DAAD herangezogen werden (DAAD/DZHW, 2020, S. 14f). Dieses Programm hat in den vergangenen Jahren an zahlreichen Hochschulen unter anderem Buddy- bzw. Tandemprogramme gefördert, die helfen, sich besser ins Studium einzufinden und in Kontakt mit anderen Studierenden zu kommen. 

Insbesondere geflüchtete Studierende mit ausländischer HZB können von studienbegleitenden Maßnahmen zur Förderung ihre sprachlichen Studierfähigkeit profitieren, da trotz studienvorbereitender Sprachkurse keine vollständige Angleichung der sprachlichen Studierfähigkeit auf das Niveau der Mitstudierenden beobachtet werden kann. Hochschulen könnten entsprechende Kurse im Curriculum ihrer Studiengänge verankern. Ein besonderer Schwerpunkt sollte auf Brückenkursen und studienbegleitenden Kursen im Bereich der MINT-Fächer liegen. 

Einen deutlichen Einfluss auf die akademische Integration von Geflüchteten hat deren strukturelle Lebenslage. Unter Berücksichtigung der nachteiligen Wohn- und prekären Finanzierungssituation erweisen sich geflüchtete Studierende als ebenso gut akademisch integriert wie ihre in Deutschland geborenen Mitstudierenden. Dieses Ergebnis verweist auf die entscheidende Bedeutung der öffentlichen Förderung jungen bzw. studentischen Wohnens, des BAföG und anderer Finanzierungmöglichkeiten mit sozialer Ausgleichswirkung für die nachhaltige Sicherung des Studienerfolgs von Geflüchteten. Eine Reform des BAföG könnte beispielsweise einen Verlängerungsgrund für Nicht-Muttersprachler:innen in deutschsprachigen Studiengängen vorsehen. 

Die Ergebnisse verweisen auf politischen Handlungsbedarf, damit aus geflüchteten Studierenden die dringend benötigten Fachkräfte werden. 

von Michael Grüttner

Erstveröffentlichung: DZHW-Brief 02 2026 (hier finden sich zugehörige Quellen, Infoboxen und Abbildungen)


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