Stipendienprogramm

Katholische Hochschulgemeinden sehen Nationales Stipendienprogramm der Bundesregierung mit Skepsis

(red/PM) Die Pläne der Bundesregierung für ein Nationales Stipendienprogramm, die in der kommenden Woche im Kabinett verabschiedet werden sollen, stoßen bei den 125 Katholischen Hochschulgemeinden in Deutschland auf Skepsis.

15.04.2010 Artikel
  • © fhok.de

Jürgen Weber, 1. Vorsitzender des Forums Hochschule und Kirche und Hochschulpfarrer in Mannheim, sieht große Fragen im Blick auf die konkrete Verwirklichung des Zieles, gerade Studienberechtigte aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten zur Aufnahme eines Studiums zu ermutigen. Für problematisch hält er auch die regionalen und fachlichen Verzerrungen in der Verteilung öffentlicher Fördermittel, die wegen des übermäßig großen Einflusses von privaten Geldgebern auf die Stipendienvergabe zu befürchten sind.

Grundsätzlich begrüßen die Hochschulgemeinden die Förderung einer Stipendienkultur in Deutschland. Öffentliches Geld des Bundes und der Länder sollte jedoch gezielter zur Förderung von mehr Gerechtigkeit in der Bildungsbeteiligung eingesetzt werden. Dringend erforderlich wären flächendeckende Programme zur "Ermutigung zum Studium" (z.B. Mentoringprojekte) für Schüler aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten, auch solche mit Migrationshintergrund. Sinnvoll wäre eine grundlegende Neuordnung der öffentlichen Studienfinanzierung. Ein übereilt entwickeltes Nationales Stipendienprogramm kann einer solchen Neuordnung möglicherweise im Weg stehen.

Wenig kluge Politik - viel übereilter Aktionismus

Im Eiltempo bereitet das Bundesbildungsministerium (BMBF) zurzeit die Gesetzgebung für ein Nationales Stipendienprogramm (NaStip) vor. "Angesichts der Tatsache, dass das nordrheinwestfälische Stipendienprogramm von Minister Pinkwart - sozusagen die Blaupause für das Gesetz - kaum ein Jahr in Kraft ist, hat diese Eile wenig mit kluger Politik, aber viel mit übereiltem Aktionismus zu tun", erklärt der Mannheimer Hochschulpfarrer Jürgen Weber, der als 1. Vorsitzender dem Forum Hochschule und Kirche (FHoK) vorsteht, der Dachorganisation der Katholischen Hochschulseelsorge in Deutschland. Der Vorstand des FHoK bereitet eine ausführliche Stellungnahme zu dem Gesetzesprojekt vor. Er begrüßt grundsätzlich das Anliegen der Bundesregierung, eine neue private Stipendienkultur in Deutschland zu fördern. "Wenn man dies mit öffentlichen Geldern des Bundes und der Länder tut, so muss man sehr genau überlegen, wie die Mittel möglichst effizient zur Erreichung der Ziele eines solchen Stipendienprogramms eingesetzt werden", meint Jürgen Weber.

Erfahrungen aus "Pilotland NRW" nicht hinreichend ausgewertet

Zum NRW-Stipendienprogramm gibt es bisher keinerlei seriöse Auswertungen was die Fragen der Umsetzung in den Hochschulen und die Erreichung der bildungspolitischen Ziele betrifft. "Wenn das Gesetzesvorhaben von Ministerin Schavan nun gerade die Vorbeugung gegenüber regionalen Ungleichgewichten in der Studienförderung und die Ermutigung von Studienberechtigten aus bildungsfernen und einkommensschwachen Schichten zum Ziel erklärt, so sollten dazu erst einmal verlässliche Erfahrungswerte aus dem ´Pilotland NRW´ gesammelt werden."

Überbewertung der rein fachlichen Leistungen

Der Vorstand des Forums hat gravierende Bedenken, dass die im Gesetzesentwurf vorgesehenen Kriterien und Verfahren der Stipendiatenauswahl nicht zu einer gebührenden Berücksichtigung von Faktoren neben der rein fachlichen Studienleistungen führen werden. Diese Berücksichtigung ist aber für die Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit entscheidend. "In der konkreten Umsetzung werden die ohnehin schon überforderten Gremien der Hochschulen in ihrer Mehrheit schlicht auf eine Bewertung von Kandidaten nach Notenschnitten zurückgreifen", meint Jürgen Weber. "Und damit haben dann Studierende aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Schichten wieder die von den Begabtenförderwerken bereits sattsam bekannten ´kürzeren Spieße´ im Vergleich zu ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen aus der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht unseres Landes."

Fachliche und regionale Ungleichgewichte durch private Geldgeber

Hinzu kommt die Gefahr, dass einzelne Fächer oder bestimmte Studierendengruppen in überproportionaler Weise mithilfe öffentlicher Mittel gefördert werden. Sie entsteht durch die Möglichkeit der privaten Geldgeber, für bis zu zwei Drittel der Stipendien besondere Zwecke festzusetzen. "Auch regional dürfte es extreme Unterschiede im Vermögen der Hochschulen geben, private Geldgeber für Stipendienprojekte zu gewinnen. Das kann ich aus der Erfahrung der in diesem Punkt schon sehr aktiven Mannheimer Universität sagen, die natürlich in einem sehr privilegierten Umfeld, aber auch hier nicht mühelos agiert", sagt Jürgen Weber. "Natürlich böte ein Nationales Stipendienprogramm auch für uns als Kirche eine echte Chance, z.B. ausländische Studierende aus Entwicklungs- und Schwellenländern gezielt und mit öffentlicher Unterstützung zu fördern. Allein als katholische Kirche geben wir für diese Zielgruppe aus eigenen Mitteln jährlich weit über 1 Mio. Euro in Form von Unterstützungsfonds und Kleinstipendien aus, neben ca. 3,8 Mio. Euro im Stipendienprogramm des KAAD", ergänzt Lukas Rölli, Geschäftsführer des FHoK.

Bedenklich erscheint dem Vorstand des Forums in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass gleichzeitig mit der Entwicklung des NaStip-Gesetzes, das immerhin Bundesmittel in Höhe von bis zu 150 Mio. Euro vorsieht, im Auswärtigen Amt geplant wird, die Mittel für die Stipendienförderung von ausländischen Studierenden in Deutschland im Kulturetat deutlich zu kürzen. "Hier wird offenbar, dass diese Regierung einseitig an einem Brain-Gain ausländischer Studierender interessiert ist. Für die Entwicklungsländer und deren Aufbau von höheren Bildungsstrukturen ist das Gift", erklärt Lukas Rölli.

Zielorientierung auf mehr Bildungsgerechtigkeit

Die Unmutsbekundungen zahlreicher Stipendiaten in den Begabtenförderungswerken im Blick auf die soziale Ausgewogenheit der nationalen Stipendienpolitik (vgl. Zeit-online vom 14. April) sollte der Bundesregierung nach Meinung von Jürgen Weber zu denken geben. Die Unterstützung dieser besonderen Zielgruppe Studierender mit öffentlichen Geldern über die Begabtenförderungswerke sei angesichts von deren Verpflichtung zu einem ideellen Förderprogramm der Stipendiaten durchaus gerechtfertigt. In diesen Programmen würden ja durchaus Grundwerte und Schlüsselqualifikationen für ein zivilgesellschaftliches Engagement gefördert. Die protestierenden Stipendiaten wiesen aber deutlich darauf hin, wo die eigentliche Aufgabe der Bundesregierung im Bereich der Studienfinanzierung liege: in der zielgenauen Förderung von mehr Bildungsgerechtigkeit! "Dazu wäre nicht nur eine grundlegende Neuordnung der gesamten Studienfinanzierung hilfreich. Viel notwendiger wären noch breite Anreize für nichtmonetäre ´Ermutigungsprogramme zum Studium´. Hier sind auch wir als Kirche an den Hochschulen gefordert, kreative Beiträge zu entwickeln", erklärt Jürgen Weber. "Vielleicht wäre es klüger, im Rahmen des Qualitätspaktes Lehre solche Programme zu entwickeln und mit dem Nationalen Stipendienprogramm noch zwei, drei Jahre Erfahrungen in NRW abzuwarten."


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