Wissenschaftsrat

Mehr Differenzierung wagen!

Die Hochschultypen Universität und Fachhochschule allein reichen nicht mehr aus, um die gewachsene Vielfalt der individuellen und gesellschaftlichen Erwartungen an akademische Einrichtungen erfüllen zu können, so der Wissenschaftsrat in seinen jüngst verabschiedeten Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen in Deutschland. Vor allem auch mit Blick auf die wachsende und heterogener werdende Zahl von Studierenden sind mehr alternative Hochschulformen notwendig.

17.11.2010 Pressemeldung Wissenschaftsrat

Überdies müssen Berufstätige, Studierende in Teilzeit und Studienanfänger aus dem Ausland ebenso bessere Angebote finden wie die an Weiterbildung Interessierten. Der Wissenschaftsrat plädiert deshalb für eine grundsätzliche Offenheit neuen Hochschulformen gegenüber. "Auch wenn die Universität eine Leitinstitution im deutschen Hochschulsystem darstellt, muss es Formen geben, die sich von ihr unterscheiden und nicht zu den Fachhochschulen zählen", so Professor Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Das Risiko einer möglicherweise wachsenden Unübersichtlichkeit in der Hochschullandschaft bestehe; es könne aber für eine Übergangsphase in Kauf genommen werden angesichts der Chance, durch größere Vielfalt von Hochschulen und funktionale Differenzierung den Alternativenreichtum im Gesamtsystem zu vergrößern.

Auch innerhalb der einzelnen Hochschulen sollten bestimmte Aufgaben stärker gebündelt werden. So schlägt der Wissenschaftsrat vor, "Colleges" und "Professional Schools" als Untereinheiten von Hochschulen zu erproben. "Colleges" bieten ein breit angelegtes Studienprogramm mit Kursen aus Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften. In "Professional Schools" steht der Bezug des Studiums zu einem spezifischen Berufsfeld im Zentrum. So könnten in Hochschulen weitere Untereinheiten entstehen, die auf die Lehramtsausbildung spezialisiert sind.

Kritisch sieht der Wissenschaftsrat die derzeit in öffentlichen Diskussionen vorherrschende ausschließliche Fixierung auf Forschungsexzellenz. "Es verwundert nicht", so Strohschneider, "dass die Hochschulen nur selten originelle Selbstbeschreibungen entwickeln, wenn im gegenwärtigen politischen wie wissenschaftlichen Umfeld allein ´Exzellenz´ in der Forschung zählt. Ein Hochschulsystem braucht aber unterschiedliche Qualitäten und Schwerpunkte in unterschiedlichen Leistungsbereichen – zum Beispiel auch in der Lehre." Eine Aufspaltung in Forschungs- und Lehruniversitäten lehnt das Gremium jedoch ab.

Eine wachsende Bedeutung misst der Wissenschaftsrat dem Thema Region bei. Er warnt vor dem Risiko, dass durch die unterschiedlichen demografischen wie finanziellen Entwicklungen in den verschiedenen Regionen Deutschlands die Gestaltungsmöglichkeiten mancher Hochschulstandorte eingeschränkt werden könnten. Bund und Länder werden dazu aufgefordert, entsprechende Maßnahmen – gegebenenfalls auch gemeinsam – zu ergreifen, um die möglichen negativen Folgen von regional unterschiedlichen Entwicklungen auszugleichen. Vor allem mit Blick auf den Flächenbedarf an stark nachgefragten Hochschulstandorten werden dringlich rasche Lösungen eingefordert. Gleichzeitig sieht der Wissenschaftsrat die Hochschulen selbst in der Pflicht, sich stärker als bislang strategisch auf ihre regionalen Bedingungen einzustellen.

Kooperationen von Hochschulen, auch in hochschultypübergreifenden Verbünden, stellen aus Sicht des Wissenschaftsrates ein geeignetes Mittel dar, die Hochschullandschaft übersichtlicher zu machen, gemeinsame Profile zu entwickeln und den Austausch untereinander zu befördern. Insbesondere zur Verbesserung der Durchlässigkeit und Mobilität im Hochschulsystem müsse die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Hochschulen gestärkt werden. Auf Kooperation setzt der Wissenschaftsrat, wo das Promotionsrecht als Instrument der sachlichen Weiterentwicklung einzelner Hochschulen eingesetzt werden soll. Hier empfiehlt das Gremium stets die Einbeziehung von Universitäten.

Der Wissenschaftsrat lenkt den Blick zudem auf die Pflege institutioneller Kulturen. "Die Hochschulen bekommen immer mehr Konkurrenz bei der Erzeugung von Wissen", so Peter Strohschneider. "Umso wichtiger ist es, dass sie als Ort des akademischen Lebens wieder stärker in Erscheinung treten und ihren kulturellen ´Eigensinn´ zur Geltung bringen".

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