Gastbeitrag

Ohne Widerstandskraft keine Zukunft

Aufgrund der Pandemie findet das Studium überwiegend online statt. Bei allem verständlichen Klagen birgt diese Trostlosigkeit eine Chance, jenen wunden Punkt unserer Gesellschaft zu benennen, der durch das Getöse der Digitalisierung ansonsten unerkannt bleiben würde: die fehlende Widerstandsfähigkeit.

14.05.2021 Bundesweit Artikel Frank E.P. Dievernich
  • © Jasminko Ibrakovic/Shutterstock

Ein weiteres Semester mit vielen neuen Studierenden ist an den Hochschulen gestartet, der Campus bekommt dies jedoch kaum mit. Aufgrund der Pandemie findet das Studium überwiegend online statt. Bei allem verständlichen Klagen birgt diese Trostlosigkeit eine Chance, jenen wunden Punkt unserer Gesellschaft zu benennen, der durch das Getöse der Digitalisierung ansonsten unerkannt bleiben würde: die fehlende Widerstandsfähigkeit. Das heutige Erziehungs- und Bildungssystem hat Schwierigkeiten, Menschen heranreifen zu lassen, die fähig sind, mit den Widrigkeiten einer komplexen Gesellschaft umzugehen. Das darf man diesem System nicht vorwerfen, ist es mittlerweile selbst Nebendarsteller dieser Gesellschaft geworden. Die Triebfedern für soziale Entwicklungen in dieser Gesellschaft sind das Internet und die sozialen Medien. Gesellschaftsmitglieder, gerade die Jüngeren, Schüler/-innen und Studierende, sind hier vor allem Konsumenten. Sie sollen über die Illusion der großen Gemeinschaft und Nähe gebunden werden.

Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

Kein kurzsichtiges Fortführen der Digitalisierung nach der Pandemie

Mit der Digitalisierung kommt es also zu einem systematischen Entzug der realen Welt. Das Gegenüber wird zu einem zunehmend körperlosen Pendant, zu einer Fantasiegestalt, die nur im eigenen Kopf existiert. Die reale Welt hat also ein Alter Ego erhalten, das nur schwer loszulassen ist, da es elementarer Teil der eigenen Persönlichkeit ist. Sich selbst loslassen, um in die reale Welt einzutauchen? Das erscheint zunehmend als Herausforderung. Das Perfide daran ist, wie es Marie-Luise Wolff in ihrem Buch „Die Anbetung – über eine Superideologie namens Digitalisierung“ beschreibt, dass das Internet und die sozialen Medien den Menschen mit Informationen – und nicht mit Wissen – überschütten. Um nicht darin unterzugehen, wählt man sich zunehmend jene Informationsblase aus, die einem handhabbar erscheint. Man sucht sich eine schützende Community und wird durch die Gewohnheiten und Algorithmen in die entsprechend gleichgesinnten Gruppen geleitet. Sanft und quasi unbemerkt.

Im Rahmen der Pandemie ist es selbstverständlich, Schulen und Hochschulen in Windeseile digitalisieren zu wollen. Jedoch wäre es kurzsichtig, damit nach der Pandemie unbeirrt fortzufahren. Jedes Mehr an unreflektierter Digitalisierung leistet dem zuvor beschriebenen Trend Vorschub. Stattdessen braucht es eine Diskussion darüber, wo Orte der Begegnung lebensechter, analoger und mit Gelegenheit zum Dialog geschaffen werden müssen. Es braucht diese Räume, wollen wir Gesellschaftsmitglieder herausbilden, die über Widerstandsfähigkeit verfügen. Diese trägt dazu bei, auch dann weiterzumachen, wenn die Umwelt widrig und unwirtlich ist – so wie die Corona-Krise seit Monaten unser Leben verändert hat. Wir brauchen diese Kompetenzen, da heute schon klar ist, dass nächste Krisen vor der Tür stehen. Wir können es uns nicht länger leisten, Widerstand im Rahmen persönlicher Empörung auszudrücken und zu erwarten, dass uns die bestehende Feedbackgesellschaft nur positive Reaktionen zollt. Wir müssen wieder lernen, die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Sachverhalte, so komplex sie sein mögen, zu unseren zu machen. Sie müssen verstanden werden. Dazu gehört auch, aus der Situation das Beste zu machen, jetzt ins Handeln zu kommen und nicht auf bessere Verhältnisse zu warten. Die fehlende Resilienz könnte neben vielen anderen Gründen ein Faktor sein, warum derzeit die Zahl der Studierenden leicht sinkt, warten manche jungen Menschen auf jene Normalität, die sie zu kennen glauben.

Resilienz an die Spitze des Curriculums

Was Schulen und Hochschulen nun leisten müssen, ist, den Schwerpunkt ihrer Arbeit nach der Pandemie auf Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung zu legen, also auf die Ausbildung überfachlicher Kompetenzen. Resilienz muss dabei an der Spitze des Curriculums stehen. Das bekommen sie nicht durch ein Mehr an digitaler Lehre hin, sondern durch den direkten Kontakt mit Menschen. Noch schärfer für dieses Gedankenexperiment formuliert: Das Digitale gehört aus den Klassen- und Seminarräumen verbannt. Lernstoff muss im Gruppenverband erarbeitet werden, mit Stift, Papier und anderen Materialien muss erlernt werden, Sachverhalte plastisch darzustellen. Kritik- und Leistungsgespräche werden zu einer Selbstverständlichkeit der Selbstverortung.

Das Klassenklima wird durch die Argumentationslehre und Debattenkultur geprägt. Und in der Persönlichkeitsschulung stehen sowohl die Selbstreflexion, die Analyse der eigenen Psyche, der sozialen und kulturellen Herkunft, wie auch die Gruppendynamik im Mittelpunkt. Dabei wird reflektiert, was passiert, wenn das Diktat der Digitalisierung ausgeklammert wird, wenn dadurch Zeit zum Sortieren von Informationen eingeführt wird. Und dann – quasi als Krönung – wird die Frage nach der Gesellschaft, in der wir leben wollen, gestellt. An ihr können Haltung und Unternehmertum herausgebildet und gelebt werden, vor allem, wenn in konkreten Praxisprojekten und ehrenamtlichen Tätigkeiten – Stichwort „Service Learning“ – wieder ein bewusster Kontakt zu anderen Menschen und Organisationen geschaffen wird. Ein solcher bewusstseinsorientierter Kontext kann es dann auch verantworten, das Digitale als Arbeitsinstrument wieder einzuführen.

Die Digitalisierung als machtvolle Sozialtechnologie zu begreifen, die eine Gesellschaft weiterbringt, kann man nur, wenn deren Licht- und Schattenseite aktiv erarbeitet wurde. Dann ist man nicht Spielball gesellschaftlicher und technologischer Machtverhältnisse. Es geht hier um nichts Geringeres als darum, die Maschinerie der Aufklärung im digitalen Kontext wieder anzuschmeißen. Resilienz ist dabei das Rüstzeug, um die Geschicke einer komplexen Gesellschaft nicht den anderen zu überlassen.



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2 Kommentare

  • 15.05.2021 09:44 Uhr
    Schöner Artikel, der das Problem bzw. dessen Begünstigung durch die Pandemie auf den Punkt bringt. Die Digitalisierung bringt Chancen und Möglichkeiten. Dennoch sollte sie als EIN Instrument verstanden werden-ein Orchester besteht jedoch aus mehreren: Selbstreflexion, kritisches Hinterfragen, Diskutieren, persönlicher Meinungsaustausch, Resilienz etc.. Die Hochschulen werden einiges aufzuarbeiten haben bei den Studierenden. Das Beschränken auf reine Wissensvermittlung reicht nicht aus. Persönlichkeitsbildung bzw. Förderung der Persönlichkeitsentwicklung müssen unabdingbarer Teil des Studiums sein, damit keine Marionetten der Digitalisierung, insbesondere Social Media, heranwachsen, sondern starke und eigenständige denkende Persönlichkeiten.
  • 15.05.2021 09:53 Uhr
    Schöner Artikel, der das Problem bzw. dessen Begünstigung durch die Pandemie auf den Punkt bringt. Die Digitalisierung bringt Chancen und Möglichkeiten. Dennoch sollte sie als EIN Instrument verstanden werden-ein Orchester besteht jedoch aus mehreren: Selbstreflexion, kritisches Hinterfragen, Diskutieren, persönlicher Meinungsaustausch, Resilienz etc.. Die Hochschulen werden einiges aufzuarbeiten haben bei den Studierenden. Das Beschränken auf reine Wissensvermittlung reicht nicht aus. Persönlichkeitsbildung bzw. Förderung der Persönlichkeitsentwicklung müssen unabdingbarer Teil des Studiums sein, damit keine Marionetten der Digitalisierung, insbesondere Social Media, heranwachsen, sondern starke und eigenständige denkende Persönlichkeiten.
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