Pro und Kontra

Spagat in der Sprachenpolitik

Die Anzahl englischsprachiger Studiengänge in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verachtfacht. Hochschulen und Universitäten wollen sich für den internationalen Wettbewerb rüsten. Kritiker fürchten, dass Deutsch als Wissenschaftssprache auf diese Weise geschwächt wird.

15.04.2021 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Karoline Estermann, Olga Rösch, Wolfgang A. Herrmann
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Englisch ist Weltsprache Nummer eins. Auch in der Wissenschaft gilt sie als Lingua Franca. Aufgrund internationaler Anforderungen hält Englisch heute vermehrt Einzug in deutschen Hochschulen: Mittlerweile sind mehr als 1.600 englischsprachige Studiengänge im Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) registriert. 2007 waren es gerade mal etwas mehr als 200, so der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD).

Im Angesicht der Globalisierung

In ihrer Strategie für die Internationalisierung deutscher Hochschulen hatten die Wissenschaftsminister bereits 2013 beschlossen, mehr Studiengänge in Englisch oder anderen Fremdsprachen anzubieten. Für den DAAD passt das zu einem Arbeitsmarkt, auf dem zunehmend Absolventinnen und Absolventen mit internationalen Kompetenzen gefragt sind. Andererseits gibt es in der Wissenschaft Befürchtungen, das Niveau der Lehre sinke dort, wo ganz auf Englisch umgestellt wird. Der Verein Deutsche Sprache warnt zudem, durch die Dominanz des Englischen werde die deutsche Wissenschaftssprache zunehmend unbrauchbar, da sie ihre Fähigkeit verlieren könne, fachspezifische Wortschätze zu entwickeln. Ein weiteres Problem: Laut einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration lernen viele ausländische Studierende speziell in englischsprachigen Studiengängen unzureichend Deutsch. Das könnte ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt schmälern.

Verschiedene Anforderungen

Die HRK empfiehlt in ihrer Publikation „Institutionelle Sprachenpolitik an Hochschulen – Fortschritte und Herausforderungen“, den unterschiedlichen Stellenwert der deutschen Sprache in den Fachrichtungen zu berücksichtigen: So finde in den Naturwissenschaften sowohl die wissenschaftliche als auch die nichtwissenschaftliche Kommunikation vielfach auf Englisch statt. Die Geisteswissenschaften seien dagegen stärker an die deutsche Sprache gebunden.

Streben nach Internationalität

Während die Meinungen gespalten sind, hält der Trend zur Anglophonisierung an: Die Lehrsprache an der neu entstehenden Technischen Universität in Nürnberg wird beispielsweise vorwiegend Englisch sein. „Deutschland zieht immer mehr Studierende und Forschende aus dem Ausland an. Unser Hochschul- und Wissenschaftsstandort wird international immer attraktiver. […] das sollte uns anspornen, noch besser zu werden“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek anlässlich des Berichts „Wissenschaft weltoffen 2019“. Darin bezeichneten allerdings lediglich 38 Prozent der Bildungsausländer englischsprachige Studiengänge als bedeutsames Argument bei der Entscheidung für ein Studium in Deutschland.

Warum im Hörsaal Deutsch gesprochen werden sollte – oder eben nicht –, erklären Experten im folgenden Pro & Kontra.


Sollten Lehrveranstaltungen an deutschen Hochschulen auf Deutsch stattfinden?

© TH Wildau

Pro-Gastbeitrag

Prof. Dr. phil. Olga Rösch ist Vorstandsmitglied des Arbeitskreises „Deutsch als Wissenschaftssprache e.V.“ (ADAWIS) und Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Hochschule Wildau.

An deutschen Hochschulen gibt es derzeit eine Tendenz, deutschsprachige Studiengänge durch englischsprachige zu ersetzen. Gängige Narrative, das sei Internationalisierung und Englisch als Sprache der globalen wissenschaftlichen Kommunikation sei die globale Wissenschaftssprache, beruhen aber auf Denkfehlern: Internationalisierung im Bildungsbereich ist in erster Linie das Verstehen anderer Lernkulturen und Wissenschaftsstile, Kultur- und Wissensaustausch sowie der Erwerb interkultureller Kompetenzen. Das erfordert unter anderem Mehrsprachigkeit, wobei den jeweiligen Landessprachen eine zentrale Rolle zukommt. Die internationale Verständigung der Wissenschaftler auf Englisch bedeutet keineswegs, dass Englisch die „Welt-Wissenschaftssprache“ wäre.

Wie jede Wissenschaftssprache ist auch die deutsche kulturgebunden. Sie erwächst aus der Landessprache und fließt in diese bereichernd wieder ein. Eine umfassende Anglophonisierung der Lehre würde die Landessprache im Wissenschaftsalltag und in der nationalen Wissenschaftskommunikation zurückdrängen. Das wäre nachteilig – nicht nur für die Lehre, sondern für das gesamte Gefüge der Wissenschaft und ihre Bindung an die Kulturgemeinschaft: Zum Beispiel fänden Abiturienten eine neue Sprachbarriere zwischen Schulbildung und tertiärer Bildung vor. Gleichzeitig würden Hochschulabsolventen eine Divergenz zu Alltagsleben und Berufswirklichkeit erleben und könnten keine landessprachliche Kompetenz auf akademischem Niveau mehr erwerben. Auch integrations- und bleibewillige ausländische Studierende würden in der Integration in die deutsche Gesellschaft und Arbeitswelt behindert.

Zudem verursacht eine englischsprachige Lernsituation mit nichtanglophonen Studierenden und Lehrenden quantitative und qualitative Verluste: Breite und Tiefe wissenschaftlicher Wahrnehmung und Durchdringung werden beeinträchtigt, der Stoffumfang muss eingeschränkt werden.

Die starke Anglophonisierung der Lehre hat eher die Züge eines Sprachkolonialismus, der mit Internationalisierung fehlbezeichnet ist. Die Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftssprache, die in Lehre und Forschung stattfindet, liegt im Interesse der deutschen Wissenschaft und Gesellschaft und ist jede kultur- und bildungspolitische Anstrengung wert.

Natürlich kann es dennoch sinnvoll sein, für spezielle Zwecke oder Zielgruppen einzelne Studiengänge komplett in englischer Sprache anzubieten. Aber gerade angesichts der wirtschaftlichen und technischen Globalisierung ist eine auf Respekt und Verständnis für unterschiedliche Kulturen basierende Internationalisierung und damit bei uns das Anknüpfen an das humanistische Erbe der deutschen Kultur und die „Leidenschaft für die deutsche Sprache“, wie es der ehemalige Präsident des Goethe-Instituts Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann im Tagesspiegel formuliert, mehr als geboten. 


 

© A. Heddergott/TUM

Kontra-Gastbeitrag

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann ist Präsident Emeritus der Technischen Universität München.

Für Wilhelm von Humboldt ist die Sprache nicht nur Heimat, sondern auch „das bildende Organ des Gedankens“. Wir erleben tausendfach, dass die Sprache den Gedanken schärft. Warum also soll unsere Muttersprache den Hörsaal verlassen?

Englisch hat sich im „globalen Dorf“ von Wissenschaft und Wirtschaft den Rang der Lingua franca erobert. Wer sie in seinem Fach nicht beherrscht, ist mit vielerlei beruflichen Nachteilen konfrontiert, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Ob man will oder nicht: Die Welt tickt englisch.

Universitäten haben nicht nur einen Bildungsauftrag, sie müssen vor allem die Studierenden für die internationalen Berufsmärkte ertüchtigen. Übung macht auch hier den Meister. Wir müssen frühzeitig über das Schulenglisch hinauswachsen. Das Fachstudium bietet die Chance, die deutschsprachige Denkwelt ins Englische zu übertragen. Das ist in den einen Fächern wichtiger als in den anderen: Für angehende Lehrer und Ärzte ist es freilich weniger relevant, und deutsche Philosophie kann man nur in der Originalsprache lehren.

Die internationalen Wissenschafts- und Wirtschaftsbeziehungen eines Landes fallen zurück, wenn auf die Fremdsprachigkeit kein Wert gelegt wird. Die Folgen sehen wir bei der „Grande Nation“ Frankreich: Ihr fehlt heute jene Internationalität, die Deutschland dank englischsprachiger Studienangebote zunehmend unter Beweis stellt. Talente aus aller Welt, namentlich aus Fernost, gewinnt das „German Engineering“ nur, wenn es sich in der Lingua franca präsentiert.

Das bedeutet nicht, dass wir Deutsch als kulturprägendes Wesenselement unseres Landes verleugnen sollen. Im Gegenteil: Die Studierenden aus aller Welt – an der Technischen Universität München mittlerweile über 30 Prozent – sind gehalten, die Sprache ihres Gastlandes zu erlernen, wozu die Sprachenzentren der Universitäten so stark wie möglich ausgebaut werden müssen. Dann nehmen die Absolventen einen wichtigen Teil unserer Kultur mit in ihre Heimat und können die Botschafter- und Multiplikatorfunktion, die wir von ihnen erwarten, zur Wirkung bringen.

Meine Idealvorstellung für die Natur- und Technikwissenschaften: Geringe Eingangshürden ins Studium durch englischsprachige Bachelor-Kurse – denn sonst gehen uns die meisten Talente an die USA verloren –, aber obligatorische Schlussexamina auf Deutsch. Für unsere jungen Landsleute fördert der englischsprachige Unterricht nicht nur die fachliche Souveränität, sondern auch das internationale Miteinander.

Im Studienalltag gibt es Gelegenheit genug, sich der deutschen Sprache zu befleißigen. Und bei den Bergwanderungen bringen wir unseren Gästen hoffentlich auch noch den bayerischen Dialekt bei – der „Oachkatzlschwoaf“* als Miniaturbeitrag zum eigentlichen Ideal, nämlich der Vielsprachigkeit, ganz im Sinne Humboldts! 

*Anmerkung der Redaktion: Bayerisch für Eichhörnchenschwanz


Dieser Pro und Kontra-Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2020 veröffentlicht.



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