Befragung

Studieren unter Corona-Bedingungen

Fast 25.000 Studierende aus ganz Deutschland schildern ihre Erfahrungen im digitalen Sommersemester 2020. Seit mehr als einem halben Jahr bestimmt die Corona-Pandemie das Leben in Deutschland und hat in fast allen Lebensbereichen zu einschneidenden Veränderungen geführt.

09.11.2020 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
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Im Bildungsbereich stellte sich mit Ausbruch der Pandemie die Frage, ob und wie der Einsatz digitaler Lösungen bei bestehenden Kontaktbeschränkungen ein ortsunabhängiges Lernen und Lehren ermöglichen kann. So standen auch die Hochschulen kurz vor Beginn des Sommersemesters 2020 vor der Herausforderung, ihr Studien- und Lehrangebot vom traditionellen Präsenzlehrbetrieb innerhalb kürzester Zeit auf digitale Formate umzustellen.

Wie Studierende den digitalen Lehrbetrieb in der Pandemie erleben und welchen Herausforderungen sie dabei begegnen, ist bisher kaum bekannt. In den vergangenen Wochen wurden zwar einzelne Erfahrungen berichtet (Boros et al., 2020; Meißelbach & Bochmann, 2020; Stammen & Ebert, 2020; Traus et al., 2020; Winde et al., 2020), doch die bisherigen Erkenntnisse basieren meist auf geringen Fallzahlen und sind häufig hochschulspezifisch, sodass sie sich nur schwer generalisieren lassen.2 Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat zusammen mit der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz im Sommersemester 2020 eine bundesweit angelegte Befragung von Studierenden durchgeführt. Fast 25.000 Studierende berichten dabei über ihre Studien- und Lehrsituation in diesem Ausnahmesemester. Die Daten der Online-Befragung „Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie“ wurden nun themenspezifisch ausgewertet. Die Ergebnisse liefern wichtige Orientierungshilfen für den weiter bestehenden digitalen Lehrbetrieb an deutschen Hochschulen und geben darüber hinaus Einblicke in die Potenziale und Grenzen eines digitalen Lehr- und Studienangebots aus Sicht der Studierenden.

Kurzfristige Umstellung auf digitalen Lehrbetrieb und Organisation der Lehre

Obwohl der Lockdown erst kurz vor Beginn des Sommersemesters 2020 einsetzte, konnten die Hochschulen ihren Lehrbetrieb erfolgreich an die neuen Herausforderungen anpassen. Bei 74 Prozent der befragten Studierenden fanden alle Lehrveranstaltungen statt und keine ihrer Veranstaltungen fiel ersatzlos aus (Abbildung 1). Weitere 20 Prozent der Studierenden berichten, dass mehr als die Hälfte ihrer Veranstaltungen im Sommersemester 2020 angeboten wurde. Nur bei wenigen Befragten (0,5 Prozent) fielen alle für dieses Semester angedachten Veranstaltungen aus. 1,4 bzw. 4,1 Prozent berichten, dass mehr als die Hälfte oder etwa die Hälfte ihrer Veranstaltungen abgesagt wurde. Insgesamt lässt sich also festhalten, dass die deutliche Mehrheit der Studierenden das Studium wie geplant fortführen konnte.

Waren digitale Veranstaltungen im Studienalltag des Wintersemesters 2019/2020 noch die Ausnahme, so dominierten sie im Sommersemester 2020 klar. Im Wintersemester 2019/2020 hatte bei 88 Prozent der Studierenden keine der besuchten Lehrveranstaltungen ausschließlich online stattgefunden (Abbildung 2). In der Lehre herrschte also eindeutig Präsenzbetrieb vor. Nur 5 Prozent der Studierenden geben an, dass im Wintersemester 2019/2020 alle von ihnen besuchten Veranstaltungen Online-Veranstaltungen waren. Dies änderte sich im Sommersemester 2020 schlagartig: Für dieses Semester berichten 68 Prozent der Studierenden, dass alle ihre Veranstaltungen online abgehalten wurden. Bei weiteren 17 Prozent war mehr als die Hälfte der Veranstaltungen digital organisiert. Nur bei einem sehr kleinen Teil (3 Prozent) fanden alle im Sommer besuchten Lehrveranstaltungen als Präsenzveranstaltung statt.

Digitale Lehrveranstaltungen können auf unterschiedliche Art und Weise durchgeführt werden. Deshalb wurden die Studierenden auch dazu befragt, wie ihre Online-Veranstaltungen im Sommersemester 2020 organisiert waren. Dabei zeigt sich, dass vor allem Webinare und Videokonferenzen weit verbreitet waren (Abbildung 3). Insgesamt geben 52 Prozent der Studierenden an, dass alle oder der Großteil der von ihnen besuchten Online-Lehrveranstaltungen als Webinar oder Videokonferenz angelegt waren. Sehr verbreitet war auch der Einsatz virtueller Lehr-/Lernumgebungen: Bei 44 Prozent der Studierenden waren alle oder mehr als die Hälfte der Veranstaltungen in solche Lehr-/Lernumgebungen eingebettet. Häufig wurde das Lehrmaterial von Dozent*innen auch online zur Verfügung gestellt. Lediglich 15 Prozent der befragten Studierenden berichten, dass in keiner ihrer Veranstaltungen die Lehrmaterialien bereitgestellt wurden. Weniger verbreitet war dagegen die regelmäßige Vergabe von Aufgaben: Dies geschah nur bei 15 Prozent der Studierenden in allen Lehrveranstaltungen und bei 16 Prozent in mehr als der Hälfte der belegten Veranstaltungen. Videoaufzeichnungen gab es ungefähr bei  einem Viertel der Studierenden in allen oder dem Großteil der besuchten Lehrveranstaltungen. Die Verwendung von Audioaufzeichnungen in der Lehre war insgesamt unüblich. Fast die Hälfte der Studierenden gibt an, dass in keiner ihrer Veranstaltungen Audioaufzeichnungen eingesetzt wurden.

Bewertung des digitalen Lehrbetriebs

Dass es den Hochschulen gelungen ist, ihren Präsenzlehrbetrieb innerhalb kürzester Zeit erfolgreich auf digitale Formate umzustellen, ist nur ein Aspekt für die Beurteilung der Studien- und Lehrsituation im Sommersemester 2020. Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Umstellung auf digitale Lehrformate aus Sicht der Studierenden mit Problemen verbunden war: Hatten die Studierenden die technischen Voraussetzungen dafür, die digitalen Lehrangebote zu nutzen? Fehlten ihnen Begegnungsmöglichkeiten mit Mitstudierenden und Lehrenden? Zu diesen und ähnlichen Fragen wurden die Studierenden ebenfalls befragt.

Insgesamt war das digitale Lehrangebot für die Mehrheit der Studierenden gut nutzbar: Nur zwei bzw. vier Prozent berichten, dass viele Formen der digitalen Lehre für sie überhaupt nicht zugänglich oder nutzbar waren (Abbildung 4). 86 Prozent der Studierenden hatten keinerlei oder kaum Probleme bei der Nutzung des digitalen Lehrangebots. Auch waren die Rechner der meisten Studierenden (78 Prozent) für viele Formen der digitalen Lehre gut oder sehr gut geeignet. Kritischer beurteilen die Studierenden die Eignung ihrer Wohnsituation für einen digitalen Lehr- und Studienalltag: Jede*r fünfte Studierende gibt an, dass seine bzw. ihre Wohnsituation für die digitale Lehre nicht geeignet sei; nur etwa zwei von drei Studierenden halten ihre Wohnsituation für sehr gut oder gut geeignet. Ähnlich kritisch wird die häusliche Internetverbindung beurteilt: 22 Prozent der befragten Studierenden bewerten ihre Internetverbindung als nicht bzw. eher nicht geeignet für die Nutzung vieler Formen digitaler Lehre. 

Ambivalent  fällt das Urteil von Studierenden mit Blick auf die Vor- und Nachteile eines digitalen Studienalltags und Lehrbetriebs aus. 66 Prozent der Studierenden begrüßen zwar die zeitliche Flexibilität, die ihnen digitale Lehrformate ermöglichen. Die sozialen Kontakte haben aus Sicht der Studierenden aber unter der Umstellung vom Präsenz- auf den digitalen Lehrbetrieb gelitten: Fast 80 Prozent der Studierenden geben an, dass ihnen der persönliche Austausch mit Mitstudierenden fehlte. Nur sehr wenige Studierende (6 Prozent) vermissten den Austausch mit anderen Studierenden im Sommersemester 2020 gar nicht. Ein ähnliches Bild, wenngleich weniger ausgeprägt, zeigt sich auch für den Austausch mit Lehrenden: Hier geben insgesamt 63 Prozent der Studierenden an, dass ihnen der Kontakt mit Lehrenden im Sommersemester 2020 fehlte.

Gleichzeitig beurteilen die Studierenden aber die Erreichbarkeit der Lehrenden eher positiv (Abbildung 4): Fast die Hälfte der Studierenden war mit der Erreichbarkeit der Lehrenden im Sommersemester 2020 voll und ganz zufrieden oder eher zufrieden. 26 Prozent äußern sich diesbezüglich eher neutral. Sieben Prozent waren mit der Erreichbarkeit der Lehrenden sehr unzufrieden, 18 Prozent eher unzufrieden. Ähnliches zeigt sich für die generelle Zufriedenheit der Studierenden mit dem Angebot an digitalen Lehrveranstaltungen: Ungefähr die Hälfte der Studierenden war sehr oder eher zufrieden mit dem digitalen Lehrangebot im Sommersemester 2020;  sieben bzw. 17 Prozent waren sehr oder eher unzufrieden. Kritischer fällt dagegen das Urteil über die Umsetzung der digitalen Lehrveranstaltungen aus: Hier waren zwar insgesamt 40 Prozent der Studierenden sehr oder eher zufrieden; ungefähr jede*r dritte Studierende war aber auch sehr oder eher unzufrieden damit, wie digitale Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2020 umgesetzt wurden.

Weniger zufrieden waren die Studierenden mit der Vorbereitung auf Prüfungen und der Umsetzung digitaler Prüfungen im Sommersemester 2020. Auf ihre Prüfungen fühlten sich nur 24 Prozent der Studierenden sehr gut oder gut vorbereitet und 46 Prozent fühlten sich gar nicht oder eher nicht gut vorbereitet. Mit der Umsetzung digitaler Prüfungen war ebenfalls nur jede*r vierte Studierende sehr zufrieden oder eher zufrieden; jede*r Dritte war mit der Umsetzung digitaler Prüfungen im Sommersemester 2020 eher oder sehr unzufrieden.

Die Umstellung auf den Online-Lehrbetrieb stellte auch für die Lehrenden eine große Herausforderung dar. Innerhalb kürzester Zeit mussten Dozent*innen ihre Lehrveranstaltungen für das Sommersemester auf digitale Formate umstellen und damit Lehrformen anbieten, mit denen sie in den vorangegangenen Semestern – wie Abbildung 2 zeigt – eher wenig Erfahrung hatten. Studierende wurden deshalb auch gefragt, wie sie die digitalen Kompetenzen ihrer Lehrenden einschätzen. Tendenziell waren die Studierenden mit den digitalen Kompetenzen der Lehrenden im Sommersemester 2020 eher zufrieden als unzufrieden. So geben 45 Prozent an, mit deren digitalen Kompetenzen sehr zufrieden oder eher zufrieden zu sein (Abbildung 5). Dennoch sehen die Studierenden hier noch Entwicklungsbedarf, denn fast jede*r Vierte war mit den digitalen Kompetenzen der Lehrenden sehr oder eher unzufrieden.

[Den vollständigen Beitrag und die zugehörigen Quellen finden Sie in der Erstveröffentlichung: DZHW-Brief 05 2020]

Von Markus Lörz, Anna Marczuk, Lena Zimmer, Frank Multrus, Sandra Buchholz


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