Kempen:

"Universitäten benötigen weder Verhelmholtzung noch Fachhochschulisierung"

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) will die anstehende Neuordnung des Wissenschaftssystems dazu nutzen, die Universitäten wieder in den Mittelpunkt des Wissenschaftssystems zu rücken. "Das durch die Forschungspolitik begünstigte Zwei-Klassen-System von gießkannenfinanzierter außeruniversitärer Forschung und darbenden Universitäten, die trotz Exzellenzinitiative und trotz zweier Hochschulpakte allenfalls mit dem Notwendigsten versorgt werden, muss ein Ende haben", erklärte der Präsident des DHV, Professor Dr. Bernhard Kempen.

18.03.2013 Pressemeldung Deutscher Hochschulverband (DHV)

Kempen forderte Bund und Länder dazu auf, die Finanzströme in der Forschungspolitik umzulenken und die zwischenzeitlich geäußerten Machtansprüche außeruniversitärer Forschungseinrichtungen zurückzuweisen. Die Helmholtz-Gemeinschaft beanspruche eine Führungsrolle und wolle darüber hinaus Förderorganisation werden, die Max-Planck-Gesellschaft greife nach dem Promotionsrecht, und die Leibniz-Gemeinschaft dränge mit Wissenschaftscampi an die Universitäten. Universitäten dürften aber nicht weiter in die Rolle eines Satelliten außeruniversitärer Einrichtungen gedrängt werden. "Die deutsche Universität ist kein Steinbruch, aus dem nach Belieben die besten Stücke herausgebrochen werden können", betonte der DHV-Präsident.

Um einer weiteren Marginalisierung der Universitäten entgegenzutreten, müsse der Bund durch eine Änderung des Grundgesetzes ermächtigt werden, gemeinsam mit den Ländern dauerhaft auch Forschung und Lehre an Hochschulen fördern zu dürfen. "Das Vormachtstreben außeruniversitärer Forschungseinrichtungen resultiert aus der Föderalismusreform. Ohne eine grundgesetzliche Korrektur bleiben die Fusionen von Universitäten mit außeruniversitären Einrichtungen wie beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) oder Berliner Institut für Gesundheitsforschung der einzige Weg für Universitäten, mit Hilfe des Bundes zu einer adäquaten Forschungsausstattung zu gelangen", hob Kempen hervor. Der DHV-Präsident regte an, bei der außeruniversitären Forschungsförderung den Finanzierungsschlüssel von Bund und Ländern dahingehend zu vereinheitlichen, dass der Bund 70 und das jeweilige Sitzland 30 Prozent der Kosten tragen. Ein solcher Schritt trage dazu bei, zu gleichen Wettbewerbsvoraussetzungen unter den außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu gelangen und zugleich die Instrumentalisierung der Forschungsförderung wirksam zu unterbinden. Rechtlich fragwürdige Konstruktionen wie die Überführung des Kieler Leibniz-Instituts für Meeresforschung in ein Helmholtz-Zentrum, um über Umwege den Erhalt des Landesklinikums Schleswig-Holstein zu gewährleisten, würden dann der Vergan-genheit angehören.

Die zukünftige Forschungspolitik muss sich laut Kempen danach ausrichten, dass die staat-lich finanzierte Forschung zuvörderst in der Universität stattfinde. Dementsprechend sei die Ressortforschung auf nicht an Universitäten delegierbare Aufgaben zu reduzieren. "Vorfahrt für Universitäten heißt auch, dass nur noch im Ausnahmefall oder nur noch dann neue außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gegründet werden dürfen, wenn die Universität als Forschungsstandort aus zwingenden, nachzuweisenden Gründen nicht in Betracht kommt", ergänzte Kempen.

Das Promotionsrecht müsse ein Alleinstellungsmerkmal der Universität und ihr gleichstehender Hochschulen bleiben, das sie von den Fachhochschulen, aber auch von anderen Wissen-schaftseinrichtungen unterscheide."Ein Umfeld, in dem sich Forschung und Lehre durchdringen, können weder Fachhochschulen noch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen bieten. Letzteren würde bei einem eigenständigen Promotionsrecht der wichtigste Anreiz zur Kooperation mit den Universitäten fehlen", erläuterte der DHV-Präsident. Statt das Promoti-onsrecht auf Fachhochschulen auszudehnen, müssten die Möglichkeiten kooperativer Promo-tionsformen stärker genutzt werden.

Überlegungen zwischen Universitäten zu differenzieren, die sich entweder auf Spitzenforschung oder auf Ausbildung konzentrierten, lehnte Kempen ab. "Die Universität wird getragen von Wissenschaftlern, die gleichermaßen forschen wie lehren. Forschung und Lehre müssen zwei Seiten derselben Medaille bleiben."

Sollte der eingeschlagene, falsche und gefährliche Weg des Ausverkaufs der Universitäten fortgesetzt werden, sehe der DHV keine andere Möglichkeit, als für eine sukzessive Auflösung und Überführung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die Universitäten zu votieren. "Gegenüber einer gleichberechtigten Koexistenz von Universitäten und außer-universitären Forschungseinrichtungen wäre dies allerdings die schlechtere Lösung", betonte Kempen abschließend. "Sie wäre aber immerhin besser als eine Universität, in der die Einheit von Forschung und Lehre verloren gegangen ist. Die Zukunft der deutschen Universität kann weder in einer Verhelmholtzung noch in ihrer Fachhochschulisierung liegen."


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