MOOCs und Co.

Virtuelle Lehre als Geschäftszweig der Hochschulen?

(red) Onlineseminare, Livestreams aus Hörsälen und Internetplattformen zum wissenschaftlichen Austausch: Funktioniert die Idee, Forschung und Lehre virtuell verfügbar zu machen? Wie steht es zum Beispiel um die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses) in Deutschland? Und wo könnte die Entwicklung hingehen? Antworten dazu von Prof. Dr. Jürgen Bolten vom Fachgebiet Interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena, für den das virtuelle Lehren längst zum Hochschulalltag gehört.

05.01.2015 Artikel
  • © privat

Herr Bolten, Sie sind Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena. Ist dieses Fach besonders gut geeignet für virtuelles Lernen und Kommunizieren?

Jürgen Bolten: Auf jeden Fall, denn gerade das Virtuelle kann Internationales verbinden und Leute zusammenbringen, die sonst gar nicht zusammen wären. Wir haben Netzwerke, die international aufgebaut sind wie etwa die Plattform Intercultural Campus mit immerhin 19 Ländern. Hier werden Ringvorlesungen länderübergreifend organisiert und virtuell zur Verfügung gestellt, Lehrveranstaltungen werden ausgetauscht und Livestreams gesendet. Dabei zählt immer auch die Kommunikation: Wenn meine Vorlesungen als Livestreams laufen, dann können Studenten - aus welchem Land auch immer - daran teilnehmen und im Chat Fragen stellen, die ich live beantworten kann. Daneben haben wir auch interkulturelle Planspiele, bei denen Teams aus vier Ländern im virtuellen Campus zusammenarbeiten.

Aber im täglichen Hochschulbetrieb spielt die virtuelle Lehre eine noch eher bescheidene Rolle. Einige wenige Hochschulen versuchen sich mit den sogenannten MOOCs. Ein zukunftsweisender Weg?

Jürgen Bolten: Es gibt unterschiedlich Formen von MOOCs: Das sind zum einen die sogenannten xMOOCs, Extended MOOCs, wie man das von amerikanischen Universitäten kennt. Ziel ist, möglichst viele Teilnehmer zu erreichen. Die Studenten können das Angebot im Rahmen von Sequenzen – zum Beispiel von zehn Vorlesungen - anschauen und am Ende einen Test absolvieren. Auffällig ist, dass diese Prüfungen von deutlich unter 20 Prozent derer, die anfangen, abgelegt werden. Eine Antwort auf dieses Problem sind die sogenannten cMOOCs – die Connectivistic MOOCs. Hauptanliegen ist hier nicht die hohe Teilnehmerzahl, vielmehr geht es darum, Leute miteinander zu verbinden und Diskurse aufzubauen. Dabei wird eine Vorlesung zum Beispiel in drei mal 20 Minuten-Sequenzen aufgeteilt. Diese sogenannten Nuggets sind dann in weiterführende Materialien auf einer Plattform eingebettet, wo man sich auch mit Arbeitsgruppen treffen und Kontakte zu Studierenden aus anderen Ländern aufnehmen kann, die ebenfalls an diesen Projekten arbeiten. cMOOCs sind allerdings sehr viel aufwendiger für die Lehrenden. Man kann nicht in eine Vorlesung gehen und kurz vorher überlegen: Was mache ich heute? Das heißt, wenn ich es aus ökonomischer Perspektive betrachte, muss ich sagen: xMOOCs sind quantitativ, cMOOCs sind qualitativ effektiver.

Klingt irgendwie nach einem steinigen Weg. Wie glauben Sie, wird sich die virtuelle Lehre entwickeln?

Jürgen Bolten: Das ist schwer zu sagen. Entscheidend wird sein, wieweit die Hochschulen die virtuelle Lehre als ihre Aufgabe sehen und zum Beispiel in ihr Leitbild übernehmen. Wenn sie das nicht tun, wird es ein paar Lehrende geben, die virtuelle Angebote machen und etliche, die weiterhin große Berührungsängste haben, aus Furcht, sie könnten Fehler machen, die dann jeder sieht. Das ist nicht zu unterschätzen. Ich glaube auch nicht, dass Studenten in absehbarer Zeit MOOCs oder Ähnliches einfordern werden. Schließlich kommen sie aus einer Schullandschaft, die auch noch nicht virtuell geprägt ist. Interessant hingegen sind die Alumni. Sie sind darauf angewiesen, sich vom Arbeitsplatz bzw. aus der Ferne weiterzubilden. Und das geht dann nur virtuell. Diesen interessanten Geschäftszweig haben die Hochschulen noch nicht so richtig erkannt. Wenn ich Rektor wäre, würde ich das in den Vordergrund rücken.

Zur Person

Jürgen Bolten ist Professor für Interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena.

Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

Mittwoch, 25. Februar 2015

Digitale Bildung in der Schule: Spielwiese für jedermann?
Vehement diskutiert wird die Forderung nach einem intensiveren digitalen Lehren und Lernen in der Schule. Sowohl Hard- und Softwarekonzerne, Stiftungen und Verbände als auch viele private Initiativen setzen die Landespolitik unter Druck. Im Fokus sind wieder die Lehrkräfte: Sie sollen die Inklusion umsetzen, Schulentwicklung betreiben, jeden Schüler und jede Schülerin individuell bestmöglich fördern, Lernpläne entwickeln, Elternarbeit betreiben – und gleichzeitig stimulierende und motivierende digitale Unterrichtswelten aufbauen. Wo muss die Grenze zwischen sinnvoller Kooperation und unzulässiger Kommerzialisierung gezogen werden? Wer bestimmt, was Schüler/-innen lernen und womit Lehrkräfte unterrichten? Wie kann der Staat die Unabhängigkeit von Schule schützen? Podiumsdiskussion mit Frank Bolten, Head of Corporate Citizenship Samsung Electronics GmbH; Vera Fricke, Referentin Verbraucherkompetenz des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.; Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied GEW, Leiterin des Organisationsbereichs Schule; Tilo Knoche, Vorsitzender Geschäftsführung Ernst Klett Verlag GmbH; Ludger Pieper, Schulausschuss der Kultusministerkonferenz; Moderation: Prof. Dr. Markus Ritter, Ruhr-Universität Bochum, 11.00 bis 12.15 Uhr Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Donnerstag, 26. Februar 2015

Hochschultag 2015
11:00 -11:45 Uhr: Trends in der digitalen Bildung MOOCs, kollaboratives Lernen, Learning Analytics. Was lässt sich aus dem MOOC-Hype der letzten Jahre lernen? Welche Rolle spielen digitale Technologien in Lehr- und Lernprozessen? Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Jürgen Bolten, FG Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Dr. Markus Deimann, Mediendidaktik, FernUniversität Hagen, Prof. Dr.-Ing. Rolf Granow, Institut für Lerndienstleistungen, Fachhochschule Lübeck, Sarah Holstein, Bereich E-Learning Services, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Forum didacta aktuell, Halle 23, Stand E 41

12:00-12:45 Uhr: MOOCs & Co.: Was können digitale Technologien für Bildung leisten?
Wie beeinflussen digitale Technologien Bildungsprozesse? Ist eine Bildungsrevolution durch MOOCs & Co. zu erwarten oder führen digitale Technologien lediglich zu einer verstärkten Gamification, zu einem Verlust von Ernsthaftigkeit und einer Nivellierung von Bildungsstandards nach unten? Sind digitale Lernformen überhaupt dazu geeignet, Kompetenzen im Lernprozess auszubilden und zu stärken? Podiumsdiskussion mit Dr. Konrad Faber, Virtueller Campus Rheinland-Pfalz, Hannes Klöpper, iversity GmbH, Prof. Dr. Thomas Köhler, Lehrstuhl für Bildungstechnologie, Technische Universität Dresden, Prof. Dr. Jörn Loviscach, FB Ingenieurwissenschaften und Mathematik, Fachhochschule Bielefeld. Moderation: Rechtsanwältin Birgit Ufermann, Deutscher Hochschulverband Forum didacta aktuell, Halle 23, Stand E 41

Thementag "Technologien für Bildung": Aus der Praxis für die Praxis: MOOCs & Co.
13:00-13:30 Uhr: Was sich aus dem MOOC-Hype für Bildungsangebote lernen lässt. Dr. Daniela Pscheida und Maria Müller, Medienzentrum, Technische Universität Dresden 13:40-14:10 Uhr: Interkulturelles Lernen online. Prof. Jürgen Bolten, Anita Ackermann, FG Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Friedrich- Schiller-Universität Jena 14:20-14:50 Uhr: Warum Fensterputzen Spaß macht, wenn Sie ein Prokrastinierer sind – und was Sie dagegen tun könn(t)en. Eliane Dominok, Lehrstuhl für Angewandte Psychologie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Sarah Holstein, Bereich E-Learning Services, Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Forum eLearning (Halle 23/C20)

Freitag, 27. Februar 2015

Generation "Social Media": Wie verändert die digitale Kommunikation der Jugendlichen die Schule?
Dem Versprechen, dass Neue Medien uns dabei helfen, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, unser Leben einfacher und gehaltvoller zu gestalten und unsere Arbeit zielstrebig und effizient zu erledigen, misstrauen viele Lehrerinnen und Lehrer zu Recht. Wie verändern sich Menschen durch ihre Techniknutzung? Wie wandeln sich ihre Beziehungen durch den Einbezug der digitalen Ebene? Und wie ist Lernen mit Neuen Medien möglich? Wie sieht eine Medienpädagogik jenseits von Polemik und übertriebenen Befürchtungen aus? Referent: Philippe Wampfler, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde am Gymnasium Wettingen (Schweiz), Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich, Autor zum Thema Social Media (zuletzt: "Generation ´Social Media`. Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert", 2014) und Blogger (schulesocialmedia.com). 11.00 bis 12.00 Uhr, Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Schule 2030: Werden professionelle Bildungsmedien noch gebraucht?
Das gedruckte Schulbuch hat Konkurrenz: Das Internet bietet eine Vielzahl von digitalen Unterrichtsmaterialien an; Lehrkräfte greifen auf kostenlose Bildungsmedien online zu, veröffentlichen eigene Materialien als OER oder gehen mit Wikis und iPad-Projekten neue Wege. Welchen Stellenwert haben professionelle Bildungsmedien heute – und wo liegt ihre Zukunft? Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Eva Matthes, Universität Augsburg, Philosophisch-sozialwissenschaftliche Fakultät, Wulf Homeier, Präsident des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung, Tobias Hübner, Lehrer, Autor, IT-Trainer, Wolf-Rüdiger Feldmann, Vorstand Verband Bildungsmedien e.V.. 13.45 bis 15.00 Uhr Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20


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