Studienabbruch

Woran Studierende scheitern

(Dr. Ulrich Heublein / Tanja Barthelmes) Die Erhöhung des Studienerfolgs gehört zu den maßgeblichen Zielen der Bologna­-Reform. Hierzu soll die Zahl der Studierenden, die ihr Studium vor Erreichen eines Abschlusses beenden, spürbar gesenkt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es einer detaillierten Kenntnis der Faktoren, die zu einem Studienabbruch führen bzw. einen solchen begünstigen. Im Rahmen der jüngsten HIS-Untersuchung zu den Ursachen des Studienabbruchs zeigte sich, dass es mit der Einführung neuer Studienstrukturen und der daraus resultierenden Neugestaltung der Studienbedingungen zu einer Verschiebung und Neuakzentuierung bei den Abbruchursachen und -motiven gekommen ist.

07.05.2010 Artikel

Die bundesweite Befragung von 2.500 Studienabbrechern wurde im Studienjahr 2008 mit Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durchgeführt. Die Studie ist so konzipiert, dass die Befunde mit denjenigen der letzten HIS­Untersuchung zu den Ursachen des Studienabbruchs aus dem Jahr 2000 verglichen und damit mögliche Besonderheiten der jüngsten Entwicklungen dargestellt werden können.

Ausschlaggebende Motive für den Studienabbruch - die Situation im Jahr 2008

Der Studienabbruch an den deutschen Hochschulen wird gegenwärtig vor allem von drei Motivlagen bestimmt. An erster Stelle stehen Leistungsprobleme. Bei einem Fünftel der Studienabbrecher gibt die Erfahrung, den Anforderungen des Studiums nicht gewachsen zu sein, den Ausschlag für die Studienaufgabe. Diese Abbrecher haben Probleme, die Stofffülle und -komplexität zu bewältigen, sie fühlen sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen und empfinden die Leistungsanforderungen für sich als zu hoch. Viele schaffen so den Einstieg in das Studium nicht mehr. Hinzu kommen 11 % der Studienabbrecher, die explizit das Nichtbestehen von Prüfungen als entscheidenden Abbruchgrund angeben. Zusammengenommen scheitern damit 31 % der Studienabbrecher aus Gründen der Überforderung.

Für ein weiteres knappes Fünftel (19 %) führen Probleme mit der Finanzierung des Studiums zum Abbruch. Dahinter verbergen sich nicht nur finanzielle Engpässe, sondern auch Schwierigkeiten, eine ausgedehnte Erwerbstätigkeit mit den Studienverpflichtungen zu vereinbaren.

Von ähnlich großer Bedeutung ist das vorzeitige Beenden des Studiums aufgrund mangelnder Studienmotivation. 18 % aller Abbrecher bezeichnen diesen Aspekt als entscheidend. Sie identifizieren sich nicht mehr mit ihrem Studienfach und den sich daraus ergebenden beruflichen Möglichkeiten. Zumeist haben sie sich mit falschen Erwartungen an das Fach immatrikuliert.

Für weitere 12 % der Studienabbrecher sind unzureichende Studienbedingungen für die Studienaufgabe entscheidend. Mangelhafte Betreuung und schlechte Studienorganisation stellen zwar für die Mehrzahl der Studienabbrecher ein Problem dar, sind aber nur für diese relativ kleine Gruppe der letztlich ausschlaggebende Abbruchgrund.

Jeder zehnte Studienabbrecher verlässt die Hochschule, weil er sich beruflich neu orientiert. Lediglich 7 % der Studienabbrecher machen für ihre Studienaufgabe familiäre Probleme wie das Betreuen von Kindern geltend. Noch weniger verweisen auf Krankheit als Ursache des Abbruchs (4 %).

Der Zeitvergleich

Im Vergleich mit den Studienabbrechern des Jahres 2000 sind die Abbrecher 2008 häufiger an Leistungsproblemen (+ 8 %) und Prüfungsversagen (+ 3 %) geschei­tert. Zugenommen hat auch die Bedeutung unzureichender Studienbedingungen als ausschlaggebender Grund für den Studienabbruch (+ 4 %). Dabei verweisen die Befragten vermehrt auf eine mangelhafte Studienorganisation und Zweifel am fachlichen Niveau. Demgegenüber hat vor allem der Studienabbruch wegen beruflicher Neuorientierung an Bedeutung verloren (- 9 %). Dies dürfte mit veränderten Arbeitsmarktbedingungen in Zusammenhang stehen. Während den Studierenden vor zehn Jahren offensichtlich noch häufiger lukrative Arbeitsplatzangebote auch ohne Examen unterbreitet wurden, geschieht dies jetzt allem Anschein nach deutlich seltener. Ein Rückgang ist auch bei jenen Studienabbrechern zu registrieren, die aus familiären Gründen ihr Studium vorzeitig beenden (- 4 %). Abbildung 1 gibt einen Überblick über die ausschlaggebenden Gründe für den Studienabbruch im Vergleich der Erhebungsjahre 2000 und 2008.

Studienabbruch in Bachelor- und in herkömmlichen Studiengängen

Die skizzierten Veränderungen beim Studienabbruch stehen in Zusammenhang mit der Einführung neuer Studienstrukturen. Ein höherer Anteil an Studienabbrechern, die sich wegen Überforderung exmatrikulieren, ist vor allem in den Bachelor-Studiengängen zu beobachten. Anspruchsvolle Studienaufgaben und frühzeitige sowie häufigere Leistungsfeststellungen schon am Ende des ersten oder zweiten Semesters bereiten vor allem jenen Studierenden Probleme, die mit unzureichenden Studienvoraussetzungen ihr Bachelorstudium aufgenommen haben. Ihnen gelingt es angesichts hoher Anforderungen von Studienbeginn an zu wenig, bestehende Defizite aufzuarbeiten. In nicht wenigen Studienfächern ist es im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Bachelor­Studiengänge auch zu einer Anforderungsverdichtung gekommen. In einem Semester ist jetzt mehr Stoff zu bewältigen als bislang. Für diese Annahme spricht neben den o. g. Befunden zu den Motiven auch der jetzt erheblich frühere Zeitpunkt des Studienabbruchs. Während in den herkömmlichen Studiengängen die Studienabbrecher nach durchschnittlich 7,3 Fachsemestern die Hochschule verlassen, ist dies in den Bachelor-Studiengängen schon nach durchschnittlich 2,3 Fachsemestern der Fall (Abb. 2). Dabei führen die neuen Studienstrukturen nicht nur bei ungenügenden Studienleistungen zu einem früheren Studienabbruch, sondern ebenfalls dann, wenn Fachidentifikation und Studienmotivation unzureichend sind. Die hohen Leistungsanforderungen in den Bachelor-Studiengängen steIlen also nicht nur das Leistungsvermögen der Studierenden auf die Probe, sondern auch ihre motivationale Stärke, sich diesen Aufgaben zu stellen.

Neben höheren Anteilen von Studienabbrechern, die sich aus motivationalen oder Leistungsgründen vorzeitig exmatrikulieren, kommt es im Bachelorstudium auch vermehrt zum Studienabbruch wegen unzureichender Studienbedingungen. Dies dürfte ein Indiz dafür sein, dass die Lehrkultur in den Bachelor-Studiengängen noch nicht überall den neuen Studienstrukturen und den daraus resultierenden Anforderungen entspricht.

Gleichzeitig verlassen im Bachelorstudium deutlich weniger Studienabbrecher als bisher aus finanziellen Gründen die Hochschule. Offensichtlich haben sich nach durchschnittlich zwei Semestern noch nicht die gleichen Schwierigkeiten mit der Studienfinanzierung ergeben wie in späteren Studienphasen. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass gerade auch Nöte mit der Studienfinanzierung zu einem Studienabbruch aus Leistungsgründen beitragen, etwa wenn sich die Notwendigkeit, zur Finanzierung des Studiums einer ausgedehnten Erwerbstätigkeit nachgehen zu müssen, nachteilig auf die Studienleistungen auswirkt.

Ähnliche Bedingungen bestehen hinsichtlich des Studienabbruchs aus familiären und aus Krankheitsgründen. Diese Motive haben in den Bachelor-Studiengängen wahrnehmbar an Bedeutung verloren. Der Rückgang ist ohne Zweifel ein Resultat der Ver­lagerung des Studienabbruchs in frühere Studienphasen (Abb. 3).

Fazit

Insgesamt sind für den Studienabbruch im Bachelorstudium in besonderer Weise Leistungsprobleme und motivationale Defizite kennzeichnend. Hohe und zum Teil verdichtete Studienanforderungen sowie Modulprüfungen schon in den ersten Semestern führen zu einer zeitlichen Vorverlagerung des Studienabbruchs. Geht dies wie in einigen Fächergruppen - hier sind insbesondere die Ingenieur- und Naturwissenschaften zu nennen - mit einer Erhöhung des Umfangs des Studienabbruchs einher, liegt die Vermutung nahe, dass unter den neuen Bedingungen solche Studierende häufiger scheitern, die mit ungenügenden Studienvoraussetzungen das Studium aufnehmen, bei denen es den Hochschulen in den herkömmlichen Studiengängen jedoch bisher noch gelungen ist; sie langfristig zum Studienerfolg zu führen.

Quelle: HIS:Magazin 2|2010 (kostenlos zum Download)

HIS Hochschul-Informations-System GmbH - www.his.de


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