Philologen Bayern

10 Jahre nach Erfurt: Zwiespältige Bilanz über gezogene Lehren

Zehn Jahre nach dem Amoklauf eines jungen Mannes an seinem ehemaligen Gymnasium in Erfurt mit 17 Toten fällt die Bilanz über die gezogenen Lehren aus dieser Tat für den Vorsitzenden des Bayerischen Philologenverbandes (bpv) Max Schmidt zwiespältig aus:

26.04.2012 Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

"Diese bis heute unbegreifliche Tat hat die Notwendigkeit, jeden Einzelnen an unseren Schulen im Blick zu behalten, sich um ihn und seine Sorgen und Nöte auch in menschlicher Sicht zu kümmern, drastisch und sehr brutal vor Augen geführt. Auf der Suche nach einem Wertekonsens und einem menschlichen Miteinander kamen in den Folgejahren an vielen Gymnasien Prozesse in Gang, die in freiwillige Schulverträge zwischen Eltern, Schülern und Lehrern mündeten. Die Erfahrungen mit diesen Schulverträgen sind bis heute sehr positiv. Bereits durch die Diskussionen im Vorfeld habe sich an vielen dieser Schulen ein bis heute anhaltendes Bewusstsein einer größeren Gemeinsamkeit, mehr Verständnis füreinander und eine intensivere Schulkultur entwickelt.

Forderung: Mehr zeitliche Freiräume für schulpsychologische Arbeit!

Nicht ganz so positiv fällt dagegen Schmidts Bilanz im Hinblick auf die Zahl der Schulpsychologen aus: "Die Bedeutung von Schulpsychologen wurde nach dem Erfurter Amoklauf zurecht immer wieder betont. Den ´normalen´ Lehrern fehlen einfach die Zeit und die Fachkenntnisse, die oft sehr versteckten Signale von Schülerinnen und Schülern in psychischen Notlagen zu identifizieren und richtig einzuordnen. Da bleiben wir auf das spezifische Wissen von vor Ort eingesetzten Schulpsychologen angewiesen. Deren Arbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil der pädagogischen Bildungsarbeit an unseren Gymnasien. Sie wird von Schülern, Eltern und Lehrern hoch geschätzt und auch außerhalb akuter Problemlagen stark nachgefragt.

Angesichts der von Experten geschätzten Zahl, wonach rund fünf Prozent der Schüler als psychisch labil oder krank einzustufen sind, muss Bayern trotz anerkennenswerter Anstrengungen nach wie vor ein Kapazitätsproblem attestiert werden: Zwar wurde die Zahl der Köpfe deutlich erweitert – von insgesamt ca. 450 an allen Schularten auf ca. 700 -, doch die Zahl der Stunden, die die Schulpsychologen insgesamt für ihre wichtige Arbeit zur Verfügung haben, nahm aus Haushaltsgründen nicht proportional zu. Derzeit erhält ein Schulpsychologe für die Betreuung der Schüler eines ganzen Gymnasiums nur wenige – in der Regel vier - Anrechnungsstunden. Eine Erhöhung auf die Hälfte des wöchentlichen Stundendeputats wäre dringend erforderlich. Denn ein Schulpsychologe sollte in persönlichen Notlagen ohne Wartezeit gleich ansprechbar sein."


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