RuhrFutur

Anstifter zur Partnerschaft in der Bildungsregion Ruhr

Was hat RuhrFutur als Initiative für mehr Bildungsgerechtigkeit nach fast fünf Jahren Förderperiode der Metropole Ruhr gebracht?

12.12.2017 Nordrhein-Westfalen Artikel Dr. Brigitte Schumann, Karl Keining
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Initialzündung für die Gründung von RuhrFutur durch die Mercator-Stiftung war der 2012 vorgestellte Bildungsbericht Ruhr, der erstmals datenbasiert dem Revier immense soziale Bildungsdisparitäten als regionales Strukturproblem attestierte. Die Stiftung Mercator, die bisher rund 15,3 Mio. Euro investierte, hat den anfänglichen Verdacht, die Stiftung wolle in einen wichtigen Bereich staatlicher und kommunaler Verantwortung reinregieren, längst ausgeräumt. Die Stiftung hat erstens die Zielfindung und die Maßnahmenplanung in eine Steuerungsgruppe delegiert. Und zweitens agiert die großzügig ausgestattete und kompetent besetzte Geschäftsstelle von RuhrFutur weitgehend unabhängig von der Stiftung auf der Basis des in den USA entwickelten Ansatzes des „Collective Impact“, des „Gemeinsamen Wirkens“ bei der Bearbeitung komplexer gesellschaftlicher Probleme.

Mit ihrem partizipativen Ansatz fördert und optimiert RuhrFutur die Bildungsregion. Durch Kommunikation und Vernetzung hat sie Handlungswissen für professionelle Prozessbegleitung, Organisations- und Qualitätsentwicklung u.a. über Stadtgrenzen hinweg bereitgestellt. Sie hat einen gemeinsamen „Verantwortungsraum“ vorbereitet, dem allerdings mittelfristig alle Kommunen beitreten sollten. Das ist ein großer Fortschritt angesichts der bislang beklagten Egoismen.

Reicht das? 

Trotz aller positiven Bemühungen im Bildungsbereich, Fakt ist, dass die Kinderarmutszahlen in der Metropole Ruhr auf hohem Niveau stagnieren oder tendenziell sogar ansteigen. In den Ruhrkommunen betragen sie zwischen 20 – 40%. Die Armutssegregation ist beträchtlich. Sie untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und benachteiligt zusätzlich armutsgefährdete Kinder und Jugendliche. Bildungsungerechtigkeit droht zum Markenkern des Reviers zu werden.

Karl Keining und Dr. Brigitte Schumann waren Mitglieder der GEW-Arbeitsgruppe „Masterplan Bildung Ruhr“, die zwischen 1999 und 2012 das Ziel verfolgte, Impulse für die Bildungsregion Ruhr zu setzen.

Zu diesem eigentlichen Kern der Misere können die Anstrengungen von RuhrFutur nicht durchdringen, weil entscheidende strukturelle und finanzielle Veränderungen nicht auf ihrer Agenda stehen. Es gehört in den politischen Verantwortungsbereich des Regionalverbands Ruhr (RVR) und seiner Kommunen, die Strukturen der Ungleichheit in den Fokus zu rücken und politisch zu bekämpfen, damit das bisher gemeinsam Erreichte nicht als „symbolische Politik“ kritisiert wird.

Politik gegen Strukturen der Ungleichheit

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat in diesem Jahr eine Studie mit dem Titel „Ungleiches ungleich behandeln“ vorgelegt. Gefordert wird eine Mittelzuweisung, die sich an der sozialen Zusammensetzung der Kinder und Jugendlichen in den jeweiligen Bildungseinrichtungen orientiert, um der Armutssegregation gezielt entgegenzuwirken. 

Die alte, nun abgewählte Koalition hat vor der Wahl Bereitschaft gezeigt, das Thema in der jetzigen Wahlperiode auf die Agenda zu setzen. Die neue Landesregierung wird sich in dieser Frage noch positionieren müssen. Die von ihr angedachten 30 „Talentschulen“ in problematischen Stadtteilen würden das Problem eher vernebeln als zu seiner Lösung beizutragen. Es ist unerlässlich, dass sich der Kommunalrat und das Parlament beim RVR mit dem Anliegen einer differenzierten Mittelzuweisung identifizieren. Die Forderung nach einem Sozialindex in Richtung Land sollte bald und mit Nachdruck vertreten werden.

Neben der Realisierung eines Sozialindexes erscheint eine andere Gewichtung der Frühförderung – auch in der Arbeit von RuhrFutur - essenziell, weil Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen oft schon bei Schuleintritt eklatante Entwicklungsdefizite zeigen. Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen kann die Grundschule allein und noch dazu in dem kurzen Zeitfenster von vier gemeinsamen Lernjahren diese Schwächen nicht hinreichend ausgleichen, wie die jüngste IGLU-Studie mit durchschnittlich 20 % schwachen Lesern am Ende von Klasse 4 erneut beweist. Der besonders sensitive Entwicklungszeitraum bis etwa zum sechsten Lebensjahr wird bislang nicht ausreichend genutzt und den auffällig stark steigenden Armutszahlen für Kinder von 0 – 6 Jahren nicht genügend Rechnung getragen. Hier lässt man die Betroffenen sozusagen in den Brunnen fallen, ohne einen speziellen Schutz zu schaffen. 

Außerdem muss ein umfassender Aspekt in die Zielfindung und Maßnahmenplanung Eingang finden, nämlich „integrierte und fachbereichsübergreifende“ Zusammenarbeit in der Kommune mit dem Augenmerk auf integrierte Stadtteilerneuerung, Stadtentwicklungsplanung, Ansiedlungspolitik, Wirtschaftsförderung und Bildungsplanung. 

Auf dem Weg zur Modellregion für „Stadt – Bildung – Klima“?

In der Bildungsinitiative RuhrFutur wirken aktuell die Kommunen Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Herten, Mülheim an der Ruhr und der Regionalverband Ruhr (RVR) sowie die Ruhr-Universität Bochum, die Technische Universität Dortmund, die Fachhochschule Dortmund, die Universität Duisburg-Essen, die Westfälische Hochschule mit der Landesregierung und der Stiftung Mercator mit Sitz und Stimme in der Steuergruppe zusammen.

Der Regionalverband Ruhr ist in Kooperation mit den kommunalen Partnern bzw. Auftraggebern zuständig für den unabdingbaren Fortgang des Strukturwandels. Diese Aufgabe bekommt aktuell dadurch einen besonderen Akzent, weil im nächsten Jahr mit der Zeche Prosper in Bottrop die letzte noch verbliebene Zeche schließt und die Kohleförderung im Revier endgültig beendet wird. Ein symbolträchtiger Moment mit Aufforderungscharakter. 

Seit vielen Jahren arbeitet der RVR als planerische Klammer der Region an dem Großprojekt „Konzept Ruhr & Wandel als Chance“. In einer neueren Fortschreibung sind die „Perspektiven 2020“ für eine nachhaltige Regional- und Stadtentwicklung unter dem Label „Stadt – Bildung – Klima“ auf dem Papier festgeschrieben. Das Thema „Bildung“ ist also in der Gesamtplanung anerkannter Teil des Strukturwandels.

In der Realität etlicher Kommunen zeigt sich jedoch, dass die Verringerung von Armut und sozialer Ausgrenzung, die Bewältigung der Herausforderungen in belasteten Stadtteilen und die Zusammenführung und enge Verknüpfung von städtebaulichen, sozialen und bildungsqualifizierenden Maßnahmen bisher eher ausgeblendet bzw. nur zögerlich und punktuell in Handlungskonzepten aufgegriffen werden. Ein umfangreicher Statusbericht des Regionalverbandes aus dem Jahr 2016 bestätigt diese Analyse.

Hoffentlich bringt hier die von der neuen Landesregierung angekündigte und mit Beteiligung des Bundes geplante „Ruhr-Konferenz 2018“ Fortschritte. Oder gar den Durchbruch? Bis dahin müssen RVR und Kommunen ihre Planungen, Konzepte und die Vorgehensweisen optimieren, damit das integrierte Strukturwandel-Projekt „Stadt – Bildung – Klima“ als finanzielle Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Land und den Kommunen des RVR in Angriff genommen werden kann.

Bildungskonferenz 2018

Obwohl sich die Initiative in der Bildungslandschaft der Region zu einer echten Landmarke entwickelt hat, ist die zweite und erklärtermaßen letzte Förderperiode für die Bildungsinitiative RuhrFutur, finanziert durch die Stiftung Mercator, angebrochen. Im kommenden Jahr wird RuhrFutur zu einer Bildungskonferenz einladen, auf der die Aktivitäten der Periode bis 2022 beleuchtet und Planungen für die Zeit danach eingeleitet werden sollen. Es darf nicht passieren, dass die Bildungsregion nach dem Jahr 2022 so dasteht wie ein E-Bike, bei dem man die Batterie wieder dauerhaft abmontiert hat.

Wenn RuhrFutur endet, kommen von der Sachlogik her fast zwangsläufig neue Koordinierungs- und Unterstützungsaufgaben auf den RVR zu. Wird es gar eine „Bildungsmanagementinstanz“, wie sie sich Manfred Beck, ehemaliger Dezernent in Gelsenkirchen, wünscht?



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