"Armut darf nicht zementiert werden"
"Armut in Deutschland führt zu Benachteiligung, Benachteiligung führt zu Ausgrenzung, Ausgrenzung führt letztlich zu Diskriminierung. Wer arm ist bleibt es in der Regel auch", stellte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich des heute im oberpfälzischen Neumarkt stattfindenden Evangelischen Forums 2007 fest.
20.11.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.Er machte dafür auch die zu kurze gemeinsame Lernzeit der Kinder verantwortlich: "Die Sortierung zehnjähriger Kinder in verschiedene Schultypen fördert nicht ihre Begabungen, sondern verhindert vielmehr ihre Entfaltung." Wenzel forderte, die durch das starre Schulsystem zementierte Reproduktion von Armut endlich zu durchbrechen und bezeichnete dies als eine der wichtigsten Aufgaben im 21. Jahrhundert. Die Staatsregierung forderte er auf, die Datenbasis über Armut in Bayern zu aktualisieren. Bislang gibt es nur einen Sozialbericht - er wurde 1998 vorgelegt. Erhebungen im Schulsystem, die den familiären Hintergrund der Schüler einbeziehen, wurden in Bayern seit 20 Jahren nicht mehr erlaubt. Derzeit leben in Bayern 157.000 Kinder in Familien, die Arbeitslosengeld II erhalten, das sind 8,2% aller bayerischen Kinder.
Bayern ist ein reiches Land - trotzdem nimmt die Armut zu: Vergangenes Jahr bezogen in Bayern rund 513.000 Personen Hartz IV, hinzukommen weitere knapp 80.000 Menschen, die von Sozialhilfe lebten. Festzustellen sind allerdings große regionale Unterschiede: So ist der Anteil mit 20% in Nürnberg, Schweinfurt und Hof deutlich höher als in Eichstätt und Freising (2,4%). Allein in München lebten vergangenes Jahr 19.000 Kinder unter 15 Jahren in armen Familien. Besonders hart von Armut betroffen sind Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Familien mit Migrationshintergrund.
Armut bleibt nicht ohne Wirkung. So berichten Kinder aus armen Familien seltener von gemeinsamen Unternehmungen mit Eltern, dagegen häufiger von Streit mit den Eltern. Kinder mit dauerhafter Armutserfahrung weisen am Ende der Grundschulzeit eine deutlich erhöhte motorische Unruhe und Nervosität auf; 46% der Grundschüler aus dauerhaft armen Familien sind im Rechnen schlecht, nur 8% gut (gegenüber 20% schlecht und 29% gut aus nicht armen Familien). Im Lesen sind die Unterschiede noch ausgeprägter: 24% der armen Kinder sind im Lesen gut, bei den nicht armen Kindern sind es 42%. Arme Kinder schreiben Misserfolge häufiger sich selbst zu als den Umständen. Es gibt deutliche Tendenzen zur Resignation (Quelle: Kinder-Panel des Deutschen Jugend Instituts).
Keine Kommentare vorhanden