Bayern

Bayerische Fachoberschulen am Limit

Die 59 staatlichen und fünf kommunalen Fachoberschulen in Bayern haben einen ungebrochenen Zulauf. Das hat zur Folge, dass vor allem in Ballungsräumen die räumlichen und personellen Kapazitäten vollständig ausgeschöpft bzw. an machen Standorten in unverantwortlicher Weise überschritten sind. "Trotz massiver Probleme ist von den derzeit über 37 000 Schülern und ihren Lehrkräften an den staatlichen Fachoberschulen kaum die Rede", kritisierte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München. "Ihre Bedürfnisse gehen in der öffentlichen Diskussion weitgehend unter." Er forderte daher eine solide Situationsanalyse und entsprechende Korrekturen, die die Anliegen der Schüler und Lehrer in den Mittelpunkt stellen. "Fachoberschüler und -lehrer haben ein Recht auf erträgliche und motivierende Lern- und Arbeitsbedingungen sowie bestmögliche Unterstützung."

27.09.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Die Zahlen werfen ein Licht auf die schwierige Situation der Fachoberschulen, die von rund einem Drittel ehemaliger Realschülern besucht werden und in der auch immer mehr ehemalige Gymnasiasten eine Alternative auf dem Weg zur Hochschulreife sehen: So stiegen die Schülerzahlen an den staatlichen Fachoberschulen in den vergangenen drei Jahren von 32 727 im Schuljahr 2008/09 um über 4400 Schüler/innen an. In Ballungsräumen sind Klassenstärken mit 30 Schülern und mehr keine Seltenheit.

"Viele Gymnasiasten verlassen die Schule nach der 10. oder 11. Klasse - sicherlich auch deshalb, weil sie sich von dem Stress und Druck des achtjährigen Gymnasiums überfordert fühlen", sagte Wenzel. Das werde aber weder thematisiert noch genauer untersucht. Für die "Schulflucht" aus dem Gymnasium müsse es schließlich Gründe geben. Weil auch viele ehemalige Realschüler versuchten über den Besuch einer Fachoberschule einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen, sei die Zusammensetzung der Klassen sehr heterogen. "Die Lehrer/innen sind extrem gefordert, sie müssen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Fähigkeiten ihrer Schüler fertig werden", so der BLLV -Präsident.

"Obwohl Fachoberschulen sehr gefragt sind, wurde weder mehr Platz für die Schüler und Lehrer geschaffen, noch wurde wesentlich Personal aufgestockt", stellte Wenzel fest. Das Kultusministerium spricht zwar von 180 neu eingestellten Lehrkräften an Berufsober- und Fachoberschulen insgesamt, verschweigt aber, wie viele Lehrkräfte in Pension gegangen sind. Offen gelassen wird außerdem, ob in der Personalzuteilung die steigenden Schülerzahlen berücksichtigt wurden. Hinzu kommt, dass an den Fachoberschulen zahlreiche "Quereinsteiger" beschäftigt sind, weil nicht ausreichend qualifiziertes Lehrerpersonal zur Verfügung steht. Wenzel: "Die Versorgungslücke an den Fachoberschulen klafft inzwischen weit auseinander."

Vor allem in den Ballungszentren entwickeln sich Fachoberschulen mehr und mehr zu anonymen Massenbetrieben. Beispiel München: "Wir wissen von einer städtischen Fachoberschule, die Schüler der 11. Klasse ausquartieren muss, weil in diesem Schuljahr die räumlichen Kapazitäten gesprengt worden sind. Es gibt dort insgesamt 23 elfte Klassen. Jeder kann sich vorstellen, wie miserabel unter solchen Umständen die Lern- und Arbeitsbedingungen für Lehrer und Schüler sein müssen", klagte Wenzel. "Viele engagierte Lehrkräfte an Fachoberschulen gehen täglich weit über ihre persönliche Belastungsgrenze hinaus und müssen feststellen, dass trotz ihrer Bemühungen eine individuelle Förderung von Schülern nicht möglich ist. Ich habe von Elternsprechtagen gehört, bei denen sich Lehrer Fotos der jeweiligen Schüler zum Namen kleben, weil sie sich angesichts der Masse nicht an einzelne Gesichter erinnern können. Viele FOS -Schüler bestehen aufgrund der harten Rahmenbedingungen die Probezeit nicht und landen während eines laufenden Ausbildungs- und Schuljahres buchstäblich auf der Straße."

Der Run auf die Fachoberschulen zeige - analog zum Ansturm auf Realschulen - wie das bayerische Schulsystem mehr und mehr in Schieflage gerate und den Erfordernissen in keiner Weise gerecht werde. "Viele Schüler müssen sich auf eine regelrechte Schulwanderschaft begeben, um an ihr Ziel zu gelangen, nämlich einen Abschluss zu erreichen, der die besten beruflichen Optionen bietet. Das ist erstens kostspielig, zweitens pädagogisch unsinnig und drittens in hohem Maß nervenaufreibend wie überflüssig."


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