Integration

Beschulung von Flüchtlingskindern: Neue Regelung des Kultusministeriums erregt Unmut

Mit scharfer Kritik reagierte der tlv thüringer lehrerverband auf ein an alle Schulleitungen des Freistaates gerichtetes Schreiben des Kultusministeriums. Darin wird den Schulen von ihrem Dienstherren offiziell mitgeteilt, wie sie mit der steigenden Anzahl von Flüchtlingskindern im Unterricht umzugehen haben.

14.01.2016 Thüringen Pressemeldung thüringer lehrerverband

"Wir fordern, dass die unter der Überschrift Maßnahmen zur Verwendung vorhandener personeller Ressourcen beschriebene Regelung zurückgenommen wird", erklärt Rolf Busch, Landesvorsitzender des tlv, "Denn sie ist eine Zumutung für alle Beteiligten." Stattdessen müsse den neuen Herausforderungen mit einer massiven personellen Aufstockung begegnet werden. "In Bayern ist die Einstellung von 1700 zusätzlichen Lehrern längst beschlossen worden. Auch Thüringen braucht umgehend einen derartigen Beschluss. Für die Beschulung von Flüchtlingskindern in den sogenannten Willkommensklassen müssen mindestens 500, für die Sicherstellung einer Doppelbesetzung im regulären Unterricht mindestens 300 zusätzliche Lehrer eingestellt werden – und zwar unbefristet und vor allem zusätzlich zu dem Ersatzbedarf von 500 Lehrern, der sich durch die Altersabgänge ergibt."

Grundsätzlich begrüßt der tlv die Initiative des Ministeriums für die Beschulung von Flüchtlingskindern. "Natürlich möchten auch wir, dass die Kinder aus den Flüchtlingsfamilien so früh wie möglich in den Genuss eines hochwertigen Unterrichts kommen", stellt Busch klar. "Auch die Beschulung zusammen mit deutschen Kindern von Anfang an ist absolut sinnvoll und richtig. Aber die Art und Weise, in der das Kultusministerium die zusätzlichen Bedürfnisse an den Schulen erfüllen will, ist vollkommen inakzeptabel."
Es ist vor allem ein Abschnitt, der das Unverständnis und den Unmut der Pädagogen weckt. Darin wird den Schulleitungen mitgeteilt, dass diejenigen Lehrerwochenstunden, welche bisher für außerunterrichtliche Maßnahmen zur Verfügung standen, ab sofort für die Beschulung der Flüchtlingskinder bereitstehen. Auf diese Weise sollen die Kollegen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, bei ihrem aufgrund der derzeitigen Situation rapide wachsenden Unterrichtspensum unterstützt werden.

"Dass die Flüchtlingskinder nur mithilfe einer fundierten Sprachausbildung integriert werden können, steht außer Frage", so Busch. "Nur muss man sich einmal vor Augen führen, was diese Regelung konkret bedeutet." Schließlich stünden den Pädagogen die betreffenden Wochenstunden nicht grundlos zur Verfügung. "Diese Art von Lehrerwochenstunden bekommt nur, wer auch wichtige zusätzliche Aufgaben übernommen hat, also beispielsweise die Kollegen, die den Gemeinsamen Unterricht oder die sonderpädagogische Begutachtung koordinieren und die für die Qualitätssicherung dieser sonderpädagogischen Begutachtung zuständig sind. Durch deren Abberufung würden der Inklusion an Thüringens Schulen maßgebliche Grundlagen entzogen." Ebenfalls betroffen wären Beratungslehrer im Schulpsychologischen Dienst, Klassenlehrer, Lehrpersonen, die bestimmte berufsbegleitende Fortbildungen absolvieren – und nicht zuletzt die Ganztagsschulen.

Insgesamt, so führt der tlv-Landesvorsitzende aus, stünden den Thüringer Schulen pro Schuljahr 7700 solcher Wochenstunden für außerunterrichtliche Aufgaben zur Verfügung. Eine konsequente Umsetzung der neuen Regelung würde jedoch bedeuten, dass alle diese Maßnahmen jederzeit ausgesetzt werden können. "Das kann und darf nicht die Lösung sein", so Busch, "Denn das ist schlichtweg eine Bankrotterklärung der Schule in Thüringen!" Am Beispiel der Ganztagsangebote macht er deutlich, dass deren Infragestellung letztlich sogar das Thüringer Schulgesetz aushebeln würde. "Denn dort ist in § 11 vermerkt, dass diese in allen Schularten für die Klassen 5 und 6 zur Verfügung gestellt werden können. Wenn nun aber die dafür genutzten Lehrerwochenstunden jederzeit für den Bedarf der Flüchtlingskinder abgezogen werden können, herrscht keinerlei Planungssicherheit mehr."

Unsicherheiten gelte es jedoch auf jeden Fall zu vermeiden. "Die spezifischen Unterrichtsangebote für Flüchtlingskinder müssen zusätzlich zu dem bestehenden Angebot zur Verfügung gestellt werden. Alles andere würde zu einer kontraproduktiven Konkurrenzsituation führen. Die Integration darf nicht zulasten der Bedürfnisse anderer Schüler stattfinden – denn das würde nur Wasser auf die Mühlen derer geben, die ohnehin schon gegen die Flüchtlinge Stimmung machen."


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