Besser ohne Bildungsstandards

(bikl) Nach den ersten Ergebnissen von TIMSS und PISA war eines klar: Der deutsche Schulunterricht und die Leistungen der Schüler müssen besser werden. Dazu hat die Kultusministerkonferenz seit 2003 nationale Bildungsstandards für die Kernfächer Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und die erste Fremdsprache verabschiedet. Doch werden Bildungsstandards diesem Anspruch tatsächlich gerecht? Darüber sprach bildungsklick.de mit Prof. Ulrich Herrmann, dem ehemaligen Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm, der sich bereits in vielen Vorträgen und Veröffentlichungen zum Thema Bildungsstandards geäußert hat.

16.06.2006 Artikel
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Herr Herrmann, brauchen wir Bildungsstandards?

Herrmann: Nein. Was man braucht, sind Messlatten, von denen man weiß, dass sie zu überspringen sind. Wenn man eine solche Messlatte nicht hat, das weiß man aus der Trainingslehre des Sports, kann man nicht trainieren. Wenn man kein Ziel hat, kann man nicht wissen über welche Messlatte man springen muss. Aber diese Messlatten müssen so konstruiert sein, dass von den vielen Potentialen, die die einzelnen Schüler haben, jeder Schüler seine Messlatte findet, weil er sonst unter- oder überfordert ist. Die Unterforderten leisten nicht das, was sie könnten, und die Überforderten haben eine ständige Entmutigungskarriere in der Schule. Daraus resultiert, was Pestalozzi schon gesagt hat: Vergleiche nie ein Kind außer mit sich selbst. Ich habe es einmal anders formuliert: Jedes Kind muss das Recht haben, sein eigener Standard zu sein.
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Aber die Schule kann doch nicht Bildungsstandards für jedes einzelne Kind bereit halten?

Herrmann: Doch. Das haben wir früher mit der Notenskala von eins bis sechs getan, indem wir gesagt haben: Das kannst du gut, das kannst du nicht so gut, das kannst du gar nicht und das ist verbesserungsdürftig. Das ganze Problem ist nur ein Sekundärproblem der Versetzungsordnung, nämlich mit der „Chance“ sitzen zu bleiben. Wenn wir das nicht hätten, sondern hätten - wie noch im 19. Jahrhundert - eine einfache Zertifizierung die da sagt „die Leistungen in Latein sind verbesserungsbedürftig, weil er faul ist. Die Leistungen in Deutsch sind sehr gut, weil er sehr schöne Aufsätze schreibt und in Mathematik muss er mehr üben, dann hat er mehr Rechensicherheit“, dann wäre doch völlig klar - auch für den „Abnehmer“ - was jemand kann oder was jemand nicht kann. Wir haben uns angewöhnt, aus unserer Schule ein Selektionsinstrument für das Scheitern von jungen Menschen zu machen. Junge Menschen, die an Dingen scheitern, für die sie unter Umständen gar nichts können.
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Und wie müsste eine Schule aussehen, in der es dieses Scheitern nicht gibt?

Herrmann: Ich kann einige Beispiele nennen. In einer Schule drohte ein Kind zum zweiten Mal in Klasse vier sitzen zu bleiben. Das heißt: Er kommt in die Sonderschule. Die Lehrer haben aber gesagt: „Das machen wir nicht.“ Und sie haben ihn in der Mitte von Klasse vier nach Klasse fünf versetzt. Wer zum Jahresende dann in Klasse fünf ist, kann bekanntlich in Klasse vier nicht mehr sitzen bleiben. Das ist eine wunderbare Geschichte.

Eine andere: Ein Kind kann nicht Englisch lernen. Es kriegt die englischen Vokabeln schlicht nicht in sich rein, kein Mensch weiß, woran es liegt. Das war auch – wie im ersten Beispiel - eine freie Schule. Daraufhin sagen die Lehrer: „Vergiss es. Immer wenn du etwas schreibst, schreibe ein bisschen Englisch, lerne ein bisschen Vokabeln. Damit wir sehen, du bemühst dich und dann bekommst du immer eine vier. Denn weil du es nicht kannst, brechen wir dir deswegen nicht das Genick.“ Jetzt hat das Kind inzwischen längst seinen Realschulabschluss gemacht – in völliger Unkenntnis des Englischen. Dieses Kind kommt doch nie auf die Idee, im benachbarten Industriestandort bei Liebherr eine kaufmännische Lehre anzufangen mit dem Scherpunkt ‚Fremdsprachen anglophoner Bereich’. Das heißt, im geistigen Gesamthaushalt der deutschen Nation findet überhaupt kein Flurschaden statt, wenn man einem solchen jungen Menschen Mut macht: „Mach das, was du gut kannst und mit dem, was du nicht kannst, quälen wir dich nicht und wir halten uns nicht damit auf.“
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Könnten denn hier nicht auch Bildungsstandards weiterhelfen?

Herrmann: Solange wir im Kopf den Schalter nicht umlegen von einer Pädagogik der Selektion und der Entmutigung auf eine Pädagogik der Förderung und der Ermutigung - nämlich das zu machen, was man gut kann und dort dann seine eigenen Anschlüsse zu finden - bleiben wir bei dieser Bildungsstandarddebatte hängen. Und Bildungsstandards sind entweder nichts anderes als verkappte Leistungsstandards, oder, wenn es echte Bildungsstandards sind, beziehen sich auf Einstellungen, Verhaltensweisen und Schlüsselqualifikationen, die man aber in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch vielleicht gerade nicht erwirbt. Sondern, wie wir gesehen haben, in ‚Rhythm is it’ beim Tanz oder in dem Film die ‚Kinder des Monsieur Matthieu’: „Du kannst nicht singen, dann wirst du Notenständer, dann kannst du das.“ Ein Enkelkind von mir hat einmal im Kindergarten eine sagenhafte Weihnachtskarriere von „Stall“ zu „Engel“ hinter sich gebracht. Jedes Kind kann etwas.
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Aber dann müsste das Schulsystem komplett umgekrempelt werden. Ist das nicht unrealistisch?

Herrmann: Das ist gar nicht unrealistisch. Die freien Schulen machen es vor und sie boomen. Sie sagen: Jeder wird bis zu dem Punkt gefördert, wo er seinen Abschluss findet. Die Odenwaldschule - eine berühmte alte Reformgründung, die von ihrem Mythos lebt und inzwischen eine ganz normale südhessische Gesamtschule ist - die macht mit 60 Absolvent pro Jahr zehn Abschlussprofile. Ja, wieso auch nicht? Und wenn man fragt: Was habt ihr für ein Profil, dann sagen sie: "Das wissen wir auch nicht. Wir produzieren Absolventen wie Till Necker, gewesener BDI-Präsident, Daniel Cohn-Bendit und Beate Uhse. Unsere Schule beherzigt das Motto: Werde, der du bist."
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Links

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