Bayerischer Lehrerverband

Bildungsleitlinien müssen eine Chance bekommen

Die heute von Kultusminister Ludwig Spaenle und Familienministerin Haderthauer vorgestellten "Bayerischen Leitlinien für die Bildung und Erziehung von Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit" hören sich gut an, sie bleiben aber angesichts des vorherrschenden Sortierauftrags an Grundschulen und großer personeller Lücken in den Einrichtungen Makulatur. Grundsätzlich ist der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) sehr einverstanden mit einem "ganzheitlichen Ansatz der Arbeit von Kindertageseinrichtungen, Grund- und Förderschulen mit Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit".

22.10.2012 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Wer darüber hinaus die Zusammenarbeit von Krippen, Kindergärten und Schulen sowie die Zusammenarbeit mit Familien stärken und Kinder in ihrer Entwicklung optimal unterstützen will, kann sich der uneingeschränkten Zustimmung des BLLV gewiss sein", betonte BLLV-Präsident Klaus Wenzel heute in München. Es sei dringend erforderlich, dass die bayerische Schul- und Bildungspolitik die Bedürfnisse von Kindern in den Mittelpunkt stellt. "Ein wirklich ´ganzheitlicher Ansatz´ kann jedoch nur gelingen, wenn gleichzeitig ein neues Verständnis von Lernen in den Schulen Einzug halten kann und alle Einrichtungen die personelle Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Davon sind wir leider weit entfernt - die Leitlinien müssen gute Chancen bekommen, die Bildungsarbeit in Kindertagesstätten und Schulen deutlich zu verbessern."

Die Probleme, die derzeit an den bayerischen Kindertagseinrichtungen und Grundschulen vorherrschen, sind erdrückend. So reichen an vielen Grundschulen die zur Verfügung stehenden Lehrkräfte nicht aus, um Unterrichtsausfälle zu vermeiden, die Kinder zu fördern, den Inklusionsgedanken umzusetzen und jahrgangskombinierte Klassen unter vernünftigen Bedingungen anbieten zu können. "Lehrkräfte wollen und sollen ganzheitlich mit den Kindern arbeiten, sie möchten individuell fördern und auf alle Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen. Und es gibt viele, die das täglich versuchen. Sie gehen dabei an ihre gesundheitlichen Grenzen", berichtete der BLLV-Präsident. Sie fühlten sich überfordert und allein gelassen, "denn sie haben weder die nötige Zeit dafür, noch finden sie die dafür nötigen Rahmenbedingungen vor, denn sie sind Sortierprozessen ausgeliefert, die individuelles Fördern konterkarieren." Hinzu komme, dass Personal fehlt und in großen Klassen und Gruppen nicht auf einzelne Bedürfnisse eingegangen werden kann. Derzeit fehlen an den Grundschulen rund 8000 Lehrerinnen und Lehrer", so Wenzel. Erzieher/innen stünden vor ähnlichen Schwierigkeiten, denn auch hier mangelt es massiv an Personal. "Die Gruppen sind zu groß, um Bedürfnissen einzelner Kinder gerecht werden zu können. Weil sich eine Erzieherin um zu viele Kinder kümmern muss, hat sie kaum Zeit zur Vor- und Nachbereitung der zu leistenden Bildungsarbeit, zum Erstellen von Entwicklungsdokumentationen, für Besprechungen im Team oder für die Teilnahme an Fortbildungen." Viele klagten inzwischen, sie seien gezwungen, Kinder nur noch zu "verwalten" - "gleichzeitig steigen die Anforderungen und Erwartungen."

Junge Menschen könnten sich auch nicht - wie es die Bildungsleitlinien vorsehen - ´beziehungs- und gemeinschaftsfähig, wertorientiert, weltoffen und schöpferisch entwickeln´, wenn sie ständig unter Druck stünden, gab Wenzel zu bedenken. Vor allem der Übertrittsdruck an Grundschulen setze, wie inzwischen vielfach belegt, Eltern, Lehrern und vor allem Kindern massiv zu und vergifte die Atmosphäre an den Schulen. "Wenn es im Mai um die Vergabe der Übertrittszeugnisse geht, herrscht in der Rechtsabteilung des BLLV Konjunktur, weil viele Eltern Noten anfechten und den Übertritt erzwingen wollen. Wie soll in einem solchen Klima gedeihliches und ´schöpferisches´ Zusammenarbeiten funktionieren?"

Allein in diesem Jahr machten mehrere Untersuchungen und Veröffentlichungen darauf aufmerksam, wie schlecht es vielen Schulkindern geht: So verbringen Kinder mit der Schule ungefähr genauso viel Zeit wie ein Erwachsener mit seinem Beruf: rund 38 Stunden pro Woche - das ist das anlässlich des Weltkindertages veröffentlichte Ergebnis einer Studie von UNICEF und dem Deutschen Kinderhilfswerk vom September 2012. Im Juni 2012 gab die Techniker Krankenkasse Fakten über Deutschlands Grundschulkinder aus verschiedenen Studien, Umfragen und Expertenmeinungen bekannt. Danach schläft jedes zehnte Grundschulkind schlecht, zwei von zehn Kindern bewegt sich weniger als eine Stunde pro Tag und jedes fünfte Grundschulkind klagt über Leistungsdruck und Angst vor schlechten Noten. In jeder Klasse sitzt mindestens ein Kind, das vor der Schule Kopf- oder Bauchschmerzen hat. Laut Kinderbarometer der LBS, vorgestellt im Februar 2012, nimmt wachsender Leistungsdruck vielen Kindern die Lust auf Schule. 16 Prozent der befragten Kinder verbinden mit dem Begriff Schule überwiegend negative Erfahrungen. Für die Ergebnisse ließen die Landesbausparkassen rund 10 000 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren in Deutschland befragen. Besonders bei den Sechst- und Siebtklässlern sinkt nach der Umfrage die Stimmung, wenn es um die Schule geht. Der Leistungsdruck steige immer weiter an, so dass viele Kinder die Schule nicht mehr als unbeschwerten Ort des Wohlfühlens und Lernens wahrnähmen.

"Diese Fakten sind erdrückend und ernüchternd", sagte Wenzel. Sie könnten aber auch Ansporn sein, tatsächlich dafür zu sorgen, dass sich Kinder an den Schulen wieder wohl fühlten. Dazu müsste der absurde Leistungs- und Notendruck abgebaut werden, Schüler müssten mehr individuell gefördert und weniger sortiert werden, Erzieherinnen müssten Voraussetzungen vorfinden, die es ihnen erlauben, in kleinen Gruppen zu arbeiten und auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. "Davon sind wir leider weit entfern", sagte Wenzel - daran änderten leider auch die heute vorgestellten Leitlinien wenig. w


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