BLLV fordert Sofortprogramm für arme Kinder
Vor wachsender Kinderarmut und ihren Folgen hat der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich des Weltkindertages am 20. September gewarnt. Er beobachte mit Sorge, dass auch in Bayern die Schere zwischen armen und reichen Schülern immer weiter auseinandergehe. Studien belegen, dass die Armut von Kindern in den vergangenen zwei Jahren bundesweit erneut zugenommen hat: So lebt jedes neunte Kind unterhalb der Armutsgrenze,
16.09.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.2,5 Millionen Kinder und Jugendliche sollen Unterstützung aus dem Bildungspaket der Bundesregierung erhalten. Betroffen sind vor allem Kinder von Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien, von Familien mit Migrationshintergrund aus den ehemaligen Anwerbestaaten oder von Flüchtlingen. "In Bayern ist die Situation für Schüler aus einkommensschwachen oder armen Familien besonders schwierig", meinte Wenzel heute in München. Zwar verursache das bestehende Bildungssystem keine Armut, "aber es reproduziert und legitimiert vorhandene Armut." Er forderte ein Sofortprogramm zur Schaffung von mehr Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit an allen bayerischen Schulen. Die Betroffenen bräuchten neben Maßnahmen zur akuten Nothilfe eine möglichst frühe und gezielte Förderung. Derzeit leben rund 335.000 arme Kinder in Bayern. Das Motto des diesjährigen Weltkindertages lautet "Kinder haben was zu sagen" - leider sei es aber so, dass gerade Kinder aus armen Familien verstummten oder kaum Gehör fänden.
Die Nothilfe müsse möglichst schnell und unkompliziert aufgebaut werden. "Sie umfasst vor allem materielle Unterstützung, denn Heranwachsende brauchen neben einem geregelten Frühstück und Mittagessen in der Schule auch konkrete finanzielle Unterstützung für Schulausflüge oder Schulfahrten", betonte Wenzel. Um Defizite kompensieren zu können, müssten in den Kindergärten ausreichende Vorkurse zum Spracherwerb ausländischer Kinder geschaffen, sowie mindestens ein verpflichtendes und kostenfreies Kindergartenjahr eingeführt werden. "Es ist sicherzustellen, dass die Kinder die Mindeststandards in den Kernkompetenzen erreichen." Unterrichtsinhalte und -themen armutsspezifischer Probleme sollten im Unterricht aufgegriffen werden, das könne beispielsweise im Bereich Gesundheitserziehung und Ernährung, Medienerziehung, Freizeitgestaltung und Berufsorientierung geschehen.
"Junge Menschen dürfen vor allem nicht ausgegrenzt werden." Vielmehr müssten an den Schulen Maßnahmen zur Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung wie gezielte Förderung von Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl umgesetzt werden. Erneut forderte Wenzel den Aufbau von gebundenen Ganztagsschulen und eine verbesserte Elternarbeit. Er wies außerdem darauf hin, dass eine längere gemeinsame Schulzeit über die vierte Jahrgangsstufe hinaus die soziale Selektivität des Schulsystems abbauen würde.
"Ich bin mir bewusst, dass es für diese Maßnahmen das entsprechende Personal braucht, das aber in den Schulen nicht vorhanden ist. Deshalb appelliere ich an die Staatsregierung, endlich kräftig in Bildung zu investieren und die dafür erforderlichen Lehrkräfte bereit zu stellen." Die Staatsregierung sei zwar dazu verpflichtet, für alle Kinder optimale Bildungsvoraussetzungen zu schaffen, reproduziere und legitimiere aber mit dem bestehenden Bildungssystem vorhandene Armut. "Das etablierte Bildungssystem verteilt Schüler nicht nur auf unterschiedlich dotierte gesellschaftliche Positionen, es legitimiert auch gesellschaftliche Ungleichheit, indem es suggeriert, die Verteilung geschehe ausschließlich auf der Basis individueller Leistungsfähigkeit des Einzelnen." Vielfach entscheide aber das Einkommen der Eltern über die Höhe von Bildungsabschlüssen, denn: Berechtigungen wie "gute Noten" würden per Nachhilfe und privat finanzierten Förderunterricht befördert. "In der Regel führt mangelnder Schulerfolg auch zu mangelnden Lebenschancen. Das hat oftmals ein Leben in Armut zur Folge. Und dieses wird immer wieder reproduziert, denn nachweislich erzielen Kinder aus bildungsnahen Familien wesentlich bessere Schulerfolge als Kinder aus bildungsfernen Familien", erläuterte der BLLV-Präsident.
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