BLLV warnt vor Einbruch der Unterrichtsversorgung

München - In Bayern werden die Lehrer knapp. "Wenn die Politik nicht sofort handelt, steuern wir in der Lehrerversorgung auf eine Katastrophe zu", warnte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel.

17.09.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Besonders hart trifft es Haupt- und Berufsschulen: Nach amtlicher Prognose zum Lehrerbedarf sind bis zum Jahr 2020 rd. 59.000 Stellen neu zu besetzen. "Das sind 55 % aller derzeit tätigen Lehrer." Bei der Erhebung dieser Zahlen wurde der demografisch bedingte Schülerrückgang bereits mit ein gerechnet. "Bei gleichbleibender Anzahl Studierender fehlen in 13 Jahren voraussichtlich rd. 4500 Hauptschul- und 2500 Berufsschullehrer. Schon in vier Jahren fehlen rd. 3700 Lehrer - über 1300 an Haupt-, über 1000 an Berufsschulen und 1000 an Gymnasien. War der Schulalltag bereits in den vergangenen Jahren von Unterrichtsausfällen geprägt, wird sich die Situation massiv verschärfen. "Die Staatsregierung muss jetzt alles dafür tun, dass die Unterrichtsversorgung nicht länger vom Improvisationsgeschick einzelner Schulleiter und dem idealistischen Einsatz unzähliger Lehrerinnen und Lehrer abhängen, denn der Belastbarkeit von Lehrern sind Grenzen gesetzt." Hinzu kommt, dass der tatsächliche Bedarf weitaus höher ist. Das Kultusministerium geht lediglich vom Ist- Zustand aus und lässt den zusätzlichen Lehrerbedarf unberücksichtigt, den die notwendigen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sowie die angekündigten Reformen erforderlich machen. Nach BLLV-Berechnungen sind allein dafür weitere rund 9500 Stellen erforderlich. Wenzel verlangte einen Zehnjahresplan, der auf der Grundlage der geplanten Reformvorhaben solide den tatsächlichen Lehrerbedarf errechnet.

"Dazu gehört auch, dass die tatsächlichen Unterrichtsausfälle der vergangenen Jahre und regionale Disparitäten berücksichtigt werden", betonte Wenzel. Gleichzeitig muss die Attraktivität des Lehrerberufs gesteigert werden: Die Arbeitsbedingungen sind massiv zu verbessern, die Gehälter müssen gerecht verteilt und das Image des Lehrerberufs gestärkt werden. "Wenn die Politik untätig bleibt, werden sich die bereits bestehenden Ungerechtigkeiten im bayerischen Bildungssystem weiter verschärfen."

"Die Hauptschulreform, der Ausbau von Sprachlernklassen und Vorkursen zur besseren Integration von Migrantenkindern, der Ausbau von individueller Förderung und Ganztagsschulen können nur gelingen, wenn dafür ausreichend Personal zur Verfügung gestellt wird." Hinzu kommen "Altlasten", die noch zu bewältigen sind: So müssen z.B. Stunden aus den Arbeitszeitkonten zurückgegeben werden. Künftig müssen Lehrer auch anders zugeteilt werden: "Jedem leuchtet ein, dass Brennpunktschulen mehr Lehrer und Fachpersonal brauchen. Auch kleine Schulen auf dem Land benötigen mehr Lehrer, um ihre Attraktivität zu steigern und somit ländliche Regionen zu stärken. Neben dem Pflichtunterricht muss es auch Wahlangebote für die Schüler geben." Wenzel forderte zudem, dass die Erhebungen des Kultusministeriums zum Unterrichtsausfall künftig auch Stunden berücksichtigen, in denen die Schüler lediglich betreut, aber nicht unterrichtet werden. "Die bisherigen Erhebungen spiegeln eine geschönte Realität wider - für eine solide Berechnung des tatsächlichen Lehrerbedarfs taugen sie nicht." Der neu eingerichtete Vertretungspool für alle Schulen wird vom BLLV begrüßt, aber er reicht bei weitem nicht aus, um in Vertretung eines erkrankten Lehrers qualifizierten Unterricht anzubieten. Je nach Schulart fielen 2007 bis zu 4% des Unterrichts ersatzlos aus.

Die Notmaßnahme, den Lehrermangel durch "Seiteneinsteiger" zu mildern, erwies sich weitgehend als Flop: "Erneut hat sich gezeigt, dass der Lehrerberuf für Bewerber aus der Wirtschaft meist uninteressant ist", stellte Wenzel klar. Umschulungsangebote schlugen fehl, neueste Projekte, in denen Lehrer mit Hilfe von Zeitarbeitsfirmen rekrutiert werden sollen, sind mehr als fragwürdig. Für den BLLV steht vielmehr fest, dass der Lehrerberuf attraktiver gestaltet werden muss. Außerdem sollten Lehrer der Zukunft alle Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 10 unterrichten können und flexibel einsetzbar sein. "Alle Lehrer sind Lehrer", erklärte Wenzel. "Aus dieser simplen Tatsache heraus ergibt sich auch die Forderung nach einer gleichen Bezahlung."

Um die Arbeitsbedingungen aller Lehrerinnen und Lehrer zu verbessern, müssen die Klassen kleiner und mehr unterstützendes Fachpersonal wie Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und Förderlehrer bereitgestellt werden. Schulabgänger, die sich für ein Lehramtsstudium entscheiden, brauchen neben einer gerechten Bezahlung auch ein gewisses Maß an Planungssicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten. Wenzel: "Nur so kann langfristig dafür gesorgt werden, dass sich fähige junge Menschen für den Lehrerberuf entscheiden."

Lehrerbedarf in Bayern bis 2010:

17.940 Lehrkräfte beträgt der vom KM prognostizierte Ersatzbedarf für alle Schularten in Bayern. 14.190 ausgebildete Berufsanfänger/innen werden bis dahin zur Verfügung stehen. 3.750 ausgebildete Berufsanfänger werden danach bis 2010 fehlen. 9.650 zusätzliche Stellen wären darüber hinaus erforderlich um

  • den Ausbau der Ganztagsschulen an allen Schularten voran zu bringen
  • Deutschförderunterricht für Migranten durchzuführen
  • Differenzierungsstunden für Lernschwächere zu halten
  • früher gestrichene Unterrichtstunden zurück zu geben und
  • die Klassengrößen an Realschulen und Gymnasien zu reduzieren

Die Unterversorgung mit Berufsanfängern beläuft sich damit auf 13.400 Lehrkräfte. Weitere Zahlen entnehmen Sie bitte dem Internet unter: www.bllv.de/archiv/pressekonferenzen/20070917_lehrermangel


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