bpv-Vorsitzender Max Schmidt zu den jüngsten PISA-Daten: "PISA weder Anlass zu Freudentänzen noch zur Panikmache"

Einen besonnenen Umgang mit der jüngsten PISA-Studie hat der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes Max Schmidt angemahnt. In einer ersten Bewertung der heute vorgestellten PISA-Daten sagte er: "Die Ergebnisse geben weder Anlass zu Freudentänzen noch zur Panikmache. Nüchtern betrachtet muss man feststellen: Insgesamt gesehen ist Deutschland im grünen Bereich." Der Philologenverband teilt das Urteil führender Bildungswissenschaftler, die Deutschland mit den laufenden Reformen auf dem richtigen Weg sehen.

04.12.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)

Max-Planck-Institut: Keine Verringerung sozialer Disparitäten an Gesamtschulen

Eine deutliche Absage erteilte Schmidt Forderungen nach Einführung der Gesamtschule, wie sie unter Hinweis auf die festgestellten sozialen Disparitäten von Teilen der Politik und Gewerkschaften gefordert wird. Zur Begründung verwies Schmidt auf eine Veröffentlichung des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, das nach der Auswertung aller Studien zu diesem Thema wörtlich zu dem Schluss kommt: "Auch der Gesamtschule gelingt es nicht, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schullaufbahn aufzuheben oder nachhaltig zu reduzieren." Dies bestätige auch der Blick nach England, dessen integriertes Schulsystem von OECD-Koordinator Schleicher als vorbildlich herausgestellt wurde: Aktuelle OECD-unahängige Vergleichsstudien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass sich im englischen integrierten Schulsystem die sozialen Disparitäten noch verstärkt haben.

Verstärkte Frühförderung statt Verlängerung der Grundschulzeit

Auch eine Verlängerung der Grundschulzeit, wie sie heute wieder ins Spiel gebracht wurde, lehnt der Philologenverband ab: Untersuchungen dazu hätten eindeutig ergeben, dass sich eine längere gemeinsame Schulzeit nachteilig auf Schülerleistungen auswirke. Nach Prof. Dr. Heller "ergeben sich bei späteren Schullaufbahnempfehlungen" als nach der vierten Klasse "bei der Mehrzahl der Schüler mehr Nachteile als Vorteile, weil das Risiko, individuell schulisch nicht angemessen gefördert zu werden, wächst." Es sei ein "Mythos", dass "frühzeitige Laufbahnentscheidungen optimale individuelle Bildungserfolge verhindern." Ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen den Leistungen von Siebtklässern an Gymnasien aus Bundesländern mit vierjähriger und mit sechsjähriger Grundschule kam überdies zu dem klaren Ergebnis: "Unübersehbar zeigen sich deutliche Leistungsvorteile der Gymnasiasten aus den Bundesländern mit vierjähriger Grundschule."

Die heute von der OECD beklagten starken Kompetenzdefizite insbesondere bei Migrantenkindern müssten frühzeitiger behoben werden. So stelle die jüngste Auswertung der 2000er PISA-Studie durch Prof. Baumert fest, dass die Chancen etwa von Schülern mit Migrationshintergrund auf eine höhere Schulbildung "primär davon abhängen, wie gut sie die deutsche Sprache beherrschen."

"Bestehende Disparitäten können aber nicht durch eine gemeinsame längere Schulzeit ausgeglichen werden. Man muss da viel früher einsetzen", betonte der bpv-Vorsitzende. Für Bayern forderte Schmidt daher verpflichtende Sprachstandtests für Vierjährige nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens und Hessens mit anschließender qualifizierter Förderung. Dazu sei aber eine größere Zahl hervorragend qualifizierter Erzieher und Lehrkräfte für diese Altersstufe vonnöten.

Umfragen: Bevölkerungsmehrheit gegen Gesamtschule und längere Grundschulzeit

In der Ablehnung der Gesamtschule und einer Verlängerung der Grundschulzeit sieht sich der Philologenverband durch Umfragen des FORSA-Instituts und des Münchner Instituts für Markforschung bestärkt, in denen jeweils ein beeindruckend großer Bevölkerungsteil diesen Forderungen erst jüngst wieder eine Absage erteilt hatte.

Hohe Unterrichtsqualität fördert Schülerleistungen und Chancengerechtigkeit

Schmidt sprach sich stattdessen dafür aus, dem Rat der Fachleute zu folgen und sich weiter auf eine Verbesserung der Unterrichtsqualität und den Ausbau der Frühförderung zu konzentrieren. Das positive Abschneiden in den Naturwissenschaften zeige ganz deutlich, dass die nach der TIMSS-Studie vor zehn Jahren eingeleitete Reform des Unterrichts die Leistungen vorangebracht hat. Hier habe Deutschland nach den Worten des deutschen Pisa-Koordinators Prof. Prenzel mittlerweile mehr Spitzenschüler und weniger schwache Schüler als der Schnitt der anderen 30 Industriestaaten. Diese Anstrengungen müssten fortgesetzt und auf weitere Fächer ausgedehnt werden, forderte Schmidt. Deutsche und internationale Studien zeigten, dass der Lehrerbildung dabei eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Unterrichtsqualität mit positiven Folgen für die Schülerleistungen und den Ausgleich sozialer Disparitäten zukomme. Schmidt plädierte daher für die fachliche Ausweitung des Lehramtsstudiums in den anderen Schularten.

"Der weitere Reformweg bleibt mühsam. Dabei kommt es nicht allein auf den guten Willen aller Beteiligten an. Auch wenn dieser Aspekt bei PISA keine Rolle spielt: Erfolge hängen nicht zuletzt auch von der Bereitschaft der Politik ab, die erforderlichen personellen und finanziellen Kapazitäten zur Verfügung zu stellen", sagte Schmidt abschließend.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden