Das Exotische bleibt – noch
(von Stephan Lüke) Wer in der Schule Chinesisch lernen möchte, muss möglicherweise umziehen. Nur 44 Schulen bieten das Fach bundesweit bislang an. Doch die Erkenntnis wächst, wie wichtig die Sprache ist. Die Uni Göttingen hat nun den ersten Studiengang für Chinesischlehrer eingerichtet.
05.12.2011 Artikel25 Studentinnen und Studenten wollen sich der Herausforderung stellen. Dass es nicht leicht wird, hat ihnen der Leiter des Ostasiatischen Seminars, zu dem der neue Studiengang gehören wird, bereits angekündigt: "Wer Englisch und Latein gelernt hat, lernt schnell Französisch und Spanisch. Man erkennt die Worte wieder. Im Chinesischen gibt es nicht ein Wort, nicht ein grammatisches System, das dem unseren gleicht", sagte Axel Schneider, als feststand, dass der Studiengang an seiner Uni etabliert wird.
Dem stimmt Katia nur bedingt zu. Die 18-Jährige besucht die Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bochum. Sie hat den Grundkurs Chinesisch belegt. Nach zwei Jahren zieht sie ein äußerst positives Fazit. "Die Sprache hat viel Stil, ist in der Grammatik leichter als etwa Spanisch, doch die Schriftzeichen machen es natürlich schwer", sagt die aus Russland stammende junge Frau. Anschließend lauscht sie ihren Klassenkameraden, die heute die Aufgabe haben, im Plenum jeweils eine chinesische Provinz vorzustellen. Sawen (19), deren Wurzeln im Irak liegen, widmet sich der 81 Millionen Einwohner großen Provinz Sichuan. Tolga (18), dessen Eltern aus der Türkei stammen, präsentiert Shandong. Beide tun es nicht nur mit Hilfe einer PowerPoint-Präsentation, sie sprechen chinesisch – zumindest weitgehend.
Beruf aus Leidenschaft
Ihre Lehrerin ist zufrieden. Ihr Name deutet wenig auf chinesische Ursprünge hin: Carina Rossi. Was allerdings nicht verwundert. Carina Rossi ist Deutsche. Verheiratet ist sie mit einem Italiener. Bei der Frage, wie sie dazu kam, sich ausgerechnet mit der chinesischen Sprache zu beschäftigen, muss sie schmunzeln. "Chronisches Fernweh", lacht sie und berichtet von ihren Reisen nach China, von der Faszination, die vom Land und seinen Menschen ausgeht. "Das Land ist ganz anders und hat so viel mehr zu bieten, als hier bei uns durch die Darstellung über die politischen Verhältnisse und die Diskussion über Menschenrechtsverletzungen hängen bleibt", versichert sie. Und so wurde aus der Leidenschaft ihr Beruf. Erst war die 47-Jährige als Diplom-Übersetzerin aktiv, dann entschied sie sich, das Angebot anzunehmen, als Quereinsteigerin in den Lehrerberuf zu wechseln.
Bereut hat sie es nie. Sie spürt, wie sie dazu beitragen kann, dass ihre Schülerinnen und Schülern eine neutrale Sichtweise auf China entwickeln. Den so wichtigen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen über ihr Fach findet sie weniger in der eigenen Schule. Dafür aber treffen sich einmal pro Jahr rund 20 Pädagogen aus ganz Nordrhein-Westfalen, um sich über die neuesten Entwicklungen auszutauschen.
Der Bedarf wird wachsen
Sie beobachten, dass Chinesisch langsam den Farbtupfer des Exotischen verliert. Dabei bestätigen sie die Einschätzung mancher Schulleiter, die für die Erweiterung des Fächerkanons um die fernöstliche Sprache werben. Christiane von Schachtmeyer ist eine von ihnen. Sie leitet das Gymnasium Marienthal in Hamburg. Chinesisch komme bei Schülern und Eltern gut an, verriet sie kürzlich der Wochenzeitung Die Zeit. Daher werde der Bedarf an qualifiziertem Chinesisch-Lehrerinnen und -Lehrern weiter wachsen.
Die Auffassung teilt das Konfuzius-Institut Frankfurt. Es bedauert, dass es in Deutschland fast noch keine nach deutschem Standard ausgebildeten Lehrer für Chinesisch gibt. Weil sich die entsprechenden Studiengänge erst im Aufbau befinden, bietet das Institut eine berufsbegleitende, zweijährige Ausbildung an. Das Zertifikat, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwerben können, wurde in Zusammenarbeit zwischen der Goethe-Lehrerakademie der Goethe-Universität Frankfurt, dem Konfuzius-Institut Frankfurt sowie der Sinologie der Goethe-Uni Frankfurt in Abstimmung mit dem Hessischen Kultusministerium entwickelt.
Auch aus Sicht der Wirtschaft werden China und damit seine Sprache für deutsche Schülerinnen und Schüler immer bedeutsamer. Wie sehr, das machte im Frühjahr der Präsident der Industrie- und Handelskammer Reutlingen bei einem Besuch des chinesischen Kulturattachés Feng Jiang in der Universität Tübingen deutlich. Etwa 250 Unternehmen der Region exportierten bereits nach China, bilanzierte Christian O. Erbe. Der dortige Markt stelle einen gewaltigen Markt dar. "Aber", so ergänzte er, "eine Bedingung für gute Kooperationen und Partnerschaften ist, dass man sich menschlich, fachlich, aber auch sprachlich versteht." Die Voraussetzungen dafür müssten in Schule und Uni gelegt werden.
Verständnis für das ferne Land
An der Heinrich-Böll-Gesamtschule geschieht dies bereits seit 2007. Für Schulleiter Norbert Müther ist das nicht nur eine Bereicherung des Angebots. "Es ist eine Brücke zwischen Kulturen. Unsere Schülerinnen und Schüler gewinnen so ein tieferes Verständnis für dieses ferne Land." Tolga kann das nur bestätigen, zumal er im Internet einen E-Mail-Freund in China gefunden hat. Mit ihm tauscht er sich über Land und Leute aus. Bei Li findet er auch Hilfe, wenn er bei Hausaufgaben und da speziell mit Schriftzeichen trotz seiner bereits ausgefeilten Sprachkenntnisse alleine nicht weiterkommt.
Kompakt
Rund 1,34 Milliarden Menschen leben in China. Die Wirtschaft wächst enorm und wird für deutsche Unternehmen immer interessanter. VW etwa verkaufte 2010 in China 1,9 Millionen Neuwagen – 37 % mehr als 2009. Der Bedarf an Fachkräften steigt ebenso wie die Nachfrage an Chinesisch-Kursen an deutschen Sprachschulen.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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