Bildungsgerechtigkeit

Das Startchancen-Programm in der Praxis

4.000 Schulen in sozialen Brennpunkten stellt der Bund bis 2034 pro Jahr jeweils eine Milliarde Euro zur Verfügung, die Länder sollen dieselbe Summe einbringen. Das Geld soll dazu beitragen, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, halbiert wird. Ein Schulbesuch.

19.08.2026 Bundesweit Artikel Klett-Themendienst
  • Mehrere Schülerinnen und Schüler sitzen an Tischen in einer Klasse und arbeiten in ihren Heften; vorne lächelt ein Schüler in die Kamera. © Adobe Stock In diesem Jahr stehen 51.000 Euro zur freien Verfügung, die aber jedes Mal beantragt werden müssen.

Komarow in Stendal. Dort sind von den rund 300 Kindern und Jugendlichen der Klassen 5 bis 10 nur 40 mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. Wie wird das Startchancen-Programm umgesetzt?

„Ich konnte durch das zusätzliche Geld Material wie Legosteine oder Kameras anschaffen, von dem ich sonst nur träumen konnte“, sagt Kunstlehrer Michael Cremer und fügt hinzu: „Das erleichtert den Unterricht ungemein.“ Er hat die Pensionsaltersgrenze erreicht, arbeitet aber weiter – nicht zuletzt, weil er der einzige Kunsterzieher an der Schule ist. Das bereitet ihm sichtbar Freude, auch wenn ihm pro Klasse nur eine Wochenstunde zur Verfügung steht. In der 9a zeigt er einen kurzen Filmausschnitt, wie der inzwischen verstorbene TV-Moderator Bob Ross unter dem Motto „Jeder kann malen lernen“ einfache Maltechniken seinem US-Publikum näherbrachte. Dann demonstriert Cremer den 13 Schülerinnen und Schülern, die aus der Ukraine, dem Libanon, dem Irak, Indien, Afghanistan und Deutschland stammen, wie sie selber ein Sehnsuchtsmotiv der Romantik im Stile von Caspar David Friedrich schaffen: Mit groben Pinselstrichen in blauer und weißer Farbe auf der Hälfte der Malfläche einen Hintergrund herstellen, mit dem Bleistift Berge einzeichnen und diese durch die Verteilung von heller und dunkler Farbe mit dem Spachtel farbig ausfüllen, grüne Bäume mit dem Pinsel hinzufügen und am Ende noch Details einzeichnen.

Jeden Schritt macht Cremer vor, dann sind die Jugendlichen dran, die an Doppeltischen in kleinen Gruppen sitzen und konzentriert arbeiten. Immer wieder wollen sie wissen: „Ist das so in Ordnung?“ Cremer geht rum, lobt, gibt manchmal Anregungen und betont immer wieder: „Das sieht gut aus. Es gibt kein falsch oder richtig. Denkt nicht zu viel nach.“ Am Ende präsentieren alle stolz ihre Bilder. Waled meint: „Das Beste ist, dass man keine Fehler machen kann.“ Andere sagen beim Rausgehen zum Kunstlehrer: „Das hat Spaß gemacht.“ Sie erleben Unterricht positiv und bekommen Lust aufs Lernen.

Im Elterncafe das Schulleben mitorganisieren

An der Sekundarschule im Norden von Sachsen-Anhalt geht es auch darum, Kontakt zu den Eltern aufzubauen, um die Bedeutung der Bildung für ihre Kinder zu betonen und sie stärker in das Schulleben einzubeziehen. Dazu soll künftig eine Atelierwerkstatt mit Angeboten für Kinder und Erwachsene beitragen.

Seit Februar besteht in der Sekundarschule bereits das Familienschulzentrum, das einmal die Woche von 10 Uhr bis 12 Uhr ins Elterncafé zum zwanglosen Treffen einlädt. An diesem Mittwoch sind drei deutsche Mütter gekommen, die sich mit der Leiterin Janine Heinrich über das bevorstehende Schulfest unterhalten. Wer backt was, wer kommt wann, wer kann mit aufräumen. Über solche organisatorischen Fragen kommt man über andere Themen ins Gespräch. Die Frauen erfahren, dass es in den großen Ferien mehrere Freizeitangebote der Schule für ihre Kinder gibt und wollen wissen, was wann genau geplant ist.

Eine andere Mutter spricht an, dass Eltern häufig über eine bestimmte Lehrerin schimpfen und sie sie wegen ihrer positiven Erfahrungen dann verteidigt. Die angesprochene Lehrerin hört interessiert zu – Lehrkräfte sind zum Elterncafé ausdrücklich eingeladen, damit man sich abseits von Elternabenden und -sprechtagen persönlich kennenlernen kann. Nach einer Weile taucht eine weitere Mutter auf. Sie stellt sich als Perserin vor, die hier ihre Sprachkenntnisse verbessern möchte.

„Die Finanzierung solcher Kooperationen wird durch das Startchancen-Programm einfacher“

„Unsere erste große Aktion war kürzlich das Müllsammeln in unserem Viertel. Über 80 Kinder und Erwachsene sind gekommen“, freut sich Heinrich, die mit Startchancen-Mitteln eingestellt wurde und für das neue Schuljahr weitere Aktivitäten plant.

Dann startet an der Sekundarschule auch das Ganztagsangebot für die Klassen 5 und 6, mit Arbeitsgemeinschaften an drei Tagen. „Das findet auf freiwilliger Basis statt, die Nachfrage daran ist bereits groß“, sagt Schulleiterin Christiane Bloch. Dabei arbeitet man auch mit außerschulischen Partnern wie dem Naturschutzbund Deutschland oder der Berufsbildungsakademie zusammen. „Die Finanzierung solcher Kooperationen wird durch das Startchancen-Programm einfacher“, sagt Bloch. Sie und ihre Nachfolgerin Kathleen Steller haben viele Ideen für Veränderungen wie die freundlichere Gestaltung des Schulhofs. Fest steht schon die Anschaffung eines Diagnose-Tools, mit dem die individuellen sprachlichen Fähigkeiten künftig besser erfasst werden sollen, um so Schülerinnen und Schüler gezielter zu fördern. Auch in die Fortbildung der Lehrkräfte könne jetzt mehr investiert werden. Zudem wird zum neuen Schuljahr ein Lernbüro eingerichtet, in dem Schülerinnen und Schüler mit technischer Hilfe selbstständig Aussprache und Grammatik trainieren können.

Hoher Verwaltungsaufwand

Allerdings hat das Programm seine Grenzen. „An unserer Schulen fehlen Lehrkräfte für Mathematik, Informatik, Englisch. Und es wird noch schlimmer – jetzt geht ein Kollege in Rente, nach den Sommerferien haben wir nur noch zwei Lehrer für Mathe“, sagt Steller. Angesichts fehlender Bewerber hilft auch kein zusätzliches Geld für pädagogisches Personal. Zumindest eine weitere Stelle kann die Sekundarschule im neuen Schuljahr aus dem Startchancen-Programm finanzieren: Es wird eine Sachbearbeiterin eingestellt, deren Aufgabe es sein wird, Anträge für Mittel aus dem Startchancen-Programm zu schreiben. In diesem Jahr stehen dafür 51.000 Euro zur freien Verfügung, die aber jedes Mal beantragt werden müssen – und sei es ein Outdoor-Spiel für 357 Euro, auf dessen Genehmigung die Schule seit zwei Monaten wartet.

Dieser Beitrag wurde zuerst im Klett Themendienst veröffentlicht.



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