"Ein deutliches Zeichen von Integration und gegenseitiger Wertschätzung"
An rund 500 Schulen in Deutschland wird mittlerweile islamischer Religionsunterricht angeboten. Einige Bundesländer - etwa Nordrhein-Westfalen - haben sich das Ziel gesteckt, dieses Fach flächendeckend einzuführen. Auch die Lehrerausbildung wird forciert. Und für den islamischen Religionsunterricht in der Grundschule gibt es jetzt erstmals ein Lehrwerk für die Klassen 1-3. Über die Besonderheiten, die Aufgaben und die Wirkungen dieser Schulbücher ein Gespräch mit dem Herausgeber Prof. Bülent Ucar und der Autorin Gül Solgun-Kaps.
29.11.2011 ArtikelHerr Ucar, Sie geben das Lehrwerk "Mein Islambuch" für die Grundschule heraus. Gerade ist Band 3 erschienen. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Prof. Bülent Ucar: Ich habe selbst als Lehrer gearbeitet, und musste immer an zwei, drei Schulen gleichzeitig unterrichten. Dann fing der Tag morgens sehr früh an und endete abends nicht vor sechs Uhr. Das Schlimmste war: Es gab keine Materialien, keine Schulbücher, Übungshefte oder Arbeitsblätter für den islamischen Religionsunterricht. Ich musste also alles vorbereiten am Wochenende oder abends. Und damals habe ich mir fest vorgenommen, einmal Schulbücher zu machen.
Frau Gül Solgun-Kap, etliche Lehrer schreiben Schulbücher. War diese Autorenschaft also eine ganz normale Aufgabe?
Gül Solgun-Kaps: Sie können natürlich sehr viel schneller ein Schulbuch für das Fach Mathematik oder Deutsch konzipieren, weil es bereits Vorgaben und viele Beispiele gibt. Aber ein solches Islambuch für die Grundschule hat es ja vorher nicht gegeben. Wir hatten keinen Fundus, auf den wir hätten zurückgreifen können, sowohl bei dem Aufbau wie bei den Inhalten oder – ganz profan – auch bei der Bebilderung. Wir haben zuallererst einmal eine Synopse der Lehrpläne gemacht, damit das Buch dann auch in jedem Bundesland eingesetzt werden kann.
Es war also eine Art Pionierarbeit?
Prof. Bülent Ucar: Ja, das war es. Es gibt zwar momentan auf dem Markt verschiedene Bücher zu diesem Thema - aber das sind keine Schulbücher. Wir haben uns natürlich angeschaut, wie man es im Ausland macht. Von Singapur bis in die Türkei oder Bosnien und Österreich. Am Ende waren wir einhellig der Auffassung, dass wir hier in Deutschland eine ganz einmalige Situation haben. Eine Religion, die relativ neu ist in einer christlich-säkular geprägten Gesellschaft. In der Außenwahrnehmung wird der Islam als homogener Block dargestellt, man sagt ´die Muslime` und ´der Islam`. Wobei jeder, der sich ein bisschen in der Materie auskennt, weiß, so wie es das Christentum nicht gibt und das Judentum, gibt es auch nicht den Islam. Es gibt verschiedene Prägungen, Auslegungen des Islams. Wir haben in diesen Grundschulbüchern versucht, das islamisch-religiöse Wissen, das wir Kindern vermitteln möchten, so aus den Quellen abzurufen, dass es auch für unterschiedlich geprägte Muslime akzeptabel ist.
Gül Solgun-Kaps: Wir haben sehr viele Gruppierungen: Schiiten, Sunniten, Aleviten. Und in dem Buch muss eine Basis geschaffen werden, sodass alle damit unterrichtet werden können. Und alles, was darüber hinaus geht, muss dann die Familie, beziehungsweise die Moschee, auffangen.
Gab es noch weitere Herausforderungen bei der Entwicklung dieses Buchs?
Prof. Bülent Ucar: Es gibt bestimmte Termini, bei denen wir überlegt haben, wie gehen wir damit um. Übersetzen wir das ins Deutsche oder nehmen wir das Original? Ein Beispiel: Gebet heißt im arabischen ´Salāt`, es wird also ähnlich geschrieben wie das Wort Salat im Deutschen. Dazu kommt, 80 Prozent der Muslime in Deutschland kennen diesen Begriff nicht, sie sagen ´Namaz` - das ist persisch. Wenn Sie also den Begriff ´Namaz´ wählen, dann haben sie das Original ausgegrenzt, sind aber näher an der Lebenswirklichkeit der Kinder. Wenn Sie den Begriff mit Gebet übersetzen, dann es trifft die Sache nicht ganz. So, was machen wir? Wir haben gesagt, wir wollen keine einseitige Einschränkung, sondern wir möchten weitestgehend die Vielfalt, die in der Gesellschaft da ist, beibehalten. Wenn jemand ´Namaz` sagen möchte, dann kann er ´Namaz´ sagen, wenn jemand ´Salāt´ sagen möchte, dann kann er ´Salāt´ sagen. Wenn jemand den Begriff übersetzen möchte, dann soll er ´rituelles Gebet` sagen. Wir haben es dann auch genauso übersetzt, um es vom persönlichen Gebet zu unterscheiden.
Es ist also mehr als ein normales Religionsbuch – es ist ein Lehrbuch der Kulturen?
Prof. Bülent Ucar: Ich hatte als Jugendlicher immer ein Riesenproblem, die religiösen Begrifflichkeiten, die ich in der Familie, in der Gemeinde gelernt habe, in der deutschen Sprache zu formulieren. Ich wusste zwar vieles, aber ich war nicht sprachfähig. Das hat mich immer in Diskussionen total unruhig gemacht. Ich erinnere mich an Diskussionen im Philosophieunterricht in der Oberstufe mit meiner damaligen Lehrerin, die eine ganz klare Position hatte und dazu auch stand. Ich habe gemerkt, ich kann nicht auf Augenhöhe mit ihr diskutieren, weil mir einfach die Begrifflichkeiten fehlen. Am Ende musste ich immer klein beigeben, obwohl ich innerlich der Überzeugung war, dass sie nicht recht hat. Aber ich konnte mein Anliegen nicht so gut artikulieren wie sie. Das war immer ein Unwohlgefühl. Wenn Sie aber sprachlich fit sind, dann können Sie Ihre Gedanken viel besser zum Ausdruck bringen.
Das Buch vermittelt also auch Sprachkompetenz. Kann es noch mehr leisten?
Prof. Bülent Ucar: Wir sagen immer, der Religionsunterricht in der Schule ist kein Gegenunterricht zu dem, was in den Moscheen gelehrt wird. Wir wollen keine Konfrontation mit den Moscheengemeinden oder mit den Eltern. Religiöse Bildung findet statt in der Familie, wird vertieft in der Gemeinde und wird reflektiert in der Schule. Wir möchten, dass Kinder im Religionsunterricht lernen, das Wissen, das sie möglicherweise in den Gemeinden, in den Familien erlernen, auch zu reflektieren. Dass sie lernen, damit umzugehen, dieses Wissen in neue Zusammenhänge zu stellen und daher hat dieses Buch eine Brückenfunktion.
Hat das Buch auch den Anspruch, zur Integration beizutragen?
Prof. Bülent Ucar: Ja, ich bin auch der festen Überzeugung, dass der Religionsunterricht - und dasselbe kann man dann auch zu diesen Religionsbüchern sagen - zur Integration beitragen. Denn Religionsunterricht ohne Religionsbuch wird nicht wirklich funktionieren. Und: So wie ein schlechter Unterricht oder ein schlechtes Buch ihren Beitrag zur Desintegration leisten, wird ein gutes Buch neben der religiösen Bildung und Erziehung auch zur Integration beitragen. Unter anderem durch Wertevermittlung, durch den Ausbau von Sprachkompetenzen und die interreligiöse Dialogfähigkeit.
Gül Solgun-Kaps: Die Kinder können nach dem Religionsunterricht in ihre Klassen zurückgehen und das Gelernte wiedergeben. Sie können dann in deutscher Sprache über ihre eigene Religion in ihrem Klassenverband reden. Sie sind nicht sprachlos, weil sie sich richtig ausdrücken können. Ein Islambuch in einer Schule öffnet auch Türen. Wenn die Eltern sehen, dass eine Schule ein solches Buch für die Kinder anschafft und dass es im Unterricht eingesetzt wird, dann finden sich die Eltern auch in dieser Schule wieder. Es ist ein Schritt von beiden Seiten in die Mitte. Die Eltern fühlen sich ernst genommen mit ihrer Religion, mit ihrer Identität und die Schule beschäftigt sich intensiv mit diesen Kindern und ihrem kulturellen Hintergrund. Das ist ein ganz deutliches Zeichen von Integration und gegenseitiger Wertschätzung.
Zur Person
Gül Solgun-Kaps ist Lehrerin in Augsburg, Referentin in der Lehrerfortbildung und Lehrbeauftragte an der Universität Augsburg.
Prof. Bülent Ucar ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück.
Das Lehrwerk "Mein Islambuch" erscheint im Oldenbourg Schulbuchverlag.
Im Herbst 2011 erschienen: Bülent Ucar (Hrsg.), Sultan Baysal-Polat, Serap Erkan, Evelin Lubig-Fohsel, Gül Solgun-Kaps, Seher Uguz
Mein Islambuch 3. Schuljahr
ISBN: 978-3-637-00554-9
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