Gastbeitrag

Ein Tag für Mädchen

Seit 20 Jahren versucht der Aktionstag Girls‘ Day Mädchen für technische Berufe zu begeistern. In diesem Jahr lief das wegen Corona anders. Von Vincent Hochhausen

02.07.2021 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • © sirtravelalot/Shutterstock

Donnerstagmorgen, 9 Uhr. Die 14-jährige Gesamtschülerin Elisabeth sitzt zu Hause vor ihrem Rechner, als der Livestream der Firma Pfeifer & Langen beginnt. Nadine Sixel von dem europaweit tätigen Zuckerhersteller heißt Elisabeth und die anderen Mädchen, die sich für den Girls‘ Day zugeschaltet haben, willkommen. Sixel will an diesem Tag das Unternehmen präsentieren und zeigen, dass Berufe wie Industriemechanikerin oder Lagerlogistikerin auch für Mädchen interessant sind. Wegen Corona findet der bundesweite Aktionstag diesmal vollständig online statt – die Mädchen sitzen zu Hause, ebenso Sixel und die meisten Ausbilderinnen, Ausbilder und Auszubildenden des Unternehmens, die sich im Laufe des Tages zuschalten, um ihre Tätigkeiten vorzustellen.

Das Online-Jubiläum
Für den Girls‘ Day, der dieses Jahr sein zwanzigstes Jubiläum feiert, ist diese Beschränkung auf den Online-Austausch ungewöhnlich. In den Jahren vor Corona beteiligten sich an dem Tag rund 10.500 Unternehmen, diesmal sind es weniger. Normalerweise lebt der Aktionstag, der vor zwanzig Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Deutschen Gewerkschaftsbund ins Leben gerufen wurde, von dem direkten Kontakt der Mädchen zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Auszubildenden des jeweiligen Betriebs. „Die konkreten Angebote sind sehr vielfältig, aber meistens geht es darum, dass sich die Teilnehmerinnen den Betrieb anschauen und von – im Idealfall weiblichen – Auszubildenden über deren Beruf und Aufgaben informiert werden,“ erklärt Elisabeth Schöppner, Leiterin der bundesweiten Koordinierungsstelle für den Girls‘ Day. Diesmal müssen die Azubis aus den Zuckerfabriken von Pfeifer und Langen versuchen, die Mädchen zu Hause über ihren Computern für ihre Berufe zu begeistern. Um das ausbildende Personal und die Azubis dabei zu unterstützen, hat das Unternehmen im Vorfeld Videoclips zu den Berufen erstellt. Sie sollen Elisabeth und den anderen Mädchen den Einstieg in das Thema erleichtern. Das funktioniert: Im Gespräch mit den Azubis fragen die Mädchen zum Beispiel, welche Schulfächer für welchen der Berufe wichtig sind. Ein Teil des Livestreams wird zudem zentral von den Girls‘ Day Organisatoren durchgeführt.

Dass Unternehmen auch unter diesen Umständen am Girls‘ Day teilnehmen, hat seine Gründe: „Gerade in den MINT-Berufen ist der Fachund Führungskräftemangel deutlich zu spüren“, sagt Nadine Sixel. Da sei der Aktionstag eine gute Möglichkeit, Bewerberinnen zu erreichen und auf das Unternehmen aufmerksam zu machen. Zudem sei auffällig, dass die Frauenquote in den technischen Berufen am Unternehmensstandort im ostdeutschen Könnern wesentlich höher sei, fügt Unternehmenssprecherin Britta Schumacher hinzu. „Diese Diversität wünschen wir uns überall.“ Dass der Aktionstag für die Unternehmen vor allem aus diesen Gründen attraktiv ist, weiß auch Elisabeth Schöppner vom Girls‘ Day. Für die Mädchen selbst sei es aber auch eine gute Möglichkeit, sich attraktive Berufsperspektiven zu erschließen. „Die klassischen Frauenberufe etwa im Pflege- und Gesundheitsbereich sind leider im Durchschnitt nicht so gut bezahlt und angesehen, wie viele der MINT-Berufe“, erklärt sie. Und auch abgesehen von Gehalt und Ansehen sei es durchaus von Vorteil für Mädchen – ebenso wie für Jungen – wenn sie sich in der Wahl ihrer Berufe nicht von gesellschaftlichen Vorurteilen einengen ließen.

Der Aktionstag trägt Früchte
Die Bemühungen, solche berufsbezogenen Geschlechterklischees durch den Girls‘ Day aufzuweichen, sind durchaus erfolgreich, ist Schöppner überzeugt. Eine repräsentative Befragung der Teilnehmerinnen am Girls‘ Day 2018 sowie zu dem Parallelangebot Boys‘ Day, der Jungen für Sozialund Gesundheitsberufe interessieren soll, zeigte, dass 62 Prozent der Mädchen die Teilnahme als hilfreich für die eigene Berufswahl einschätzten. 70 Prozent gaben an, einen Beruf oder eine Tätigkeit kennengelernt zu haben, die sie interessiere. Das schlägt sich auch bei den Betrieben nieder, betont Schöppner: 38 Prozent der Unternehmen, die mehrere Jahre lang teilgenommen haben, gab an, dass sie Bewerbungen von Mädchen erhalten haben, die sie über den Aktionstag kennengelernt hatten; 72 Prozent dieser Bewerbungen seien erfolgreich. In einigen Berufsfeldern ist der Frauenanteil während der Existenz des Aktionstages stark gestiegen – fingen im Jahr 2000 noch 14.500 junge Frauen ein Ingenieursstudium an, waren es 2019 schon 63.000. Auch bei Ausbildungen wie Maler/-in oder Tischler/-in sei der Frauenanteil in diesem Zeitraum gestiegen, wenn auch auf niedrigem Niveau, sagt Schöppner.

Auch in Zukunft digital?
Was den digitalen Girls‘ Day angeht, zieht Nadine Sixel von Pfeifer & Langen ein positives Fazit: Die Teilnehmerinnen seien interessiert und zufrieden gewesen, auch technisch habe alles gut geklappt. Sie überlegt nun, auch in Zukunft, wenn Corona den Aktionstag nicht mehr einschränkt, einige der digitalen Elemente aus diesem Jahr zu übernehmen – etwa, indem man bestimmte Inhalte an die einzelnen Standorte des Unternehmens, die am Aktionstag teilnehmen, überträgt. Auch Gesamtschülerin Elisabeth hat der Tag gut gefallen. Sie glaubt zwar nicht, dass sie einen der vorgestellten Ausbildungsberufe ergreifen wird – sie möchte das Abitur machen und danach studieren. „Aber es war interessant und hat Mut gemacht, sich auch für technische Berufe zu interessieren.“


Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2021, S. 38-40, www.didacta-magazin.de



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden