Berufsorientierung

Eine "Schatzkiste" hilft weiter

(imi). "Am liebsten würde ich Koch werden", wünscht sich Marlon, 14 Jahre, Gesamtschüler aus Bornheim bei Köln. Nach seinem Praktikum sieht er seinen Berufswunsch zwar mit etwas gemischten Gefühlen, aber davon abrücken möchte er nicht, zumal er auch zuhause – wie seine Mutter bestätigt – gerne und durchaus anspruchsvoll den Kochlöffel schwingt.

04.06.2010 Artikel

Marlons Mutter unterstützt den Berufswunsch ihres Sohnes und hält ihn für einen Beruf in der Gastronomie gut geeignet. So selbstverständlich dies klingt, so ist die Unterstützung der Eltern doch eine unschätzbare Hilfe für Jugendliche, die sich auf den Übergang von der Schule in die Berufswelt vorbereiten. Eine Hilfe, auf die inzwischen viele Schüler verzichten müssen, wie Schulleiter Jürgen Weichel aus Bingen in Rheinland-Pfalz immer häufiger feststellen muss. "Früher haben Eltern in der Berufsfindungsphase eingegriffen, Hinweise gegeben oder Kontakte angebahnt und auch schon mal autoritär entschieden, ´du machst das und das`. Heute erlebe ich Eltern selber als orientierungslos."

An seiner Schule, der "Realschule plus" am Scharlachberg in Bingen-Büdesheim, begleitet "Jobfux" Susanne Modica-Amore den Übergang von der Schule in den Beruf. Die städtische Angestellte, die in ihrer Funktion auch an anderen Schulen arbeitet, bemüht sich, Eltern einzubeziehen: "Ich versuche, Eltern gezielt anzusprechen. Viele wissen gar nicht, dass ihre Kinder gerade an Bewerbungen sitzen. Aber wenn Eltern sich kümmern, dann steigen auch die Chancen der Kinder. Es reicht schon, wenn sie auf Termine achten oder darüber sprechen, was gerade im Praktikum läuft. Das motiviert die Kinder."

Biografie mit Brüchen

Motivation und Orientierung für einen Beruf zu finden; zu wissen, wo man beruflich hin will – das ist für junge Menschen heute mit mehr Aufwand verbunden als noch vor Jahrzehnten. In der Studie "Professionalisierung des Systems der Berufsorientierung im Freistaat Sachsen" (Dresden, 2009) ist nachzulesen: Es geht um "… durchblicken, sich zurechtfinden, mit Rückschlägen umgehen, die eigene Biografie gestalten … Berufsorientierung braucht neue Konzepte, die über ´Standard-Überlegungen` hinausgehen."

Laut Studie muss der Schwerpunkt der Berufsorientierung heute auf der Bewältigung einer beruflichen Patchwork-Biografie liegen, einer Biografie mit Brüchen, mit wechselnden Arbeitsplätzen, Umschulungen und auch Zeiten der Arbeitslosigkeit. Und damit muss – neben dem jeweiligen Berufswunsch – die Stärkung der berufsorientierten Handlungskompetenz in den Mittelpunkt der Berufsvorbereitung rücken. Damit Jugendliche im Hinblick auf ihre Berufswahl kompetent handeln können, brauchen sie eine Vorstellung von ihren eigenen Stärken, ihren Talenten und Begabungen. So genannte Kompetenzchecks sollen hier weiterhelfen, in der Regel mit guten Erfolgen. Ausgerechnet eine ganz bestimmte Zielgruppe, die kurz vor dem Abschluss stehenden Hauptschüler, steht Verfahren zur Kompetenzfeststellung häufig skeptisch gegenüber. Susanne Modica-Amore beobachtet: "Die Jugendlichen scheuen die Rückmeldungen. Sie haben Angst vor den Resultaten. Das Selbstwertgefühl vieler Kinder ist durch die mediale Abwertung der Hauptschulen im Keller."

Eine Schatzkiste für jedes Kind

"Alle Kinder haben starke Seiten!" Davon ist Meinolf Padberg, seit 30 Jahren Hauptschullehrer, felsenfest überzeugt. Seine Homepage www.starke-seiten.net handelt von dem Projekt "Starke Seiten" der Möhnesee-Schule, einer Verbundschule aus Haupt- und Realschule in NRW. Dank ihrer kreativen und vorbildlichen Berufsorientierung bekam das Kollegium 2007 den Deutschen Hauptschulpreis überreicht. Padberg: "Wir arbeiten an unserer Schule mit dem Ziel, von Anfang an die Stärken unserer Schüler in den Blick zu nehmen und sie darin anzuleiten, sich selbst mit ihren Kompetenzen wahrzunehmen." Wie das konkret aussieht, schildert der erfahrene Pädagoge wie folgt: "Die Kinder kommen in der Regel mit Misserfolgserfahrungen aus den Grundschulen zu uns. Deshalb sammeln unsere Schüler von der ersten Woche an in einer Kompetenzmappe ihre persönlichen Stärken. Dabei hilft ihnen eine ´Schatzkarte` mit Schlüsselfragen, die auf das Erkennen von Stärken gerichtet sind. Aber auch Eltern, Lehrer, Verwandte, Nachbarn, Trainer und andere, die die Schüler gut kennen, schreiben etwas über die starken Seiten eines Schülers. Dazu gibt es vorstrukturierte Formblätter mit Einleitungstexten, die das Ausfüllen erleichtern." Dabei reicht es nicht, Stärken lediglich stichwortartig aufzulisten. Im Laufe der Jahre werden die Schüler auch darin angeleitet, ihre Stärken zu reflektieren. Fragen, die dabei helfen, lauten zum Beispiel: "Wann hast du diese Stärke an dir entdeckt? Wie hast du diese Stärke entdeckt?"

Schülerinnen und Schüler, die die Möhnesee-Schule verlassen, starten also mit einer gut gefüllten Schatzkiste und entsprechendem Selbstbewusstsein in das Berufsleben. "Das Selbstvertrauen, also ein positives Selbstkonzept, ist enorm wichtig", bekräftigt Padberg. Zustimmung erhält er darin vom BIBB, dem Bundesinstitut für Berufsbildung (www.bibb.de). Verena Eberhard, wissenschaftliche Mitarbeiterin, bestärkt das Engagement des gesamten Kollegiums am Möhnesee mit den Worten: "Der Umgang mit den Jugendlichen beeinflusst deren Chancen."

Erstveröffentlichung Klett Themendienst


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