Inklusion

Mehrheit der Eltern in Nordrhein-Westfalen wünscht sich inklusive Bildung

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: 91,4 Prozent der Eltern wünschen sich, dass alle Schulen so ausgestattet sind, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gut gemeinsam lernen können. 68,8 Prozent der Eltern mit Kindern an Förderschulen würden ihr Kind lieber auf eine allgemeine Schule schicken, wenn die Bedingungen dort besser wären.

26.08.2026 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Deutsches Institut für Menschenrechte
  • Es ist eine Schulklasse von hinten zu sehen, einer der Schüler sitzt in einem Rollstuhl. © Adobe Stock Rund 73 Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen Förderschulen ohne Abschluss.

Die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Rund 54 Prozent dieser Kinder finden sich in Förderschulen wieder. Damit gehört Nordrhein-Westfalen zu den Bundesländern mit der höchsten Exklusionsquote in Deutschland. Dabei lehnen 81,2 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderungen in Nordrhein-Westfalen eine getrennte Beschulung ab. 

91,4 Prozent der Eltern wünschen sich, dass alle Schulen so ausgestattet sind, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gut gemeinsam lernen können. 68,8 Prozent der Eltern mit Kindern an Förderschulen würden ihr Kind lieber auf eine allgemeine Schule schicken, wenn die Bedingungen dort besser wären. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Erstmals wurden landesweit 2.315 Eltern von Kindern mit Behinderungen zu ihren Erfahrungen befragt.

„Die Ergebnisse der Elternbefragung sind ein klarer Handlungsauftrag an die Politik: Eltern wollen inklusive Schulen. Es ist die Aufgabe der Landesregierung, ihre menschenrechtliche Verpflichtung aus der UN-Behindertenrechtskonvention zu erfüllen. Dazu braucht es den politischen Willen, ein gutes, inklusives Schulsystem zu schaffen und Förderschulen abzubauen“, sagt Britta Schlegel, Leiterin der Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Auffällig sind die Unterschiede innerhalb Deutschlands: In Bremen besuchen nur neun Prozent der Kinder mit Behinderungen eine Förderschule, in Nordrhein-Westfalen sind es 54,4 Prozent. Förderschulen dienen derzeit als Auffangbecken für Kinder, die aufgrund der strukturellen Defizite an allgemeinen Schulen dort nicht ausreichend gefördert werden. So bleiben segregierende Strukturen bestehen und allgemeine Schulen kommen ihrer Verpflichtung zur Inklusion nicht nach. „Angesichts knapper öffentlicher Mittel sollte Nordrhein-Westfalen nicht länger zwei parallele Schulsysteme finanzieren“, so Schlegel weiter. Die durch einen Abbau von Förderschulen freiwerdenden Mittel sind dringend für die Verbesserung der inklusiven Bildung an Regelschulen nötig. Dies kommt allen Kindern zugute, beispielsweise durch kleinere Klassen, mehr Personal, multiprofessionelle Teams, individuellerem Unterricht und barrierefreien Räumen.

Die Landesregierung geht jedoch nötige Veränderungen nur zögerlich an, weil sie glaubt, Eltern bevorzugten Förderschulen. Die Studie des Instituts zeigt nun aber: Die meisten Eltern wählen Förderschulen, weil die Inklusion an allgemeinen Schulen unzureichend umgesetzt wird. „Das Elternwahlrecht ist ein bloßes Scheinwahlrecht: Wenn Eltern sich zwischen einer gut ausgestatteten Förderschule und einer schlecht ausgestatteten Regelschule entscheiden müssen, gibt es keine wirkliche Wahl“, sagt Susann Kroworsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts und Co-Autorin der Studie.

Ein weiterer Befund: Die Beratungsgespräche sind vielfach einseitig. 39,9 Prozent der Eltern erhalten eine Empfehlung für die Förderschule, nur 27,6 Prozent für eine allgemeine Schule. Wenig beachtet wird dabei, dass der Besuch einer Förderschule oft der Beginn einer lebenslangen Exklusion ist. Rund 73 Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen Förderschulen ohne Abschluss. Viele wechseln anschließend in gesonderte Ausbildungswege, die begrenzte Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bieten. Häufig bleibt ihnen nur eine Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen. An allgemeinen Schulen lernen Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nachweislich mehr. Werden inklusive Optionen in der Beratung aufgezeigt, entscheiden sich Eltern deutlich häufiger für eine allgemeine Schule. Auch die Untersuchung der Schulwechsel zeigt, dass Kinder mit Behinderungen viermal häufiger aus dem Regelschulsystem herausgedrängt als dort aufgenommen werden. 

„Dass gemeinsames Lernen möglich ist und gute inklusive Bildung allen Kindern – ob mit Förderbedarf oder ohne – zugutekommt, beweisen viele Schulen hierzulande eindrucksvoll. Auch der Blick in Bundesländer wie Bremen und Schleswig-Holstein oder ins Ausland, etwa nach Italien oder Skandinavien, zeigt, wie es besser geht: Dort lernen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen schon seit Jahren erfolgreich inklusiv im allgemeinen Schulsystem“, so Kroworsch.


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