Länger gemeinsam lernen

Es geht nicht um die Abschaffung von Gymnasium und Realschule

Das von der grün-roten Landesregierung favorisierte Zwei-Säulen-Modell mit der Gemeinschaftsschule und dem Gymnasium ist nur ein Zwischenschritt zu einer "Schule für Alle".

18.02.2013 Pressemeldung Länger Gemeinsam Lernen B-W

Diese Aussage wurde anlässlich einer Pressekonferenz des landesweiten Netzwerks "In einer Schule gemeinsam lernen" formuliert. In diesem Netzwerk haben sich über 30 Organisationen aus Baden-Württemberg zusammengeschlossen. Dazu gehören unter anderem pädagogische Fachverbände, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Dachverbände wie der Landesfamilien- und Landesfrauenrat. Das Netzwerk ist eine Interessensvertretung für über 2 Millionen Landesbürger.

FDP-Landeschefin Birgit Homburger bezeichnete o.g. Forderung des Netzwerkes als "haarsträubend" und "aberwitzig". "Wer die Spitzenposition Baden-Württembergs in Forschung, Entwicklung und Innovation erhalten will, darf das Gymnasium nicht abschaffen."

Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl behauptet "Grün-Rot will die Gymnasien schleifen". Das sind nur zwei von mehreren aufgebrachten Reaktionen aus den Oppositionsparteien auf die Aussagen des Netzwerks.

Weiterentwicklung der Schularten

Dabei geht es bei der Forderung nach einer "Schule für Alle" im Sekundarbereich 1 (Klasse 5-10) nicht um die Abschaffung der Gymnasien oder der Realschulen.

Auf die Kompetenzen, Erfahrungen und Fähigkeiten der Lehrerschaft in den bisherigen Schularten kann und darf "Eine Schule für Alle" nicht verzichten. Gerade den Realschulen gelingt es, mit einer zunehmend heterogenen Schülerschaft umzugehen, meist verbunden mit einem hohen persönlichen Einsatz der Lehrerschaft, aber ohne die dafür nötigen Ressourcen.

Es geht letztendlich bei der Forderung des Netzwerks um die Weiterentwicklung der verschiedenen Schularten zu der international üblichen "integrierten Sekundarstufe 1", auf die nach Klasse 10 eine gymnasiale Oberstufe folgt.

Es geht letztendlich um einen Paradigmenwechsel, weg von unserer weltweit einzigartigen frühen äußeren Differenzierung in hierarchisch angeordnete Schularten hin zu einer inneren Differenzierung, einer längeren individuellen Lernförderung in einer gemeinsamen Schule.

"Längeres gemeinsames Lernen" ist internationaler Standard

Dass diese Forderung nach einer "Schule für Alle" im Sekundarbereich 1 weder "haarsträubend" noch "aberwitzig" und absolut nichts Außergewöhnliches ist, zeigt die Tatsache, dass in den letzten 40 Jahren fast alle Staaten, die bis dahin ein gegliedertes Schulsystem in der Sekundarstufe 1 praktizierten, auf ein "Längeres gemeinsames Lernen" umgestellt haben.

Sie sind dem wichtigen didaktischen Grundsatz "Kinder lernen von Kindern" gefolgt und haben sich gegen eine frühe Entmischung entschieden und für ein längeres gemeinsames Lernen verbunden mit einer entsprechenden Binnendifferenzierung. De facto beschritt bislang kein Staat den umgekehrten Weg. Wenn unser gegliedertes System wirklich so erfolgreich wäre, hätten wir international schon längst Nachahmer. Dem ist aber nicht so!

Viele Bildungspolitiker, die sich an der aktuellen Schulstrukturdiskussion beteiligen, haben als Erfahrungshintergrund nur ihre eigene Schulbiographie aufzuweisen und können oder wollen sich nicht von ihr lösen. Dabei ist diese Erfahrungsgrundlage sehr begrenzt, ausschnitthaft und systemerhaltend, weil sie sich anderen, erfolgreichen Systemen gegenüber verschließt.

Wiederholt wird vom "bewährten dreigliedrigen Schulsystem" geschrieben. Wenn die Diskussion der letzten Jahre und all die dazugehörigen Untersuchungen eines gezeigt haben, dann dies: Bewährt hat es sich nicht! In keinem vergleichbaren Staat hängt der Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler so sehr von der Herkunft ab, wie in der Bundesrepublik Deutschland. Baden Württemberg rangiert hier mit an der "Spitze".

Immer wieder erstaunlich, wie dieser entscheidende Aspekt einfach ausgeblendet wird.

Dass bei einem gut umgesetzten "Längeren gemeinsamen Lernen" die Guten nicht ausgebremst werden, zeigt folgende wenig bekannte Tatsache: bei den PISA-Schulleistungsvergleichen der weltweit 5 % Besten eines Jahrgangs können die leistungsstärksten Gymnasiasten aus Baden-Württemberg nicht mit der Leistungsspitze der besten Staaten mit integrierten Schulsystemen mithalten, in denen die Kinder bis zum 9. oder 10. Schuljahr gemeinsam lernen. Weshalb Frau Homburger bei einer gut umgesetzten "Schule für Alle" bis Klasse 10 die Spitzenposition Baden-Württembergs in Forschung, Entwicklung und Innovation gefährdet sieht, bleibt in Anbetracht der oben aufgeführten Fakten ihr persönliches Geheimnis.

Im Zeitalter der Globalisierung sollte man längst festgestellt haben, dass ein "Längeres gemeinsames Lernen" internationaler Standard ist. Und wir sprechen hier von vergleichbaren Staaten und Regionen wie Kanada, Neuseeland, Australien, Skandinavien, Südtirol.... die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Ein Beispiel aus Schweden: Die Einführung der Gesamtschule begann mit einem rigorosen Experiment. Die Hauptstadt Stockholm wurde kurzerhand geteilt: Die eine Hälfte behielt das traditionelle Schulsystem bei, die andere Hälfte bekam die Gesamtschule als ausschließliche Schulart, "Schul-Tourismus" gab es nicht. Als sich zeigte, dass in der Gesamtschule die schwachen Schüler erfolgreicher wurden, vor allem aber insgesamt die besseren Leistungen hervorbracht wurden, votierte der schwedische Reichstag für die radikale Umstellung. Sehr viele Staaten mit integrierten Schulsystemen arbeiten außerordentlich erfolgreich.

Alle internationale Schulleistungsstudien haben eines aufgezeigt: Es gibt weltweit kein früh sortierendes Schulsystem, das in den beiden entscheidenden Bereichen Leistung und Bildungsgerechtigkeit Spitzenergebnisse liefert. Das schaffen nur die besten Staaten, die ein "Längeres gemeinsames Lernen" praktizieren.

Ein wichtiges Ergebnis der letzten Pisastudie beschreibt die OECD folgendermaßen: "Wenn allen Schülern möglichst lange gleiche Bildungschancen geboten werden, schneiden sie im Mittel überdurchschnittlich gut ab - und ihre Leistung hängt vergleichsweise wenig von sozialer Herkunft ab. Je früher dagegen die erste Aufteilung auf die jeweiligen Zweige eines Bildungssystems erfolgt, desto größer sind bei den 15-Jährigen die Leistungsunterschiede nach sozioökonomischem Hintergrund. Und zwar ohne dass deswegen die Gesamtleistung steigen würde"(OECD, 2010, Pisa 2009 Zusammenfassung S. 18).

Aus diesem Grund haben mittlerweile alle Staaten bis auf Österreich und Deutschland den bereits erwähnten Paradigmenwechsel vollzogen: weg von einer äußeren Differenzierung in Schularten, hin zu einer inneren Differenzierung in einer gemeinsamen Schule für Alle.

Nationale Vergleiche unter den Bundesländern als Argument für das gegliederte Schulsystem heranzuziehen ist Augenwischerei. Fakt ist, dass Schulleistungsstudien zu keinem innerdeutschen Schulsystemvergleich taugen, da bisher in keinem einzigen Bundesland ein flächendeckendes "Längeres gemeinsames Lernen" existiert.

Dass das flächendeckende gemeinsame Lernen auch bei uns gut funktioniert, beweisen unsere Grundschulen. Obwohl in dieser Phase die Entwicklungsunterschiede der Kinder erwiesenermaßen am größten sind, liefern sie im internationalen Vergleich Ergebnisse im Spitzenbereich.

Gesamtgesellschaftlicher Lösungsansatz

Es ist also schon längst nicht mehr die Frage, ob ein gemeinsames Lernen funktioniert. Vielmehr stellen sich die drängenden Fragen:

Sind wir bereit, von unseren Partikular- und Parteiinteressen abzurücken, um gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze im Schulwesen zu verfolgen, die nicht so viele Verlierer produzieren?

Sind wir bereit, die bei uns in BW eklatant und mit christlichen Grundsätzen nicht zu vereinbarende hohe Bildungsungerechtigkeit anzugehen, die ursächlich mit der frühen Trennung der Kinder in hierarische Schulformen zusammenhängt?

Sind wir bereit, einem immer stärkeren Auseinandertriften unserer Gesellschaft entgegenzuwirken?

Schulstruktur bestimmt Schul- und Lernkultur

Das Ergebnis unserer Trennung nach Klasse 4 ist, dass wir den Schwächsten eines Jahrgangs das schwierigste Lernmilieu zumuten: 15 – 20 % eines Jahrgangs aller 15 Jährigen erreichen bei uns nur die Kompetenzstufe 1, was nur schwach ausgebildete Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten bedeutet und letztlich eine nur eingeschränkte Ausbildungsfähigkeit zur Folge hat. Jedes Jahr werden ca. 20% aller Ausbildungsverträge (17 000) vorzeitig aufgelöst. 30 % dieser Jugendlichen bleiben dauerhaft ohne Ausbildung. In Anbetracht der demographischen Entwicklung und eines immer größer werdenden Fachkräftemangels bedeutet das neben jedem Einzelschicksal einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden.

Wenn dann von einem bewährten dreigliedrigen Schulsystem gesprochen wird, kann das eigentlich nur von einem mangelhaften Wissensstand in der Sache herrühren oder von einer eher fragwürdigen Gesinnung.

Man kann Schule nicht nur vom Gymnasium oder der Realschule aus denken. Bei jeder Argumentation muss immer das ganze Schulwesen mitgedacht werden. Die Möglichkeit des Abschulens auf angeblich "geringerwertige" Schulformen verhindert die Entstehung individueller Förderkonzepte an allen Schulen. So führte das Sortieren in angeblich leistungshomogene Lerngruppen dazu, dass sich hier keine systematisch individuelle Lernförderung entwickelte, sondern diese in privat finanzierte Nachhilfeeinrichtungen ausgelagert wurde. 1,5 Mrd. € jährlich geben die privaten Haushalte bundesweit für Nachhilfeunterricht aus – Baden Württemberg liegt mit 131 € pro Schüler an der Spitze Deutschlands - eine weitere Verstärkung unserer eklatanten Bildungsungerechtigkeit, denn private Nachhilfe steht und fällt mit dem Geldbeutel der Eltern.

Vor allem im Sekundarbereich 1 sollte sich das heutige Gymnasium im Zuge seiner Weiterentwicklung zu einer "Schule für alle" wandeln, die in der Lage ist, ihre anspruchsvolle Bildung auch den benachteiligten und weniger privilegierten Kindern zukommen zu lassen.

Das wäre wünschenswert, denn aktuell stellten die Forscher vom Berliner "Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen" in Baden Württemberg ein ausgeprägtes soziales Bildungsgefälle fest: Ein Kind aus der Oberschicht hat bei uns eine 6,6fach höhere Chance, auf ein Gymnasium zu kommen als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie – bei gleicher Intelligenz und gleichem Lernvermögen. Eine solche Ungerechtigkeit wurde bereits bei der ersten PISA Studie vor über 10 Jahren festgestellt. Der Aufschrei der Bildungspolitiker war damals groß. Besserung wurde gelobt. Aus heutiger Sicht waren dies eher Lippenbekenntnisse. Die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen hat sich laut IQB-Forschern in den vergangenen Jahren sogar noch vergrößert.

Das einzige, was die Gymnasien heutiger Ausprägung verlieren würden ist ihr elitärer Status als die "oberen" Schulen, die andere Schulen "unter sich" haben. Die Möglichkeit, Schüler auf andere Schularten abzuschulen, ginge verloren. Stattdessen müsste jede Schule Verantwortung für jedes einzelne Kind während der gesamten Schulzeit übernehmen.


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