Bündnis fordert Gemeinschaftsschule als zusätzliche Schulart in Bayern
Die Sachverständigenanhörung im Bayerischen Landtag zum längeren gemeinsamen Lernen hat deutlich gemacht: Es gibt wissenschaftlich fundierte Argumente dafür, Bildungswege länger offenzuhalten und Kindern mehr Zeit zur Entwicklung ihrer Potenziale zu geben.
23.10.2026 Bayern Pressemeldung Bündnis Gemeinschaftsschule BayernDas Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern sieht sich durch die Aussagen der Bildungsforscher*innen Prof. Dr. Kai Maaz, Prof. Dr. Petra Stanat und Prof. Dr. Gabriele Weigand in seiner Forderung bestärkt, die Gemeinschaftsschule endlich auch in Bayern als zusätzliche Schulart zu ermöglichen.
Frühe Aufteilung verstärkt soziale Ungleichheit
Prof. Dr. Kai Maaz stellte klar, dass internationale Studien und Metaanalysen eindeutig zeigen, dass die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schularten soziale Bildungsungleichheiten verstärkt, ohne dass sich daraus ein nachweisbarer Leistungsvorteil ergibt. Er verwies zudem auf die einseitige Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems: Auf einen Wechsel ans Gymnasium kommen 8,6 Wechsel vom Gymnasium weg. Sein Appell an die Politik: Entscheidungen sollten sich am internationalen Forschungsstand orientieren, statt an ideologischen Überzeugungen.
Auch Prof. Dr. Petra Stanat bestätigte, dass längeres gemeinsames Lernen die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft verringern kann, ohne zwangsläufig das Leistungsniveau zu senken. Besonders bemerkenswert: In Bayern hat ein Kind aus einer sozial besser gestellten Familie bei einem bestimmten Unterschied im Sozialstatus eine dreimal so hohe Chance auf den Gymnasialbesuch wie ein Kind aus einer sozial schwächeren Familie. In Berlin oder Brandenburg liegt dieses Verhältnis bei etwa zwei zu eins. Internationale Beispiele wie Kanada zeigen, dass längeres gemeinsames Lernen und hohe Leistungen miteinander vereinbar sind. Entscheidend seien eine hohe Unterrichtsqualität und gezielte individuelle Förderung.
Begabungen entwickeln sich – Kinder brauchen Zeit
Prof. Dr. Gabriele Weigand betonte, dass Begabung keine unveränderliche Eigenschaft ist, sondern sich durch geeignete Lernbedingungen entwickelt. Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien würden häufig unterschätzt und ihre Potenziale übersehen. Längeres gemeinsames Lernen eröffne die Chance, diese Fähigkeiten besser zu erkennen und zu fördern. Zudem könnten leistungsschwächere Kinder von leistungsstärkeren profitieren, ohne dass Letztere dadurch zwangsläufig Nachteile erfahren. Gemeinsames Lernen stärke darüber hinaus soziale Kompetenzen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Gemeinschaftsschulen ermöglichen – wo Kommunen und Schulen es wollen
Das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern fordert deshalb nicht etwa die flächendeckende Umgestaltung des bayerischen Schulsystems, sondern dessen Erweiterung um die Gemeinschaftsschule als zusätzliche, gleichberechtigte Schulart. Kommunen und Schulstandorte, die ein entsprechendes pädagogisches Konzept entwickeln und umsetzen möchten, müssen dafür endlich die rechtlichen Möglichkeiten erhalten.
„Wir wollen niemandem eine Schulform wegnehmen. Wir wollen zusätzliche Möglichkeiten schaffen – für Kinder, Eltern und Kommunen. Wenn vor Ort der Wille besteht, eine Gemeinschaftsschule aufzubauen, darf die bayerische Schulpolitik diese Entwicklung nicht länger blockieren“, erklärt Dr. Gerald Klenk, Sprecher des Bündnisses.
Entsprechende Initiativen gab es in den vergangenen Jahren wiederholt in verschiedenen bayerischen Regionen, zuletzt auch in der Landeshauptstadt München.
Prof. Dr. Weigand sprach sich in der Anhörung ausdrücklich dafür aus, unter geeigneten räumlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen Schulversuche zu ermöglichen und deren Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des gesamten Schulsystems zu nutzen.
Gerade im ländlichen Raum können innovative Schulen zudem weit über ihren Bildungsauftrag hinaus wirken: Sie sichern wohnortnahe Bildungsangebote, stärken die Attraktivität von Kommunen und können sogar neue Familien anziehen.
„Eine gute Schule ist nicht nur ein Gewinn für die Kinder, sondern für die gesamte Gemeinde. Gerade strukturschwächere Regionen brauchen die Freiheit, mit überzeugenden Schulkonzepten ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Bayern sollte solche Initiativen unterstützen statt verhindern“, betont Christine Lindner, Sprecherin des Bündnisses.
Das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern fordert die Staatsregierung auf, die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst zu nehmen und den Weg für Gemeinschaftsschulen als zusätzliche Schulart zu öffnen. Wo Kommunen, Schulen und Eltern bereit sind, neue Wege zu gehen, muss Bayern diese ermöglichen.
Die öffentliche Anhörung kann unter folgendem Link in voller Länge nachverfolgt werden: https://www.youtube.com/live/EZzAQluaQi4?si=kExswjpkw9nZWK8b.
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