Gegen die "Testeritis"
An deutschen Schulen wird so viel getestet, verglichen und evaluiert wie nie zuvor. In sieben Ländern – ab 2008 dann in allen 16 Bundesländern – schwitzen die Drittklässler über VERA-Tests. Allein in Nordrhein-Westfalen füllten rund 180.000 Kinder die Prüfungshefte eines Forscherteams der Universität Landau aus. Die Lehrerkräfte mussten die Deutsch- und Mathetests selbst bewerten und die Ergebnisse per Internet an eine zentrale Datensammelstelle senden. In den letzten Tagen haben sie erfahren, wo ihre Klasse "im Landesschnitt" steht, sonst passierte nicht viel.
05.09.2007 Pressemeldung Grundschulverband e.V.Gegen schlechtes Abschneiden in internationalen Vergleichstests wie PISA, so glauben Deutschlands Schulminister, hilft vor allem Testen. Zwar hat sich die Kultusministerkonferenz als Reaktion auf den "PISA-Schock" sieben Verbesserungsstrategien vorgenommen – darunter Sprachkurse für Migrantenkinder, mehr Ganztagsschulen, gezielte Leseförderung –, doch konsequent umgesetzt haben sie bislang nur eine: Flächendeckende Tests! Dahinter steht die vage Hoffnung, dass vom Überprüfen alles auch irgendwie besser wird. Nach PISA verfallen Bildungspolitik und Ministerialbürokratie buchstäblich in eine Manie des quantitativen Testens und Klassifizierens und vernachlässigen den pädagogischen Auftrag der Schule. Die Schulpolitik wollte Vergleichstests als Leistungsbarometer einführen. Entsprechend werden die Testergebnisse gehandelt: als Anzeiger des aktuellen Bildungsstandes in den Schulen. Die Wissenschaftler sind in dieser Strategie offenbar gefangen: Denn eigentlich wissen sie, dass Vergleichstests nur höchst begrenzte Ausschnitte aus dem spiegeln können, was als "Bildungsstandards" definiert wurde. Erziehungswissenschaftler warnen vor den Folgen der empirischen Evaluation für das deutsche Bildungssystem. "Das ständige Messen, Managen und Zollstock ansetzen", so HORST BARTNITZKY, Vorsitzender des Grundschulverbandes, "läuft der Zielvorstellung einer ´guten Schule´ diametral entgegen. Die grassierende ´Testeritis´ macht Kinder lernunwilliger statt erfolgreicher."
Bildungsinhalte werden dadurch drastisch verkürzt. Im Zentrum der "Output-Beobachtung" liegen die Bereiche, die in den internationalen Tests besonders im Blickpunkt stehen. Deshalb gibt es Bildungsstandards auch nur für Deutsch und Mathematik – und nur auf diese Fächer beziehen sich die Vergleichsarbeiten. Alle anderen Fächer wie Sachunterricht, Musik, Kunst, Sport werden, der schulpolitischen und öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen, zur Nebensache. HORST BARTNITZKY weiter: "Die flächendeckende ´Testeritis" beschädigt die Unterrichtskultur: Das Lernen wird auf die Vermittlung von überprüfbaren Zielen reduziert. Damit wird der Blick auf nachhaltig wirksame und qualifizierende Bildungsprozesse verstellt, die außerhalb von Papier- Bleistift-Evaluierungen liegen." Ästhetische Bildung, Friedens- und Umwelterziehung, neue Medien z.B. galten vor Jahr und Tag noch als wichtige überfachliche Felder - als seien sie über Nacht unwichtig geworden, spielen sie nur noch eine Randrolle. Selbst in den getesteten Fächern begrenzen sich die Tests auf leicht abhakbare Ausschnitte der Lerninhalte. Diese fachlich eng begrenzten Ergebnisse werden nun Schulen und Eltern in Tabellenform vorgelegt, so als seien sie Aussagen zum Leistungsprofil der einzelnen Kinder. In den Schulen werden die Leistungsprofile der Parallelklassen veröffentlicht – so entsteht ein innerschulisches "Ranking" – Vergleiche ohne Hand und Fuß zwar, aber im Resultat: Testorientierter Unterricht wird zum Leitbild für Schulentwicklung. "Solche Art Tabellen-Akrobatik", stellt HORST BARTNITZKY fest, "ist weder für die pädagogische Praxis, noch für Eltern, erst recht nicht für die Kinder hilfreich."
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