Gemeinsam turnen - getrennt rechnen
(redaktion) Ende vergangenen Jahres hatte die nordrhein-westfälische FDP erstmals das Konzept einer "Regionalen Mittelschule" vorgelegt und war damit vom Koalitionspartner CDU und von der bislang gemeinsamen Schulpolitik abgerückt, die auf das dreigliedrige Schulsystem setzt. An der Eigenständigkeit des Gymnasiums allerdings wollen auch die Liberalen nicht rütteln. Im Interview mit [Dr. Peter Pahmeyer](http://schulstruktur.com/6.html) nimmt der Vorsitzende des FDP-Bezirksverbandes Ruhr, Dr. Andreas Reichel, Stellung zum FDP-Konzept einer "Regionalen Mittelschule"
03.06.2008 ArtikelIhre Partei unternimmt Schritte in Richtung auf eine zweigliedrige Schulstruktur in Nordrhein-Westfalen. Das bildungspolitische Vorhaben trägt den Arbeitstitel "Regionale Mittelschule". Was haben wir uns darunter vorzustellen?
Andreas Reichel: Zunächst geht es – wie der Arbeitstitel schon andeutet – um mehr regionale Autonomie, also darum, bestehende Möglichkeiten Schulverbünde von Haupt- und Realschulen zu bilden, weiterzuentwickeln. Unter dem Dach dieser regionalen Schulen soll es – ohne Genehmigungsvorbehalt des Landes - ein differenziertes Angebot an Abschlüssen und Bildungsgängen geben. Bildungsgänge könnten aber auch verzahnt werden, gemeinsamer Unterricht in Mathematik kommt dabei sicher seltener, gemeinsamer Sportunterricht umso häufiger in Frage.
Im November will die FDP im Beisein von Bildungsexpertinnen und -experten auf einem Sonderparteitag über diese Thematik beraten und ihr Modell konzeptionell verfeinern. Nun ist es auch in ihrer Partei nicht einfach, in bildungspolitischen Streitfragen einen tragfähigen Konsens herbeizuführen. Wie erklären Sie Ihren Mitgliedern, warum wir nach 2010 in NRW eine "Regionale Mittelschule" benötigen?
Andreas Reichel: Geplant ist ein Fachkongress mit Experten des Schul- und Bildungswesens am 21. Juni in Düsseldorf, eine abschließende Beschlussfassung dann am 8. November auf dem Landesparteitag. Es besteht also noch viel Zeit und Gelegenheit, sich in den Diskussionsprozess einzubringen. Eine Besonderheit ist auch, dass die FDP nicht die Ideologie verfolgt, ein bestimmtes Schulmodell flächendeckend zu erzwingen. Wo das bisher gegliederte Schulwesen funktioniert, besteht kein Änderungsbedarf. Dort aber, wo gewünscht und nötig, dort, wo auf Grund demografischer Entwicklungen Wahlalternativen im Schulangebot nicht mehr möglich wären oder Hauptschulen zu Problemschulen verkümmert sind, bietet die regionale Mittelschule neue Handlungsmöglichkeiten, eine Vielfalt der Bildungsangebote vor Ort zu erhalten und so dem Elternwillen Rechnung getragen wird.
In Hamburg haben sich kürzlich CDU und GAL auf einen Kompromiss in der Schulstrukturfrage verständigt: Längeres gemeinsames Lernen der Kinder in Primarschulen. Nach der sechsten Klasse besuchen die Schülerinnen und Schüler in der Regel entweder Gymnasien oder so genannte Stadtteilschulen, eine Schulform, in der Gesamtschulen, Realschulen und aufgelöste Hauptschulen aufgehen sollen. Gymnasium und Stadtteilschule bieten beide das Abitur als den höchsten erreichbaren Schulabschluss an. Entspricht nicht die Hamburger Stadtteilschule der "Regionale Mittelschule", die Sie anstreben?
Andreas Reichel: Nein, in unserem Modell bleibt es bei vier Jahren Grundschule. Wie dargestellt hat die regionale Mittelschule auch nicht zwingend voll integrierte Bildungsgänge, ist also gerade keine verkappte Gesamtschule, sondern greift bewährte Inhalte der Bildungsgänge von Haupt- und Realschule auf und sichert diese in einem neuen Verbund.
Wichtig ist uns die Verknüpfung der regionalen Mittelschule mit einem adäquaten Oberstufenangebot, das aber im beruflichen Bildungswesen, also in Berufskolleges eingebunden und damit gerade eine Alternative zur gymnasialen Oberstufe sein soll. Im Ergebnis stellt sich die regionale Mittelschule damit als echte Gymnasialalternative dar. Gemeinsam mit ihrer berufsgymnasialen Oberstufe führt sie – wie das Gymnasium – zu jedem Abschluss. Die Eltern können sich nach der Grundschule für also ohne falschen Ehrgeiz für zwei inhaltliche Bildungswege entscheiden, die aber beide jede Abschlusschance für ihr Kind anbieten.
Bis zu den Landtagswahlen 2010 werden Sie an die Koalitionsvereinbarungen gebunden sein, die CDU und FDP in NRW vereinbart haben. Danach müssen Sie Ihre Konzepte im demokratischen Wettstreit mit konkurrierenden Parteien profilieren. Sie stehen dann zwischen den Gemeinschaftsschul-Positionen von SPD und Grünen und dem Festhalten an der traditionellen Schulstruktur inklusive dem Ausbau der Hauptschule, vertreten von der CDU. In welcher Konstellation erwarten Sie nach 2010 persönlich am ehesten bildungspolitische Annäherungen?
Andreas Reichel: Die FDP setzt mit ihrem Modell einen bildungspolitischen Orientierungspunkt, an dem niemand, der langfristig und verantwortlich denkt, so leicht vorbei kommt. Diejenigen bei SPD und Grünen, die immer noch an der Einheitsschulideologie festhalten, müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie gegen den Elternwillen und auch gegen inzwischen allseits bekannte Erkenntnisse über die Performance der Gesamtschule - gemessen an ihren eigenen Ansprüchen - handeln. Weite Teile der CDU verschließen noch die Augen vor veränderten Realitäten. Viele wackere Verfechter der Hauptschule kämen nicht im Traum auf die Idee, ihre eigenen Kinder dort hin zu schicken. Aber in allen Parteien gibt es Bewegung. Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass Kurt Lauk, MdEP, Vorsitzender des Wirtschaftsrates, sich in diesen Tagen für das Zwei-Säulen-Modell ausgesprochen hat. Insofern gehen wir davon aus, insbesondere unserem nordrheinwestfälischen Partner Union mit unseren Initiativen Impulse zu geben.
schulstruktur.com: Von welchem Bundesland könnte NRW im Hinblick auf die Schulstruktur nach Ihrer Auffassung am ehesten lernen?
Andreas Reichel: Alle Modelle haben Vor- und Nachteile. Auch die regionale Situation unterscheidet sich. Deswegen lassen wir uns von Bayern und Baden- Württemberg genauso inspirieren wie von Sachen und Thüringen. Vor allem aber ist klar, dass NRW mit seiner ausgeprägten Vielfalt unterschiedlicher Regionalstrukturen - von Städtestrukturen wie im Ruhrgebiet über Stadt- Umlandstrukturen wie im Rheinland oder dem Münsterland bis hin zu agrarischen Strukturen - passgenaue regionale Lösungen anbieten und damit seinen eigenen Weg gehen muss.
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com
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