Gemeinsame Sache machen: Eltern und Schule

(sl). Bei internationalen Bildungsvergleichen landet Finnland stets ganz vorne. Der Erfolg hat viele Gründe. Einer gilt als wenig spektakulär und ist dennoch entscheidend: Eltern und Lehrer betrachten sich als Freunde, die nur eines im Sinn haben – das Wohl des Kindes.

14.03.2007 Artikel
  • © klett.de

Mirko ist sichtlich verwundert. Der 14-Jährige ist erst kürzlich mit seinen Eltern nach Helsinki gezogen. Dort besucht er die Deutsche Schule. Sehr deutsch ist sie aber nicht – finden Mirko und seine Eltern. Mit offenen Armen wurden sie in der Schule empfangen. Beim "Aufnahmegespräch" wurden sie gefragt, wie sie sich denn die Schule für ihr Kind vorstellen könnten, was sie erwarteten und welche Ziele sie mit ihrem Sohn vereinbart hätten. "Ehrlich, ich dachte, ich höre nicht recht", gesteht der begeisterte Vater. In Deutschland habe man ihnen beim Vorstellungstermin erläutert, was man von den Kindern erwarte, was erlaubt sei und was nicht. "Und die Bedeutung des Fördervereins wurde natürlich nicht vergessen." Mirkos Eltern zählen sich nicht zu den Nörglern, räumen ein, dass sie vielleicht nur Pech gehabt haben in Deutschland. Das Aber folgt auf dem Fuß: "Viele Freunde haben uns von ähnlichen Erfahrungen berichtet."

Finnland auch bei Elternarbeit Spitze

Wenn Rainer Domisch diese Schilderungen vernimmt, weiß er nicht, ob er lachen oder weinen soll. Von Helsinki aus beobachtet der Mann, der vor knapp 30 Jahren den Job als Lehrer in Baden-Württemberg gegen eine Aufgabe im Zentralamt für das Unterrichtswesen tauschte, aufmerksam die Entwicklung in seiner Heimat.

Der Vater von vier Kindern ist zu höflich, um lautstark seine Kritik zu äußern. Das tut der international anerkannte Experte hinter geschlossenen Türen. Etwa, wenn er als Vorsitzender einer Regierungskommission in Mecklenburg- Vorpommern an den Bildungsplänen des Landes feilt. In der Öffentlichkeit schildert der 60-Jährige lieber die Verhältnisse in Finnland – sollen sich die Menschen doch ihr eigenes Urteil bilden. Auch über das Miteinander von Schule und Elternhaus.

Domisch wirkt nachdenklich, wenn er die Krise beim Bundeselternrat (BER) beobachtet und erlebt, wie künftig wohl in jedem Bundesland die Vertreter jeder Schulform ihr eigenes Süppchen kochen werden. Er wirkt nachdenklich, wenn er hört, wie ermüdet und deprimiert kürzlich Wilfried Steinert als Vorsitzender des BER das Handtuch warf.

Unterrichtsbesuche von Eltern sind normal

Im hohen Norden hat man andere Vorstellungen von Elternmitwirkung. Hier besuchen Eltern, wann immer sie wollen, den Unterricht des Kindes. Formale Elternsprechtage gibt es nicht. Ein- bis zweimal pro Jahr setzen sich Lehrer, Eltern und Schüler hin, sprechen über die Entwicklung, definieren Ziele, denken bei Bedarf über Unterstützung nach.

Gemeinsamkeit, Offenheit, Transparenz und Vertrauen lauten die Regeln. Eltern sind willkommen. Den Umgang mit ihnen lernen angehende Pädagogen in Aus- und Fortbildung. Im Rollenspiel schlüpfen sie in ihre Haut. "Nur wer mit Kindern und Eltern umgehen kann, kann Lehrer werden", berichtet Domisch und hält das für das Normalste der Welt.

Eltern ernst nehmen

"Eltern sind ruhig, wenn sie zufrieden sind", weiß der Bildungsexperte. Das aber sind sie nur, wenn sie sich ernst genommen fühlen. "Und", so fügt Domisch hinzu, "wenn sie wissen, dass wir auf sie zukommen, wenn etwas nicht so gut läuft." Dann tauscht man sich aus, verhängt keine Strafen, sondern überlegt, wie dem Kind geholfen werden kann. Der Schülerbetreuungsausschuss, in dem die Eltern mitwirken, behält die Entwicklung jedes einzelnen Kindes im Auge.

So viel Positives ist Domisch fast peinlich. "Es gibt sicher auch Dinge, die nicht so optimal funktionieren zwischen Schule und Elternhaus", räumt er ein. Doch die Richtung stimme. Obrigkeitsdenken sei ihnen fremd in Finnland. Das wird auch an Terminen deutlich: Elterngespräche finden, wenn erforderlich, auch abends statt.

"Wir müssen uns doch danach richten, wann die Eltern können", weiß Domisch. Elternarbeit in Finnland, das heißt nicht nur Feste vorbereiten und Klassenzimmer streichen. Das heißt auch, Stellung zu beziehen zum Lehrplan oder zum Unterricht, Mitarbeit im Schulvorstand und an der Weiterentwicklung der Bildungs- und Erziehungsziele. Domisch: "Es wird erwartet, dass Eltern viel mit der Schule zu tun haben." Die Entwicklung der Schulkultur kann jeder nachvollziehen: Im Intranet wird sie offen gelegt.

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden