Gerecht bewerten – aber wie?

(dg) In immer mehr Bildungsplänen der Länder ist sie vorgesehen: die eigenständige Arbeit an einem Projekt mit anschließender Präsentation. Doch wie sollen Lehrer eine Leistung einschätzen, die vor allem zu Hause erbracht wird?

16.05.2007 Artikel
  • © Klett Verlag

Das Kürzel GFS steht für "gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen". Im Zuge der baden-württembergischen Bildungsplanreform müssen Schüler in der Sekundarstufe I Themen auch selbstständig und weitgehend außerhalb des Unterrichts bearbeiten. Die Ergebnisse werden dann meist vor den Klassenkameraden präsentiert. Durch die neue Leistungsform sollen neben dem fachlichen Können auch fächerübergreifende Fähigkeiten wie zum Beispiel die Methoden- und die Präsentationskompetenz, aber auch die personale Kompetenz gefördert und bewertet werden. Auch in anderen Bundesländern sind die Projektarbeit und die Erstellung eines Projektberichtes deshalb fest in den Bildungsplänen aller Schultypen verankert.

Thomas Dreher vom Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Realschulen) Reutlingen kennt für GFS aber auch noch andere Übersetzungen: "Ganze Familie schafft" zum Beispiel. Denn die Leistung wird vor allem zu Hause erbracht – vom Schüler und nicht selten auch von seinen Eltern. Das könne aber nicht Sinn der Sache sein, so Dreher. Je mehr der Schüler bei seiner Arbeit unterstützt werde, desto geringer fallen seine Kompetenzzuwächse gerade in den Bereichen aus, die durch die neuen Leistungsformen gefördert werden sollen – und desto schwieriger werde eine korrekte und gerechte Bewertung der gezeigten Leistungen für den Lehrer.

Früh übt sich

"Vor allem im Berufsleben spielt die mündliche Sprachkompetenz eine immer größere Rolle", erklärt Maria Loise Theisinger. Sie unterrichtet Mathematik an der Geschwister-Scholl-Realschule in Riedlingen und muss dabei auch GFS bewerten. Egal, ob ihre Schüler einmal Handwerker oder Akademiker werden: Sie werden im Beruf eigene Positionen verständlich vortragen und Ideen im Gespräch verteidigen müssen.

Das können Schüler auch beim Debattieren lernen. 50 000 Schüler an 450 Schulen deutschlandweit nehmen im Schuljahr 2006/07 an "Jugend debattiert" teil. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Horst Köhler will das Projekt sprachliche und politische Bildung fördern und die Meinungs- und Persönlichkeitsbildung der Schüler vorantreiben. Aufbauend auf Unterrichtseinheiten zum Debattieren in Klassen und Kursen werden zunächst auf Klassen-, später auf Landes- und schließlich Bundesebene die Sieger des Wettbewerbs ermittelt. Mit rund 5,8 Millionen Euro ist "Jugend debattiert" das größte privat finanzierte Projekt zur sprachlichen und politischen Bildung in Deutschland.

Fair bewerten – aber wie?

Vorgegebene Checklisten helfen den Juroren bei der Debatte, die Leistung der Schüler zu beurteilen. Für Präsentationen im Unterricht gibt es solche einheitlichen Kriterienkataloge nicht. Jeder Lehrer muss für sich eigene Richtlinien erstellen. "Jede Präsentation ist nur das eine Mal zu sehen, kann nicht nachgelesen oder wiederholt werden", erläutert Theisinger, "deshalb muss die Bewertung gut vorbereitet sein."

Die Kriterien müssen den Schülern außerdem im Voraus bekannt sein. Eine Absprache innerhalb der Schule beziehungsweise zwischen den Kollegen einer Klassenstufe ist dabei sinnvoll. Eher subjektive Eindrücke wie "angemessen" oder "adressatengerecht" können nur im Austausch objektiviert werden. Denn was vom Schüler beim Präsentieren erwartet werden kann, ist auch vom Schultyp und der Klassenstufe abhängig.

Ob der Schüler das Referat allein erbracht hat oder ob er Hilfe hatte, erkennen die Lehrer dabei meist sehr schnell: "Manche Eltern unterstützen die Vorbereitung sehr, andere können das einfach nicht", meint Lehrerin Maria Loise Theisinger "Teilweise treibt dies Blüten, weil zum Beispiel auch Nachhilfelehrer manchmal zu unterstützend eingreifen."

Leistung sichtbar machen

Das größte Problem der Bewertung bleibt aber, dass ein Teil der Leistung während der eigentlichen Präsentation nicht oder nur indirekt sichtbar wird. Denn die Leistung des Schülers besteht nicht nur aus dem Vortrag selbst. Auch die Wahl eines geeigneten Themas, die Stoffsammlung, die Gliederung und Gewichtung, die sprachliche Ausgestaltung und nicht zuletzt das Vorbereiten von Anschauungsmaterial für den Vortrag sollen in die Note eingehen. Ein Arbeitstagebuch, in dem die Schüler ihre Arbeitsschritte verzeichnen, hilft dem Lehrer, die Arbeit des Schülers genauer einzuschätzen. Zusätzliche Anforderungen wie das Erstellen von Arbeitsblättern oder Übungsaufgaben für die Mitschüler können ebenso in die Bewertung eingehen.

Grundsätzlich gilt aber: Nur was der Schüler zuvor gelernt hat, kann in der Schule auch bewertet werden. Viele kleine Präsentationsaufgaben wie das Präsentieren von Hausaufgaben oder Gruppenergebnissen führen langsam zum Aufbau einer Präsentationskompetenz. Lehreinheiten und Prüfungen zum Präsentieren, Argumentieren und Debattieren erhalten deshalb in allen Fächern mehr Gewicht.

Maria Loise Theisinger sieht das durchaus positiv, aber auch kritisch: "Wir müssen bei der momentanen Entwicklung aufpassen, dass wir im Unterricht genügend Zeit zum Lernen lassen. Das Überprüfen von Leistungen darf nicht im Vordergrund stehen."

  • Kompakt
    In der Schule kommt es immer mehr auf überfachliche Leistungen an, beispielsweise auf die Präsentationskompetenz. Ob bei Projekten oder mündlichen Prüfungen: Auch im Fachvortrag sollen Schüler den Stoff besser verinnerlichen und zusätzliche personale, methodische und soziale Kompetenz erwerben. Die Bewertung dieser Schülerleistungen ist zwar nicht leicht – klare Kriterienkataloge und die Dokumentation des Arbeitsverlaufs können aber helfen.

(Erstveröffentlichung: Klett Themendienst Nr. 38 (5/2007))


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden