Goethe und Schiller in der Hauptschule
(bikl) "Das versteht ja kein Mensch. Warum soll ich mich mit so was plagen?" "Was soll ich mit dem Mist?" Schülersätze, die Haupt- und Realschullehrer nur zu gut aus ihrem Deutschunterricht kennen, sobald es um klassische Texte geht. Wie also die Klassiker lesen, ohne dass die Schüler schon nach den ersten Absätzen abschalten? Der Cornelsen Verlag meint, einen passablen Weg gefunden zu haben.
17.08.2004 ArtikelIm vergangenen Jahr hat der Berliner Schulbuchverlag eine neue Reihe speziell für diese Zielgruppe unter dem Titel "... einfach klassisch" aufgelegt. Das Rezept: Veraltete Ausdrücke und grammatikalische Formen werden in aktuelles Deutsch übertragen. So heißt es zum Beispiel im Urtext von Theodor Storms Schimmelreiter: "Aber der Angorakater war das Kleinod seiner Herrin; er war ihr Geselle und das Einzige, was ihr Sohn, der Matrose, ihr nachgelassen hatte." In "... einfach klassisch" liest sich der Text so: "Aber der Angorakater war das Kostbarste seiner Herrin; er war ihr Geselle und das Einzige, was ihr Sohn, der Matrose, ihr vererbt hatte". Neben den sprachlichen Anpassungen erleichtern Bilder, Fotos, Personenverzeichnisse, Infokästen und Erklärungshilfen im Text den Schülern die Auseinandersetzung mit Werk und Autor.
Diese modernen Lektüreangebote stießen bei vielen Haupt- und Realschullehrern auf Begeisterung, riefen aber auch Kritiker auf den Plan. "Allein die Tatsache, dass etwas schwer zu erlernen ist, rechtfertigt nie die Abschaffung des Lerngegenstands ", warnte der Deutsche Germanistenverband in Heft 4/2003 seiner Mitteilungen. "Viele Passagen sind durch kleine Inhaltsangaben ersetzt, sogar ergänzt durch Infokästen im Stil der Nachrichtenillustrierten Focus" mokierte sich die ZEIT. (31/2004)
Storm und Schiller im Focus-Stil? Das sieht man in Berlin anders. "Besonders aus Haupt- und Realschulen wurde uns immer wieder gemeldet, dass wegen der Lesefähigkeit der Schüler die zur Verfügung stehende Zeit dort nicht ausreicht, um klassische Texte zu lesen und zu entschlüsseln, geschweige denn, zum wesentlichen Gedanken vorzudringen und sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen", erklärt Verlagssprecherin Irina Pächnatz.
Bestätigt wird der Verlag in seinem Vorhaben von vielen Zuschriften aus den Schulen. "Eine Kollegin und ich haben uns entschieden, in der Jahrgangsstufe 8 die "Judenbuche" zu lesen. Wir sind wirklich begeistert. In einer 8. Klasse Realschule (19 Jungen!, 6 Mädchen) kommt dieser Klassiker jetzt richtig gut an: Die Schüler sind offen für die Thematik und interessiert und arbeitseifrig. Das hat einfach überzeugt," heißt es in dem Brief einer Realschullehrerin und eine Hauptschullehrerin schreibt: "Wenn es wünschenswert ist, dass sich heutige Schüler, die nicht nur aus akademischen Elternhäusern kommen, auch mit klassischer Literatur auseinandersetzen, muss man am Verständnis dieser Schüler anknüpfen. Vielleicht ist es am Gymnasium leichter, die Schüler mit der Originalsprache, die ja durchaus ihren Reiz hat, zu konfrontieren. An der Hauptschule ist das jedenfalls für die Förderung der Leselust kontraproduktiv."
"Die Frage Original oder Vereinfachung", so Irina Pächnatz "stellt sich an diesen Schulen nicht, sondern nur Vereinfachung oder gar keine Klassik. Unser Ziel ist es aber, allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, Klassiker zu lesen."
Neben den "coolen" Klassikern bringt Cornelsen auch weiterhin die "echten" Klassiker als Schullektüre - den Lehrern bleibt also die Wahl zwischen den unterschiedlichen Angeboten.
Bisher erschienen:
... einfach klassisch
Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
ISBN 3-464-60943-X
2,20 Euro
... einfach klassisch
Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen
ISBN 3-464-60940-5
2,70 Euro
... einfach klassisch
Friedrich Schiller: Wilhelm Tell
ISBN 3-464-60939-1
3,20 Euro
... einfach klassisch
Theodor Storm: der Schimmelreiter
ISBN 3-464-60942-1
3,20 Euro
... einfach klassisch
Gottfried Keller: Kleider machen Leute
ISBN 3-464-60944-8
2,20 Euro
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