Gravierende Probleme im "Bildungsland Bayern"
Bildung muss Megathema im Landtagswahlkampf sein" - diesen Appell hat der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, an alle Parteien gerichtet, die sich zur Landtagswahl stellen.
18.01.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.""Es gibt im ´Bildungsland Bayern´ eine ganze Reihe ungelöster Probleme", sagte er heute in München. So sei beispielsweise immer noch offen, wie das bayerische Gymnasium zukunftsfähig gestaltet oder der antiquierte Lern- und Leistungsbegriff an den Schulen überwunden werden könnte. Erschwerend hinzu komme der Personalmangel: "Seit Jahren ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht. Auch Schulleitungen sehen sich im Stich gelassen. Der Schulalltag sei geprägt von einem steigenden Leistungsdruck, der bereits in der Grundschule einsetze und Lehrer wie Schüler krank mache. "Größte Sorge bereitet mir jedoch die sich verschärfende Bildungsungerechtigkeit im Flächenstaat Bayern", betonte Wenzel. Bildungspartizipation hänge immer stärker von Wohnort und Herkunft ab. In vielen Regionen drohen ganze Schullandschaften zu veröden. "In der Summe lösen die Probleme bei vielen Menschen die Angst aus, Teilhabe und Wohlstand zu verlieren." Diese Angst hätte längst die kleinste Keimzelle der Gesellschaft erreicht: Die Familie. Darauf müsse die Schulpolitik reagieren und dafür Sorge tragen, dass wieder mehr Ruhe und Besinnung in die Schulen einkehren könne.
Die Probleme dürften nicht aus dem Landtagswahlkampf ausgeklammert werden, forderte der BLLV-Präsident. Sie müssten vielmehr transparent gemacht und offen diskutiert werden. "Bildung muss Megathema sein, denn von der Qualität der Bildung hängen die Zukunftsfähigkeit eines Landes und die Gesundheit einer Gesellschaft ab." Um die Situation an den Schulen spürbar zu verbessern, müssten Blockaden überwunden und neues Denken zugelassen werden.
Für die ständig von Scheinreformen belästigten Gymnasien bedeutet dies, die Lehrpläne grundlegend zu reformieren und neue Unterrichtsmethoden zu etablieren. Die Zusammenfassung einzelner Fächer zu "Domänen" und interdisziplinäres Arbeiten rücken in den Vordergrund. Wenzel: "Die Schüler werden tatsächlich individuell gefördert, im Mittelpunkt stehen ihre Bedürfnisse und die der Lehrer." Solche Veränderungen machten die Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes erforderlich und zögen auch Reformen in der Lehrerbildung wie eine Aufwertung der Erziehungswissenschaften nach sich. "Gymnasiale Lehrkräfte brauchen die Möglichkeit, Beziehungen aufzubauen, um mit den Jugendlichen wertvolle Bildungsprozesse gestalten zu können."
Basis für Veränderungen müsste ein neues Lern- und Leistungsverständnis sein, das nicht nur an den Gymnasien, sondern an allen Schularten einzuführen sei. Es müsste aus Sicht des BLLV gerade auch bei der gegenwärtig stattfindenden Überarbeitung der Grundschullehrpläne eine entscheidende Rolle spielen. "Modernes Lernen basiert auf Motivation, Anerkennung und individueller Förderung", erklärte Wenzel. Diese Faktoren kämen jedoch an den Schulen zu kurz. "Die Lehrpläne sind zu voll, die Prüfungsdichte zu hoch, die erforderliche Zeit nicht vorhanden. Stattdessen dreht sich alles um Noten und Berechtigungen." In einem schul- und bildungspolitisch ausgerichteten Landtagswahlkampf müssten deshalb auch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung erörtert werden.
Das Problem der mangelnden Unterrichtsversorgung sei einfach in den Griff zu bekommen: "Erstens braucht es die Erkenntnis, dass es so nicht mehr weitergehen kann und zweitens braucht es den Willen, Verbesserungen einzuleiten und dafür Geld in die Hand zu nehmen, um mehr Lehrer einzustellen." Wer Bildung zur Priorität erkläre, müsse dafür sorgen, dass sich Lehrer gemeinsam mit ihren Schülern um anspruchsvolle Bildung kümmern könnten - "dafür braucht es Rahmenbedingungen wie z.B. kleinere Klassen, Möglichkeiten zur individuellen Förderung, ein breit aufgestelltes schulisches Angebot und rhythmisierte Ganztagsangebote, die sich am tatsächlichen Bedarf orientieren." Auch diese Zusammenhänge gelte es im Landtagswahlkampf transparenter zu machen.
Thematisiert werden muss nach Auffassung des BLLV auch der absurde Druck, der vor allem an den bayerischen Grundschulen herrscht. "Es darf nicht länger hingenommen werden, dass zehnjährige Kinder krank werden, Angst vor der Schule haben und sich komplett überfordert fühlen", verlangte Wenzel. Nötig seien Reformen, die Linderung schafften. Es dürfe auch nicht übersehen werden, dass sich der Druck nach der Grundschule fortsetze. "Es ist grundsätzlich zu diskutieren, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die aus Heranwachsenden Zeitmanager macht, die ein Arbeitspensum wie Erwachsene zu bewältigen haben und in der Folge krank werden."
Die größte Herausforderung für die Politik stellt für Wenzel der Abbau der Bildungsungerechtigkeit dar, die auch mit der demografischen Entwicklung zusammenhängt. Die Problematik müsse im Landtagswahlkampf eine zentrale Rolle spielen. "Weil Bildungsangebote stark variieren, hängt Bildungserfolg auch vom Wohnort ab", erklärte der BLLV-Präsident. Es gebe zu viele Regionen, die sich schwer tun, nach den vierten Jahrgangsstufen Bildungsangebote aufrecht erhalten zu können. Die künftige Regierung müsse diese Defizite ausgleichen und Maßnahmen ergreifen, die allen Menschen gleiche Bildungszugänge ermöglichen. Nur so sei Bildungsgerechtigkeit zu sichern. "Im Kern geht es darum, wie viel Gestaltungsfreiheiten die künftige Staatsregierung den Kommunen bei der Ausgestaltung ihres schulischen Angebotes lassen wird. Bis jetzt stehen nicht die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger, sondern überholte Ansichten im Vordergrund."
Wenzel bot allen Parteien die Expertise des BLLV im Landtagswahlkampf an.
Keine Kommentare vorhanden