Grundschulkinder für Architektur interessieren
(jg.) Gotik, Barock, Jugendstil, Bauhaus – wer durch große Städte geht, der kann verschiedene Epochen der Baukunst bestaunen. Allerdings fehlt vielen Menschen der Blick für die Besonderheiten der Architektur, nicht zuletzt, weil es an der Vermittlung von klein auf haperte. In Wolfsburg, die von der Nachkriegsmoderne geprägte jüngste deutsche Großstadt, führt man schon Kinder an ihre besondere gebaute Umwelt heran.
27.06.2014 Artikel26 Grundschüler stehen morgens mit ihren beiden Klassenlehrerinnen auf dem Dach des zehnstöckigen Rathauses und sehen sich ihre Stadt von oben an. Die Erst- bis Viertklässler haben einen besonderen Schultag vor sich – sie befassen sich heute mit der Architektur ihrer modernen Stadt, die 1938 als "Stadt des KdF-Wagens" gegründet wurde und bis heute vom Volkswagenwerk geprägt wird. Wo ist das Zentrum? Wie verlaufen die Wege? Welche Stadtteile erkennen wir? Was gibt es für unterschiedliche Gebäude? Dabei werden sie selber zu Bauherren, indem sie in Kleingruppen Modelle von Einfamilien-, Zeilen- und Hochhäusern aus Pappe herstellen, Wege anlegen und für die Begrünung sorgen. Damit diese Gebäude von der Größe her zueinander passen, lernen die Mädchen und Jungen zunächst einmal, was ein Maßstab ist.
"Die Schüler müssen rechnen, handwerkliches Geschick ist gefragt, sie lernen, im Team zu arbeiten. Beim Bau ihrer Modelle fließen nicht nur eigene Erfahrungen ein: Ein Rathaus wird oft mit Säulen versehen oder Kirchen haben typische alte Formen, auch wenn es solche Bauten in Wolfsburg gar nicht gibt", sagt Nicole Froberg. Die Architektin ist Leiterin des Forums Architektur der Stadt Wolfsburg und organisiert regelmäßig solche Projekttage. Dabei will sie den Blick der Schüler für ihre bebaute Umgebung schärfen. Aus ihrer Sicht eine dankbare Aufgabe: "Kinder nehmen ihre Umwelt viel bewusster als Erwachsene wahr."
Niclas, Marc, Ben, Julia und Andromeda fertigen Bäume aus Pappe an. Die beiden Mädchen zeichnen einen geschwungenen Weg und markieren die Stellen für die Pappbäume. "Macht mal dort die Punkte, wo die Bögen der Straße sich befinden", empfiehlt ihre Gruppenleiterin Monika Piehl, die ebenfalls Architektin ist. Matteo hat in einer anderen Gruppe ein dreiteiliges Wohnhaus mit Schrägdach gebaut, das nach hinten hin immer größer wird. "Ich habe so etwas noch nie gesehen, da würde ich gerne drin wohnen." Die Kinder leben entweder in Einfamilienhäusern oder in vierstöckigen Blöcken.
Nach drei Stunden Bauzeit setzen die Schüler ihre Werke auf eine große Holzplatte. Entlang der in der Mitte verlaufenden Straße werden jeweils einander gegenüber Einfamilienhäuser und Hochhäuser platziert. Kirche und Rathaus befinden sich in der Mitte, das Schloss am Rand – wie in der Realität in Wolfsburg. Dann zählen die Kinder auf, was alles noch fehlt, damit die Stadt vollständig ist: Spielplatz, Geschäfte, Teiche, Schwimmbad, Bahnhof und Schienen, Hotel, Kindergarten, Kino, Moschee, Menschen.
"Einzelne Häuser werden schon mal im Werkunterricht gebaut, aber Stadtarchitektur als Ganzes spielt im Unterricht keine Rolle. Es fehlen dazu die Lehrmaterialien. Außerdem leiten hier vier Erwachsene vier Gruppen, in der Schule ist das für einen Lehrer alleine schwieriger", sagt die Klassenlehrerin Karin Buschmann. Während über die Gestaltung der eigenen Stadt in der Grundschule vor allem im Sachunterricht gesprochen wird, ist Architektur in den weiterführenden Schulen am ehesten noch im Fach Kunst Thema. "Es gäbe auch genügend Anknüpfungspunkte in Geschichte, Deutsch oder Mathe. Und natürlich Werken, aber das wird kaum noch unterrichtet", bedauert Froberg.
Werner Fütterer, stellvertretender Bundesvorsitzender des BDK Fachverband für Kunstpädagogik, spricht von einem hohen Stellenwert der Architektur: "Das ist seit Jahrzehnten ein dominantes Arbeitsfeld im Kunstunterricht. Eigene Entwürfe und Planungen, Fotografie, plastische Arbeiten – beim Thema Architektur kann sehr praktisch gearbeitet werden." Durch Kooperationen mit Architektenkammern sei das Thema in den letzten Jahren sogar intensiviert worden. Allerdings beobachtet Fütterer, Ausbilder von Kunstpädagogen an der Universität Flensburg, auch eine gegenläufige Entwicklung: "Kunst wird zunehmend fachfremd unterrichtet, was bedeutet, dass dem Lehrer Fachkenntnisse über Architektur fehlen. Zudem konzentriert man sich wegen der Pisa-Studien immer mehr auf die Kernfächer, auf Kosten von Kunst. Da ärgert es mich besonders, dass gerade Defizite beim problemlösenden Lernen beklagt werden. Das praktizieren wir schon seit Jahrzehnten im Kunstunterricht."
Umso mehr loben Fachleute das besondere Engagement in Wolfsburg. Die 124 000 Einwohner zählende Stadt gilt laut Michael Braum, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, als bundesweites Vorbild bei der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen, wenn es um die Gestaltung der Räume geht, in denen sie sich ständig bewegen – den Schulgebäuden. Vor allem dunkle Flure, hohe Räume mit schlechter Akustik und miese Toiletten stören die Schüler. Für ihre Pläne für einen Lese-Dschungel in der Wolfsburger Schillerschule gab es als ersten Preis beim Wettbewerb "Bauen für Kinder und mit Kindern" 10 000 Euro von der Stadt Wolfsburg. Damit konnte eine Schulbibliothek nach den Ideen der Kinder gemütlicher eingerichtet werden, mit mehreren Lesebäumen aus Holz, an denen sich Bücher hochranken, einer Liegeecke und einer Lesehöhle zum Schmökern.
Monika Piehl geht seit 2005 regelmäßig in Wolfsburger Schulklassen, um sich mit Mädchen und Jungen über Architektur zu unterhalten. In einer von ihr geleiteten Architektur-AG gießen Grundschüler Beton, erkunden den Grundriss einer Schule, messen mit Laser und Zollstock alle Räume aus, bauen aus Stöcken, Steinen und Laub ein wasserfestes Haus, erkunden bei einer Spedition, wie LKW-Fahrer in ihrem Fahrerhaus wohnen und schlafen. Piehl berichtet von sehr interessierten Kindern, denen die praktische Arbeit große Freude bereite und die dabei viele ihnen bisher unbekannte Seiten ihrer Stadt entdecken. Piehl: "Ihre eigene Umgebung kennen sie heute oft schlechter als wir früher, denn sie spielen nicht mehr so viel draußen, haben weniger Zeit und sind weniger zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf Erkundungstour unterwegs." ‹‹
Kompakt
Architektur wird in der Schule am ehesten in Sachkunde und Kunst aufgegriffen. Fachleute sind davon überzeugt, dass Architektur auch in zahlreichen anderen Fächern wie Deutsch, Geschichte, Mathematik oder den Naturwissenschaften sinnvoll behandelt werden könnte. In Wolfsburg versucht man stärker als in den meisten anderen Städten, Kinder und Jugendliche für die gebaute Umwelt zu sensibilisieren.
Tipp
Architektenkammern in den meisten Bundesländern bieten Schulen Projekte zum Thema Architektur an – zu finden auf der Seite der Bundesarchitektenkammer Architektur macht Schule. Die Montag Stiftung Urbane Räume informiert auf ihrer Seite Lernräume über Beispiele von gelungener Architektur bei der Gestaltung von Schulen.
Erstveröffentlichung und aller Rechte: Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 64 (06/2014)
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